Drogerie-Erbe Anton-Schlecker-Straße: Kommunen in ganz Deutschland wollen Straßennamen nach Insolvenz loswerden

Von Dirk Fisser | 21.01.2013, 06:29 Uhr

Wenn Anton Schlecker ein Lager für sein Drogerie-Imperium baute, dann hatte er eine Bedingung: Die angrenzende Straße musste nach ihm benannt werden. Die Lokalpolitiker in den Gemeinderäten nickten das gerne ab. Schließlich versprach der Patriarch Steuereinnahmen und Arbeitsplätze.

Schlecker gibt es mittlerweile nicht mehr. Die Straßennamen aber sind geblieben. Landauf, landab überlegen Politiker jetzt, wie sie das Erbe des einstigen Seifen-Imperiums loswerden können. Die Orte heißen Nittendorf , Berka , Pohlheim , Empfingen oder Melle . Von hier aus wurden die Tausenden Schlecker-Läden der Republik beliefert. Hunderte Jobs hingen an der Verteilstruktur. In Melle, der Stadt im Osnabrücker Land, war die Anton-Schlecker-Straße 4 der Dreh und Angelpunkt. Bis zuletzt rollten hier die Lkw ein und aus. Denn als Schlecker längst pleite war, kam die Seife für die verbliebenen Ihr-Platz-Läden in Nordwest-Deutschland von hier.

Doch mittlerweile wuchert auch an der Anton-Schlecker-Straße 4 das Unkraut. Die Gewerkschaft Verdi war die erste, die auf die Idee kam, dass der Name wohl nicht mehr ganz passend sei, nachdem Zehntausende ihre Jobs verloren hatten. Die Grünen im Meller Ortsrat griffen das auf.

„Anton Schlecker ist keine Persönlichkeit, die sich in oder für Melle Verdienste erworben hat und deshalb mit einem Straßennamen geehrt werden sollte“, heißt es in einem Antrag zur Umbenennung. Und weiter: „Der Name Anton Schlecker schadet der Reputation von Melle-Mitte.“ Und zu allem Überfluss soll er noch eine Steuerschuld in fünfstelliger Höhe hinterlassen haben.

Inzwischen ist man auf den ehemaligen Firmenchef und Multimilliardär schlecht zu sprechen. 1998 sah das noch ganz anders aus. Zumindest ließ man sich bereitwillig auf die Forderung ein, die Straße im Gewerbegebiet nach ihm zu benennen. Genauso wie in Nittendorf , ein 8000-Einwohner-Ort im Landkreis Regensburg. „Da war man halt leidenschaftslos“, vermutet Amtsleiter Gerhard Bachl.

Mittlerweile liegt auch in seinem Rathaus ein Antrag auf Umbenennung vor. Aber da war ja noch dieser Vertrag, in dem Herrn Schlecker seine Straße zugesichert wurde. „Das steht da so drin. Einfach umbenennen können wir nicht. Wir haben mal den Insolvenzverwalter angeschrieben. Der hat jetzt ja vermutlich die Rechte inne.“ So ganz sicher ist sich Bachl da aber nicht.

Anruf beim Sprecher des Insolvenzverwalters: Das Problem sei ihm neu, gesteht der Mann, der vor wenigen Wochen noch eine Hiobsbotschaft nach der anderen verkünden musste. Und dann kommt der Sprecher ins Überlegen: „Der Straßenname ginge im Falle eines Verkaufs ja über auf den neuen Besitzer. Und ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass der an der Anton-Schlecker-Straße wohnen möchte.“ Ohnehin meint er, dass Schlecker wohl kaum klagen werde, wenn eine Gemeinde die Straße umbenenne.

Hohe Kosten

Aber bevor es in Nittendorf, Berka oder aber in Melle so weit ist, muss erst einmal dass öffentliche gegen das private Interesse abgewogen werden. Auch in diesem Falle gilt: Alles muss seine Ordnung haben.

Am Beispiel Melle gestaltet sich das wie folgt: Die Stadt hat sämtliche Anlieger der Anton-Schlecker-Straße – 14 Unternehmen – angeschrieben. Es muss abgewogen werden, ob der Schaden für die Unternehmen durch eine Umbenennung oder die Rufschädigung für die Stadt durch einen Beibehalt des Namens höher wiegt.

Die Anrainer der Anton-Schlecker-Straße haben jetzt abgeschätzt, wie teuer sie die Umbenennung käme. Auf stattliche 10000 bis 15000 Euro kamen sie dabei – pro Unternehmen. Ein bisschen hoch gegriffen, finden das einige. Andere verweisen darauf, dass ja nicht nur die Briefköpfe geändert werden müssten. Selbst Fahrzeugscheine seien dann nicht mehr aktuell. Die Kosten würde allerdings die Kommune übernehmen, hatte sie bereits angekündigt. Und das alles wegen Anton Schlecker.

Irgendwann im Februar will der Ortsrat in Melle entscheiden, wie es mit der Straße weitergeht. Zwei alternative Namen stünden bereit: „Am Sandacker“ oder aber – auch dieser Vorschlag stammt von Verdi – „Schlecker-Frauen-Allee“ . Kritiker halten aber entgegen, dass in dem Lager dort gar keine Schlecker-Frauen gearbeitet hätten.

Der Streit um die Straßennamen ist nur eine von vielen offenen Fragen, die die Insolvenz hinterlassen hat. Eine weitere ist, wie es mit den Lagerstandorten weitergeht. Laut Sprecher des Insolvenzverwalters seien für jedes Lager Interessenten vorhanden. Die Verhandlungen seien an ein Immobilienbüro in Frankfurt abgegeben worden. „Bei einigen Standorten könnte bald eine Entscheidung fallen“, sagt er.

Und die Schlecker-Frauen, die in Melle ja möglicherweise bald mit einer eigenen Allee geehrt werden sollen? Die Agentur für Arbeit teilt mit: Mit der Schleckerinsolvenz hätten 2254 Menschen in Niedersachsen ihren Job verloren – überwiegend Frauen. Mitte Dezember seien noch 1100 arbeitslos gewesen, 928 hätten eine neue Beschäftigung gefunden, und 216 seien aus anderen Gründen nicht mehr arbeitslos – sei befänden sich etwa im Ruhestand, im Mutterschutz oder seien krank.