Ein Jahr nach Ministerpräsidenten-Besuch Badbergen: Schlachter leben zwischen Dreck und Schutt

15.08.2014, 06:33 Uhr

Was hat sich getan ein Jahr nach dem Besuch von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) in einer schimmligen Unterkunft für Werkvertragsschlachter in Badbergen? Nicht viel, wie ein erneuter Besuch unserer Zeitung deutlich machte.

Von Dirk Fisser und Hendrik Steinkuhl

Vor genau einem Jahr war Ministerpräsident Stephan Weil ganz unten. Bei den Menschen, die aus Osteuropa in die Region kommen, um hier Schweine und Geflügel zu schlachten. Oft werden sie abgezockt und ausgebeutet, wer aufmuckt, muss zurück in die Heimat. Einquartiert werden sie zu Wucherpreisen in Bruchbuden. Beispielsweise in der alten Molkerei in Badbergen. Inmitten von Schimmel und Dreck machte sich der SPD-Politiker selbst ein Bild von den Lebensbedingungen – und war entsetzt. Ein Jahr später waren wir noch einmal da. Es hat sich nicht viel getan.

Als erstes fällt einem auf dem Gelände der alten Molkerei der Geruch auf. Links neben dem Gebäude stinkt es bestialisch. Müll liegt herum, allerdings nicht so viel, dass er diesen Mief erklären würde. Auf der anderen Seite treffen wir eine Frau, die im Nachbarhaus wohnt. Auf die Frage, ob seit dem Besuch des Ministerpräsidenten in der Massenunterkunft etwas geschehen sei, antwortet sie: „Zwei- oder, dreimal habe ich Handwerker reingehen sehen. Das war es aber auch schon.“

Sie zeigt auf einen Mann, der gerade über den Hof läuft. „Der spricht etwas Deutsch, der kann Ihnen mehr erzählen.“

„Katastrophe, alles Katastrophe“

Und tatsächlich, der Mann spricht nicht nur ein wenig Deutsch und kann einiges erzählen – er will auch erzählen. Nur seinen richtigen Namen möchte er nicht nennen, wir nennen ihn deshalb Filip. „Katastrophe, alles Katastrophe“, sagt er über die Zustände im Haus. „Heizung kaputt, Rohre kaputt, Dach kaputt, Wände kaputt, Fenster kaputt...“ Auf die Frage, ob das Haus denn nicht renoviert werden sollte, lacht er nur. Niemand kümmere sich darum, dass sich hier etwas ändere. Der Besitzer, gleichzeitig der Chef von ihm und den anderen 85 derzeit im Haus lebenden polnischen Leiharbeitern, würde überhaupt kein Geld in das Haus stecken.

Beim Rundgang durch die alte Molkerei wird sofort klar: Filip hat nicht übertrieben. Hier wird nichts vernünftig repariert; überall sind Löcher und Risse in den Wänden, herabgebröckelter Putz liegt auf dem Boden, kaputte Fliesen sind notdürftig mit ganz viel Kitt wieder fixiert worden.

Die meisten Badezimmer sind erstaunlich sauber – ganz anders sieht es in den Koch- und Aufenthaltsräumen aus. Verdreckte Küchengeräte, ein vormals weißer Mehrfachstecker ist beinahe schon schwarz, Mülleimer quillen über, in einem Raum ist der Boden voll mit Scherben, Tabak und selbstgedrehten Zigaretten.

Überbelegung?

Dass die Bewohner am Ende selbst für diesen Dreck verantwortlich sind, steht außer Frage. Doch was führt dazu, dass sie so hausen? Vermutlich spielt die Überbelegung dabei eine große Rolle.

In vielen Schlafräumen stehen drei Betten auf nicht mehr als 15 Quadratmetern. Doch von Betten zu reden, verbietet sich eigentlich. Es sind schmale Pritschen, die oft nicht mal bezogenen Matratzen hängen nur knapp über dem Boden. Viele haben ihre Wäsche auf den Pritschen aufgetürmt. Wenn es Kleiderschränke gibt, reichen sie nicht für so viele Bewohner. Einer hat seine drei Jacken an Nägeln über seinem Bett aufgehängt. In einigen Räumen wellt sich das Linoleum, und wo Teppich liegt, ist er fast immer rettungslos versifft.

Dabei sollte doch alles besser werden. Nachdem zwei Leiharbeiter in Papenburg verbrannten , spätestens aber, nachdem sich der Ministerpräsident selbst in Badbergen ein Bild von den Lebensbedingungen der Schlachter gemacht und von „unzumutbaren Zuständen“ gesprochen hatte . Im Januar trat nach monatelangen Diskussionen tatsächlich ein Erlass in Kraft, der verbindlich und landesweit regeln sollte, wie viel Platz Menschen zum Leben zu steht. Seit dem gilt auch im Landkreis Osnabrück: sechs Quadratmeter pro Person in einem Schlafbereich. Ob das in der alten Molkerei eingehalten wird, ist mehr als fraglich.

Letzte Kontrolle am 17. Juni

Nachfrage beim Landkreis Osnabrück, der Wohnverhältnisse kontrollieren und notfalls auch einschreiten muss. Seit dem Besuch des Ministerpräsidenten hätten sechs Überprüfungen und / oder Ortstermine in Badbergen stattgefunden. „Seinerzeit gab es zahlreiche Missstände“, so ein Kreissprecher, der Mängel beim Brandschutz und der Elektroinstallation aber auch Schimmelbefall aufzählt. Die Beseitigung der Missstände sei angeordnet worden. „Daraufhin wurden alle Wohnungen renoviert und den Vorschriften entsprechend hergerichtet.“ Die letzte Abnahme habe am 17. Juni stattgefunden. Dabei hätten die Kontrolleure drei Dinge beanstandet, die noch zu beheben seien. Es sei zugesagt worden, dass diese zeitnah behoben werden. So viel ist zudem zu erfahren: Einst seien 120 Menschen in dem Gebäude gemeldet gewesen, heute seien es noch 90. Aus behördlicher Sicht ist in Badbergen also alles in Ordnung.

Am Tag unseres Besuchs treffen wir nur wenige Bewohner in der alten Molkerei an. Die meisten sind jetzt noch bei der Arbeit. Die Männer sind freundlich, grüßen kurz, meistens gucken sie Fernsehen oder versuchen zu schlafen.

1000 Euro pro Monat

86 Personen wohnen hier derzeit, alle arbeiten per Werkvertrag im selben Schlachthof im oldenburgischen Essen. Laut Filip, der uns durch das Haus geführt hat, verdienen die Männer pro Monat maximal 1000 Euro – meistens weniger. Der Chef der Leiharbeitsfirma weigere sich ständig, ihnen alle tatsächlich geleisteten Stunden anzurechnen. Wer an einem Tag zehn Stunden gearbeitet habe, finde oft nur sieben auf seinem Lohnzettel wieder. Von dem schmalen Lohn ziehe der Chef den Männern dann noch einmal 200 Euro Monatsmiete ab. Macht 17.200 Euro im Monat bei 86 Bewohnern. Und die leben oft monatelang in dem Gebäude.

Der Chef von Filip reagierte auf Anrufe und Rückrufbitten nicht. Auch der Schlachtkonzern aus Dänemark meldete sich nicht zurück. Vor einem Jahr waren die Verantwortlichen auskunftsfreudiger. Nach der Veröffentlichung der Zustände in der alten Molkerei stand der Vorwurf einer Inszenierung im Raum. Dem Ministerpräsidenten seien bewusst die weniger schönen Wohnungen gezeigt worden. Damals hieß es: „Neun von 16 Wohnungen seien bereits fertig, der Rest soll bis September erledigt sein“. September ist lange vorbei. Vielleicht wurden die Wohnungen gar nicht weiter renoviert, vielleicht wurden sie in der Zeit so heruntergewohnt. Eine Antwort ist darauf nicht zu bekommen.

„Krimineller Sumpf“

Einen, der sich mit dem Thema auskennt, wundert das alles nicht: Peter Kossen, Prälat aus Vechta, der in der Kirche die Missstände der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Werkvertragsarbeiter im Raum Weser-Ems anprangerte. Auch ihn traf Weil vor einem Jahr auf der Rundreise. Ob sich seitdem etwas zum Guten entwickelt habe? „Dem würde ich deutlich widersprechen“, sagt der Kirchenmann, der einst ein totes, abgezogenes Kaninchen vor seiner Haustür fand, nachdem er sich mit Fleischindustrie und Vermietern angelegt hatte. „Der Sumpf krimineller Subunternehmen existiert immer noch“, sagt Kossen. Auch der seit dem 1. August in der Fleischindustrie geltende Mindestlohn werde daran nichts ändern. Notfalls werde eben die Miete für die Massenunterkünfte erhöht, um die Mehrausgaben wieder hereinzuholen.

„Das Kostensparmodell Werkvertrag hat um sich gegriffen“, hat Kossen beobachtet. Viele andere Branchen in der Region würden mittlerweile ebenfalls billige Arbeiter aus Osteuropa einsetzen. „Der Willkür sind Tür und Tor geöffnet“, beschreibt der Prälat den Zustand. Es hat sich eben nicht viel getan. Das gilt wohl nicht nur für die alte Molkerei in Badbergen.