Bürger kämpfen mit Petition um Fundstätte Bagger bedrohen bedeutendes Römerlager bei Hannover

Von Klaus Wieschemeyer | 25.04.2019, 20:22 Uhr

Vor zwei Jahrtausenden haben drei römische Legionen im tiefen Germanien ein Lager aufgeschlagen. Heute soll das Gelände bei Hannover zur Kiesgrube werden. Archäologen sind entsetzt. Bürger kämpfen um den Erhalt. Darum beschäftigt der Fall nun den Landtag.

Der Ort, der die Phantasien beflügelt, sieht unspektakulär niedersächsisch aus. Am Rand des Hemminger Ortsteils Wilkenburg bei Hannover fällt der Blick auf einen großen Acker, einen Bach, einige Häuser aus den 1980ern, Kleingärten, Bäume. Vor etwa zwei Jahrtausenden lagerte an dieser Stelle eine gewaltige römische Armee, fernab des Imperiums im tiefen und teils feindlich gesinnten Germanien: Drei Legionen, etwa 20 000 Soldaten, sollen hier im Jahrzehnt nach Christi Geburt auf bis zu 35 Hektar Fläche ein Marschlager errichtet haben.

Das 2015 bestätigte Römerlager Wilkenburg ist für heutige Archäologen ein Schatz: Es ist das nordöstlichste bekannte in Deutschland, das Gelände größtenteils nicht überbaut und erst ansatzweise erforscht: Erste Erforschungen haben hunderte kleine Dinge zutage gefördert, die römische Soldaten unterwegs so hinterließen: Sandalennägel, Pferdegeschirr, zerbrochene Fibeln und Kleingeld-Münzen aus der Zeit zwischen 1 und 5 nach Christus. Im Boden steckt aber wohl noch viel mehr. "Ein hochrangiges Denkmal" sagt Friedrich-Wilhelm Wulf vom Landesamt für Denkmalschutz. Vom "Erinnerungsort von hoher Bedeutung" spricht Professor Salvatore Ortisi. Der Varusschlacht-Forscher und Experte für Provinzialrömische Archäologie arbeitet an Funden aus Wilkenburg – zuerst an der Uni Osnabrück, nun an der Uni München. Beide hoffen auf mehr, denn das Bild von Roms Rolle in Germanien habe sich in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt. "Die Römer waren hier wesentlich präsenter, als ich es noch in der Schule gelernt habe", sagt Ortisi. Das Imperium wollte Germanien vor der Varus-Niederlage zur römischen Provinz machen, ließ sogar Städte bauen.

Eine Petition schreibt Geschichte

Davon könnte Wilkenburg erzählen, hoffen die Forscher. Doch der Schatz ist in Gefahr: Der Zementriese Holcim will auf dem Gelände Kies fördern und hat die Region Hannover um Erlaubnis gebeten. Der Abbau ist aktuell möglich, laut Raumordnungsplan ist der Bereich ausdrücklich für Kiesgruben freigegeben. Doch es regt sich Widerstand: Kristina Olmers und Werner Dicke aus dem nahen Hildesheim fordern per Petition vom Land den Erhalt des Bodendenkmals. Die beiden haben mit ihrem Widerstand selbst schon etwas Geschichte geschrieben: Weil ihre Petition mit weit mehr als 5000 Unterschriften die Hürde zur Pflichtbefassung überschritten, hat der Petitionsausschuss des Landtags erstmals in seiner Geschichte eine öffentliche Anhörung zum Thema angesetzt. Am 21. Mai sollen in Hannover Experten wie Ortisi über den wissenschaftlichen Wert des Lagers sprechen. Doch es geht den Petenten um mehr, um die gemeinsamen Erinnerungsorte, die gemeinsame Basis einer Gesellschaft: "Wollen wir Kies oder Kultur?", fragt Werner Dicke.

Was wollten die Römer?

Zwar würde das Gelände vor einer Abbaggerung untersucht, doch das reicht den Archäologen nicht. Ihr Argument: Nur ein erhaltener Fundort kann seine Geschichte(n) auch künftigen Forschern mit besserer Technik erzählen. Denn Rätsel gibt es noch viele. Was wollten die Römer genau in Wilkenburg? Waren sie nur kurz oder öfter da? Wurde das Lager per Schiff über Nordsee, Weser und Leine versorgt? War Tiberius in kriegerischer oder diplomatischer Mission unterwegs? Gibt es eine Verbindung zum im 19. Jahrhundert in Hildesheim gefundenen römischen Silberschatz? Und hat das Lager womöglich sogar etwas mit der für Roms Ambitionen verheerenden Varusschlacht um 9 nach Christus bei Kalkriese zu tun?

Wahrscheinlich gehört das Marschlager zum "Immensum Bellum", einem Germanenkrieg von 1 bis 5 nach Christus, über den die Forscher wegen dürftiger Quellen bisher wenig Genaues wissen. Als sicher gilt, dass der spätere römische Kaiser Tiberius dabei aufständische Germanen unterwarf und bis zur Elbe beim heutigen Magdeburg vorstieß. "Hier könnte Tiberius gesessen haben", sagt Karola Hagemann und zeigt auf den Wilkenburger Acker. Hagemann gehört zur Römer AG Leine, einer Initiative rühriger Ehrenamtlicher, die von einem Schrebergarten auf dem Lagerareal aus regelmäßig mit Veranstaltungen das Leben im alten Rom lebendig machen. Aus Sicht Hagemanns müsste man aber viel mehr machen.

Grünen-Meyer fordert Machtwort des Landes

Doch mit Blick auf einen Kiessee macht ein Museum für Hagemann wenig Sinn. Ob der kommt, darüber schweigt sich die Politik aus: Im Sommer will die zuständige Region Hannover. Vorher will man sich mit dem niedersächsischen Kulturministerium von Björn Thümler (CDU) abstimmen. Das Ministerium verweist wiederum auf die Region, die zwischen Kies und Kulturgeschichte abwägen müsse.

Die Grünen im Land fordern ein Ende des "Schwarze-Peter-Spiels" und ein Machtwort Thümlers: "Es darf nicht sein, dass eine so wichtige historische Stätte dem schnöden Kiesabbau zum Opfer fällt. Land und Region dürfen sich nicht weiter aus der Verantwortung stehlen, sondern müssen diese archäologische Fundgrube vor dem Kiesbagger schützen", sagt der Grünen-Landtagsabgeordnete Christian Meyer. Die Landesregierung könne angesichts der Bedeutung des Fundorts problemlos per Kabinettsbeschluss die Baggere stoppen, sagt er. "Denkmalschutzminister Björn Thümler muss sich endlich für dieses Kulturerbe einsetzen und die Profitinteressen der Kieswirtschaft zurückstellen", sagt Meyer.