Einkommen mehr als halbiert So schlecht geht es den Landwirten in Niedersachsen

Von Dirk Fisser | 02.03.2016, 13:30 Uhr

Die Einkommen der Bauern in Niedersachsen sind im freien Fall. Nach vorläufigen Schätzungen der Landwirtschaftskammer werden sich die Einkünfte auf vielen Höfen binnen zwei Jahren mehr als halbieren. „Es geht an die Substanz“, sagt Kammerpräsident Gerhard Schwetje.

Bis 30. Juni läuft das aktuelle Wirtschaftsjahr in der Landwirtschaft noch, im Bereich Milch und Futterbau bis zum 31. März. Für Kammerpräsident Schwetje steht aber schon jetzt fest, dass es das zweite Krisenjahr in Folge werden wird. „Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass sich die Lage auf den Märkten entspannt. Die Preise befinden sich im Dauertief.“

So viel Geld bleibt den Bauern

Im Vorkrisenjahr 2013/2014 verzeichneten die Landwirte in Niedersachsen noch Einnahmen von durchschnittlich etwa 80.000 Euro. Für das Wirtschaftsjahr 2015/2016 rechnet die Kammer aber nur noch mit 36.500 Euro. Besonders drastisch fällt der Rückgang im Bereich der Milchviehhalter aus: Von 86.000 Euro geht es nach der vorläufigen Schätzung auf 24.000 Euro runter.

Von diesem Geld muss der Lohn der Mitarbeiter bezahlt, die neue Saat oder neue Maschinen finanziert und laufende Kredite abgezahlt werden. Hinzu kommen Lebensunterhaltskosten für die Familie inklusive der Altenteiler auf dem Hof. „Am Ende bleibt auf vielen Höfen nichts mehr. Der Betrieb wird oft mit neuen Krediten am Laufen gehalten“, beschreibt Schwetje die Situation. Er spricht von einem Teufelskreis, in dem Bauern steckten. (Weiterlesen: Wie die Krise Bauern in die Depression treibt)

Viele Landwirte sitzen auf Schulden

Gerade in der Niedrigzinsphase der vergangenen Jahre hätten sich viele Landwirte hoch verschuldet und ihren Hof „gespiegelt“ – also etwa die Zahl an Kühen verdoppelt. „Die Politik hat propagiert: Bauern, macht Euch fit für den Weltmarkt.“ Das habe auch der Überzeugung vieler Landwirte entsprochen, die daraufhin investiert hätten. Nun aber säßen sie „auf einem Berg Schulden ohne entsprechende Einnahmen“, sagt Schwetje. Er warnt aber davor, die Krise nun durch unmittelbare Eingriffe der Politik lösen zu wollen. „Wir haben bei der vor gut einem Jahr abgeschafften Milchquote gesehen, dass in ihrer Zeit der Strukturwandel nicht aufgehalten wurde.“ (Weiterlesen: Was der niedrige Milchpreis mit den Bauern macht)

Bauern droht HartzIV

Inwieweit die jetzige Krise das Höfesterben beschleunige, sei noch nicht abzusehen. „Gefühlt jedenfalls steigt die Zahl der Landwirte, die ihren Hof aufgeben, derzeit deutlich an“, sagt Schwetje. Wer diesen Schritt aus wirtschaftlicher Not deutlich vor dem Rentenalter gehen müsse, „läuft Gefahr einen krassen sozialen Abstieg zu erleben“. Vielen Bauern drohe nach der Hofaufgabe das Abrutschen in HartzIV.

„Es regiert das Prinzip Hoffnung. Leider ist aber keine Besserung in Sicht“, so der Kammerpräsident, der einen Hof im Landkreis Wolfenbüttel betreibt.

Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, bezeichnete die Schätzung der Kammer als „niederschmetternd, aber nicht überraschend“. Die Bundesregierung dürfte das Leiden der Landwirte nicht länger ignorieren. Ostendorff forderte befristete Direkthilfen, die Deutschland auch ohne die Europäische Union umsetzen könne. Diese Hilfen müssten an eine Mengenregulierung gekoppelt werden. Die Krise werde nur gemeistert, „wenn wir die Menge in den Griff bekommen“, so der Grünen-Abgeordnete.

Kammerpräsident Schwetje warnte Bauern indes davor, allzu viele Hoffnungen auf ein staatliches Eingreifen zu setzen. „Wir haben mit der vor gut einem Jahr abgeschafften Milchquote gesehen, dass in ihrer Zeit der Strukturwandel nicht aufgehalten wurde.“

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