Ermittler suchen Ex-Terroristen RAF-Trio soll Supermarkt in Osnabrück überfallen haben

Von Dirk Fisser | 07.06.2016, 13:08 Uhr

Die untergetauchten ehemaligen RAF-Terroristen Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette haben nach Erkenntnissen der Ermittler weit mehr Raubüberfälle begangen als bislang bekannt. Auch in Osnabrück sollen sie zugeschlagen und 60.000 Euro erbeutet haben.

In einer mehrseitigen Mitteilung bestätigten Staatsanwaltschaft Verden und das Landeskriminalamt Niedersachsen das, was schon länger gemutmaßt wurde: Das gesuchte Trio hat womöglich weit mehr Straftaten begangen als die Überfälle auf Geldtransporter am 6. Juni 2015 in Stuhr und 28. Dezember 2015 in Wolfsburg. (Weiterlesen: RAF-Spuren in Stuhr: Noch immer große Betroffenheit)

Sechs Überfälle auf Supermärkte

Die Ermittler rechnen den ehemaligen Mitgliedern der Terrororganisation RAF mindestens sechs Raubüberfälle auf Supermärkte zu, die immer nach dem gleichen Muster abliefen: Dabei hätten sich die Täter unter Vorhalt einer Pistole Zugang zu den Kassenbüros der Läden verschafft und von ihren Opfern die Herausgabe von Geld aus den Tresoren erpresst. Auf diese Weise sollen die Verdächtigen zusammengerechnet fast 400.000 Euro erbeutet haben.

Der Vorfall in Osnabrück

Unter den sechs Überfällen nach diesem Muster listet die Staatsanwaltschaft Verden auch eine Tat am 2. Januar 2015 in Osnabrück auf. 60.000 Euro sollen sie bei dem Überfall auf dem Kaufland-Supermarkt am Kurt-Schumacher-Damm erbeutet haben. Als Tatfahrzeug nennen die Ermittler einen blauen VW Passat Kombi, der in Bielefeld gekauft worden war.

In der Polizeimeldung zu dem Verbrechen hieß es damals, zwei Männer hätten sich gegen 7.50 Uhr mit einem Einkaufswagen im Bereich einer Tierhandlung aufgehalten und dann ein Büro aufgesucht, wo sie zwei Angestellte bedrohten und die Herausgabe von Bargeld forderten. Die Täter beschrieb die Polizei wie folgt: „Beide Männer sollen zwischen 50 und 55 Jahre alt sein. Einer der Räuber ist etwa 1,70 Meter groß, hat kurze graue Haare und einen grauen Oberlippenbart. Der andere ist rund zehn Zentimeter größer als sein Komplize, hager und hat kurze dunkle Haare. Beide waren mit Tüchern oder Schals maskiert.“ (Weiterlesen: Der damalige NOZ-Bericht zum Überfall)

„Täter sind in Geldnot“

Darüber hinaus sollen die Ex-RAF-Terroristen am 30. September 2011 in Celle, am 24. Dezember 2012 in Stade, am 23. August 2014 in Elmshorn, am 19. Oktober 2015 in Northeim und am 7. Mai 2016 in Hildesheim Supermärkte nach ähnlichem Muster überfallen haben. Ziel sei stets das sogenannte Kassenbüro der Läden gewesen. Laut Mitteilung laufen derzeit weitere Überprüfungen von Raubüberfällen, die möglicherweise auf das Konto des untergetauchten Trios gehen. Zudem erklären die Ermittler: „Die Täter sind in Geldnot, sodass weitere Taten nicht auszuschließen sind!“ (Weiterlesen: Seit Jahren gesucht: die ehemaligen RAF-Mitglieder)

4000 Autohändler aufgesucht

Das Trio wird mit großem Aufwand gesucht. Etwa 4000 Autohändler sollen zwischenzeitlich von der Polizei Besuch bekommen haben und über das Vorgehen des Trios beim Ankauf ihrer Tatfahrzeuge informiert worden sein. „Durch die Ermittlungen bei den Autohändlern ist es – nach über 25 Jahren – gelungen, ganz neue Fotos aus diesem Jahr zu erhalten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Staub und Garweg zeigen“, so die Ermittler. Sie hatten sich überraschend vor kurzem mit Bildern an die Öffentlichkeit gewandt, die die beiden Ex-Terroristen zeigen sollen. „Durch die Vorlage der Fotos bei den Verkäufern der Fluchtfahrzeuge und anderen Zeugen wurde der Verdacht gegen die Beschuldigten Staub und Garweg teilweise noch erhärtet.“ (Weiterlesen: Ex-RAF-Terroristen wollten Auto in Osnabrück kaufen)

„Das ist schon sehr verwunderlich“

Allerdings: Eine heiße Spur zum Verbleib des Trios lieferten die Bilder allem Anschein nach bislang nicht. In der Mitteilung wird ein LKA-Fahnder wie folgt zitiert: „Trotz der sehr guten Aufnahmen und der markanten Details scheinen die Personen wie vom Erdboden verschluckt. Wenn das mein Nachbar wäre, würde ich ihn doch erkennen. Das ist schon sehr verwunderlich“.

Ulf Küch vom Bund der Kriminalbeamten (BDK) findet es „überhaupt nicht überraschend“, dass die Drei bislang nicht aufgeflogen sind. Der BDK-Landesvorsitzende in Niedersachsen sagt: „Wer nicht gerade ins Krankenhaus muss oder einen Verkehrsunfall baut, der kann durchaus jahrzehntelang untertauchen“. Küch hält es für möglich, dass das Trio bei ihrem Leben im Untergrund auf ein Unterstützernetzwerk zurückgreifen kann. „Solcher Helfer gab es schließlich zu Hochzeiten der RAF. Die haben sich auch nicht einfach in Luft aufgelöst.“

Handy in Niederlanden geortet

Jedenfalls tappen die Ermittler und die Staatsanwaltschaft weiter im Dunkeln, was den Aufenthaltsort der Ex-Terroristen angeht. Überprüfungen hätten allerdings ergeben, dass ein Handy in den Niederlanden ausgeschaltet wurde, mit dem zuvor ein Autohändler angerufen worden war. In den Niederlanden folgte ein Fahndungsaufruf im Fernsehen – ohne Erfolg.

Für sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung und der rechtskräftigen Verurteilung der Beschuldigten führen, hat ein Geldtransport-Unternehmen 20.000 Euro Belohnung ausgesetzt. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle oder das Landeskriminalamt unter 0511/262627400 entgegen.

Staub, Garweg und Klette werden der dritten RAF-Generation zugerechnet. Sie werden seit den 1990-er Jahren unter anderem wegen eines Anschlags auf die JVA Weiterstadt in Hessen per Haftbefehl gesucht. Nachdem es jahrelang keine Spur von dem Trio gab, stellte die Polizei nach dem Überfall in Stuhr im vergangenen Jahr DNA-Material sicher, dass sie den drei Gesuchten zuordnen konnte. Weitere Hintergründe zu den Personen auf www.noz.de.