Fahrer stehen vor Problemen 1000 Lkw-Parkplätze fehlen an niedersächsischen Autobahnen

Von Nadine Sieker | 11.09.2017, 07:30 Uhr

Rund 10.400 Lkw-Parkplätze gibt es in Niedersachsen auf den Bundesautobahnen. Dennoch fehlen an den hochbelasteten Strecken in den Nachtstunden weitere 1000. Eine Tatsache, die Lkw-Fahrern große Probleme bereitet – und viele Nerven kostet.

Nach einer Lenkzeit von 4,5 Stunden müssen Lkw-Fahrer mindestens 45 Minuten Pause machen, maximal neun Stunden dürfen sie am Tag hinter dem Steuer sitzen. Dann muss eine elfstündige Ruhezeit eingehalten werden. So schreibt es der Gesetzgeber vor. Wer diese Zeiten überschreitet, riskiert Bußgelder. Doch manchmal bleibe ihm gar nichts anderes übrig, sagt der Osnabrücker Carsten Fischer, der als Berufskraftfahrer bei der Spedition Koch International arbeitet.

„Ab 16, 17 Uhr hat man auf der A2 kaum eine Chance , einen Parkplatz zu finden“, sagt Fischer. Früher anfangen, nach einem Stellplatz Ausschau zu halten, könne er nicht. „Wenn ich noch drei, vier Stunden Lenkzeit habe, kann ich nicht schon den ersten freien Platz nehmen. Die Fahrzeit fehlt mir dann am Ende“, sagt er. Also könnten er und seine Berufskollegen im Ernstfall nur vermerken, dass sie sich nirgendwo hinstellen konnten, und hoffen, dass die Polizisten bei einer Kontrolle Verständnis haben.

Studie sucht nach Lösungen

In einer Studie der Universität Duisburg-Essen zusammen mit der IHK Niederrhein, die im Oktober veröffentlicht werden soll, wird nach Lösungen für das Problem gesucht. „Über die Hälfte der für die Studie befragten Fahrer brauchen abends im Durchschnitt 30 bis 60 Minuten, um einen Parkplatz zu finden. 28 Prozent brauchen länger als eine Stunde“, sagt Andreas Hoene vom Zentrum für Logistik und Verkehr der Universität, der an dem Projekt mitarbeitet.

1800 weitere Stellplätze bis 2025

Dass es hakt, ist bekannt: Nach Angaben des niedersächsischen Verkehrsministeriums gibt es in Niedersachsen derzeit rund 10.400 Lkw-Parkplätze auf den Bundesautobahnen – 50 bewirtschaftete und 165 unbewirtschaftete Rastanlagen sowie 38 private Autohöfe. 210 weitere Parkstände sind demnach derzeit im Bau. Und obwohl in den vergangenen neun Jahren rund 2500 neue Stellplätze geschaffen wurden, fehlen „insbesondere mit Blick auf die weiter zunehmende Verkehrsbelastung gerade auf den hochbelasteten niedersächsischen Autobahnabschnitten der A1, A2, A7, A27 und A30 in den Nachtstunden rund 1000 Lkw-Parkstände“, teilt eine Ministeriumssprecherin auf Nachfrage unserer Redaktion mit. „Auf der A2 stehen die Lkw zum Teil in den Pannenbuchten, weil sie keinen Platz finden, oder auf dem Grünstreifen, wo sie absacken und dann von der Polizei geborgen werden müssen“, sagt Berufskraftfahrer Fischer.

Bis Ende 2025 will das Land 1800 weitere Stellplätze schaffen, vor allem an der A1, A2 und A7. Immerhin: Mit Investitionen in Höhe von 100 Millionen Euro zwischen 2008 und 2013 hat das Land so viel in den Parkplatzausbau investiert wie kein anderes in Deutschland.

Verkehr hat stark zugenommen

Doch wer sich mit den Lkw-Fahrern unterhält, der merkt: Die Probleme sind vielschichtiger. Zum einen habe der Lastwagenverkehr stark zugenommen, unter anderem auch durch die Öffnung der Grenzen zu den osteuropäischen Ländern. „Die Osteuropäer blockieren die Parkplätze und stellen sich hin, wie es ihnen passt“, sagt Ulli Przybilla, Lkw-Fahrer aus Fulda, der am frühen Abend einen Stellplatz auf dem Autohof Salzbergen gefunden hat. Mit dieser Meinung ist er nicht alleine. „Die stellen sich auf die Durchfahrtsspur, sodass man 15 Minuten braucht, um sich vom Parkplatz zu quälen – wenn man überhaupt vorbei kommt“, sagt Alfred H., der seit 30 Jahren hinter dem Lkw-Steuer sitzt, seinen vollen Namen an dieser Stelle aber nicht lesen möchte.

„Das kann man so nicht pauschalisieren“, sagt hingegen Studien-Mitarbeiter Hoene. Allerdings gebe es einen Trend, dass Transporte aus Kostengründen und auch wegen Fahrermangels an Drittanbieter ausgelagert würden – häufig an Speditionen aus dem Ausland.

Industriegebiete gesperrt

Zur Verschärfung der Situation kommt es laut dem niederländischen Berufskraftfahrer Hermann Eilander, der gerade an der Raststätte Brockbachtal an der A30 Pause macht, auch durch Baustellen. „Viele Parkplätze sind gesperrt, weil dort gerade gebaut wird.“ Auch er habe häufig Probleme, einen Platz zu finden. In den Niederlanden gebe es im Gegensatz zu Deutschland kaum Parkplätze auf der Autobahn. „Da muss man in die Industriegebiete fahren“, so Eilander. Für Pausen in Deutschland ist das keine Option: „Die meisten Industriegebiete werden mit Pömpeln gesperrt“, sagt sein Berufskollege Ulli Pryzbilla. „Das kann ich aber auch verstehen. Häufig werden sie verdreckt.“

Autohöfe verlangen Parkgebühren

Der Fuldaer ärgert sich darüber, dass viele Autohof-Betreiber mittlerweile Parkgebühren erheben. „Die müssen wir aus eigener Tasche bezahlen“, sagt Pryzbilla. Auch auf dem Rasthof Vechta, der Platz für 100 Lkw hat, muss fürs Parken bezahlt werden. Für die zehn Euro Parkgebühr erhalten die Fahrer einen gleichwertigen Verzehrgutschein. „Früher war der Parkplatz überfüllt. Es waren viele Ausländer hier, die den Platz vermüllt haben. Zum 1. Juni haben wir dann umgestellt. Jetzt liegt die Auslastung bei 90 Prozent“, sagt Standortleiter Guido Häfker.

Gleiche Ladezeiten

Ein weiteres Problem, das die Situation verschärft: die Auf- und Abladezeiten, die bei den meisten Firmen gleich seien. „Alle, die aus einer Richtung kommen, müssten theoretisch gleichzeitig Pause machen“, erklärt Ulrich Höfner, Arbeitgebervertreter im Personen- und Güterverkehr im Gesamtverband Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN). Sein Vorschlag: „Die Zeitfenster der Beteiligten müssen anders geregelt werden. Wir brauchen flexiblere Arbeitszeiten.“

Lösungsvorschläge

Fahrerfreundlichere Touren zu planen, bei denen lange Wartezeiten weit entfernt von der Heimat möglichst vermieden werden, ist ein Lösungsvorschlag, der im Rahmen der Studie erarbeitet worden ist und zugleich die Attraktivität des Kraftfahrerberufes erhöhen könnte. Laut Hoene ist aber ein Mix aus Lösungen möglich, um die Stellplatzproblematik zu entschärfen. Neben investiven könnte eine organisatorische Maßnahme sein, dass bestehende Parkflächen durch Parkleitsysteme und kompakteres Parken besser genutzt werden können. Abhängig von seiner Abfahrtszeit wird dem Fahrer dann ein entsprechender Parkplatz zugewiesen. Eine weitere Möglichkeit ist das Shared-Parking-Geschäftsmodell. „Dabei stellen Speditionen anderen Fahrern ihre Parkplätze zur Verfügung, oder mehrere Unternehmen schließen sich zusammen, um Flächen zu erschließen, auf denen geparkt werden kann“, erklärt Hoene. Denn häufig fehle es in Kommunen an geeigneten Flächen.