Burnout auf dem Bauernhof Betroffener erzählt: Wie die Krise Bauern in die Depression treibt

Von Dirk Fisser | 18.01.2016, 13:15 Uhr

Es glänzt und glitzert in den Berliner Messehallen. Ein bisschen stinkt es auch hier und da. Grüne Woche – die mächtige Leistungsschau einer Branche, die Besuchern das Bild der heilen Welt auf dem Bauernhof vermittelt. Doch die Lage auf vielen Betrieben ist eine ganz andere. Geldnot. Existenzangst. Depression. Den Bauern geht es schlecht.

Seinen Namen will der Landwirt lieber nicht in der Zeitung lesen. Wohl auch, weil er in einer ziemlichen Macho-Branche arbeitet. Schwere Arbeit, große Maschinen und noch größere Geldbeträge, die bewegt werden: In der Landwirtschaft ist kein Platz für Schwäche. Seit 30 Jahren leitet er einen Hof im Landkreis Osnabrück. 300 Zuchtsauen, 60 Hektar Ackerfläche. „Zehn Jahre haben Spaß gemacht. Die anderen 20...“ Der Bauer stockt und spricht nicht weiter. Die anderen 20 Jahre haben ihn krank gemacht. Er leidet an Depressionen.

Jeden Monat 7000 Euro Verlust

Gerade ist wieder so eine Phase, in der es für den 50-Jährigen richtig schlecht läuft. Diese Phase hält schon länger an. Er rechnet vor: 7000 Euro Verlust macht er im Monat mit seinen 300 Zuchtsauen. Die Ferkel verkauft er an andere Landwirte, die die Tiere dann bis zur Schlachtreife mästen. Der Preis für Schweinefleisch ist schon lange im Keller. Das merken alle Landwirte entlang der Wertschöpfungskette.

„Wir zahlen richtig drauf“, erzählt der Bauer aus dem Osnabrücker Land. Jetzt gerade bräuchte er wieder dringen Geld. „70.000 bis 80.000 Euro, um die Äcker zu bestellen“, sagt er. Doch die Konten sind leer. Was bleibt, ist der Gang zur Bank und noch mehr Schulden aufnehmen. (Weiterlesen: Bauernpräsident: Einkommen der Bauern hat sich halbiert) 

„Es ging einfach nicht mehr“

Vor 15 Jahren stand es schon einmal schlecht um seien Hof. Erst die Schweinepest, dann noch eine Tierseuche. „Ich konnte nicht mehr nach vorne gucken. Es ging einfach nicht mehr.“ Er begab sich in Behandlung. Bis heute nimmt er Tabletten. „Ohne die käme ich durch die jetzige Situation nicht durch“, ist er sicher. (Weiterlesen: Bundeslandwirtschaft: Mehr Respekt für die Landwirtschaft) 

Spirale des Schweigens

Helga Rolfes aus Wallenhorst kennt solche Fälle zur Genüge. Die Familienberaterin und Supervisorin ist Ansprechpartnerin für Landwirte und deren Familien. „Bauern sind in aller Regel stolze Männer, die nicht groß über Gefühle sprechen.“ Sie vergleicht den Landwirt mit einer Batterie: „Bleiben Erfolg und Anerkennung dauerhaft aus, ist der Akku irgendwann leer.“ Burnout. In ihren Seminaren käme es regelmäßig vor, dass gestandene Männer in Tränen ausbrechen. „Sie können einfach nicht mehr angesichts der existenziellen Not. Der erste Schritt aus der Krise ist, darüber zu sprechen.“ (Weiterlesen: Milchkrise: 3214 Bauern haben in einem Jahr aufgegeben) 

Wer schweigt, gerät in eine Spirale. „Es fängt an mit schlechter Stimmung und wenig Schlaf. Und Angst, die sich auf die gesamte Familie überträgt.“ Bauern arbeiten dort wo sie leben. Einfach abschalten und die Bürotür schließen, ist nicht möglich. Die Suchtgefahr sei in Krisensituationen hoch, sagt Rolfes. Der Alkohol mache die finanziellen Probleme für kurze Zeit vergessen.

Die Spirale dreht sich weiter. Familien zerstreiten sich, der Bauer werde gewalttätig gegenüber seinen Tieren, wenn die nicht so wollen wir er. Oder er vernachlässige das Vieh. Am Ende liegen dann Schweine oder Kühe verhungert im Stall. „Das kommt tatsächlich vor“, bestätigt Rolfes aus der Praxis. Und ganz am Ende der Spirale sähen Betroffene dann nur noch einen Ausweg: Suizid.

Psychische Erkrankung weit verbreitet

Verlässliche Zahlen über die Größe des Phänomens Burnout auf dem Bauernhof gibt es nicht. Die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau hatte zuletzt 2013 bei einer Erhebung festgestellt, dass psychische Erkrankungen mit 17 Prozent auf Platz zwei bei ihren Versicherten liegen. „Mit dem stärksten Anstieg“, ergänzt Versicherungssprecher Michael Holzer. Das war vor der großen Krise. „Vor zehn Jahren war Stress bei uns kaum Thema. Das hat sich gewandelt.“ Entsprechende Seminare seiner Versicherung seien innerhalb kürzester Zeit ausgebucht. (Weiterlesen: Bundeslandwirtschaft: Mehr Respekt für die Landwirtschaft) 

„Das machen wir nicht mit“

Der depressive Bauer aus dem Landkreis Osnabrück hat für sich entschieden, dass er in seinem Beruf nicht mehr bis 65 weitermachen will. Das wären noch 15 weitere Jahre mit Auf und Abs. Er will vorher aussteigen, den Hof verkaufen. Wann weiß er noch nicht. Nur dass er es machen wird, steht für ihn fest. Ursprünglich habe er den Betrieb an seine drei Kinder weitergeben wollen, doch die hätten gesagt: „Das machen wir nicht mit.“ Sie hätten gesehen, was der Beruf mit dem Vater gemacht habe. „Im ersten Moment war ich natürlich enttäuscht. Aber jetzt ist da nur Erleichterung.“

Kein Druck mehr, den Hof möglichst zukunftsfähig aufzustellen, zu expandieren, damit auch kommende Generationen noch von den Erträgen leben können. Nicht mehr hoffen, dass die Bank wieder Kredit gewährt, damit der Hof überhaupt am Laufen gehalten werden kann. Kein Bangen mehr vor der nächsten großen Krise. Ja, er sei erleichtert, das hinter sich lassen zu können. (Weiterlesen: Bauernpräsident: Einkommen der Bauern hat sich halbiert) 

Weitere Berichte zur Landwirtschaft auf www.noz.de/landwirtschaft