Bis zu hundert Tonnen im Jahr Schutt von altem Atomkraftwerk Lingen soll nach Dörpen

Von Dirk Fisser | 31.03.2015, 08:13 Uhr

Beim Abriss von Atomkraftwerken fällt neben radioaktivem Material auch Bauschutt an, der auf Deponien entsorgt werden muss. Im Falle des alten Atomkraftwerkes in Lingen im Emsland soll der Schutt nach Dörpen gebracht werden.

Der Atomausstieg ist beschlossene Sache, doch auf den Abriss der Atomkraftwerke scheint Deutschland nicht vorbereitet. Weder existieren Endlager für die dabei anfallenden radioaktiven Abfälle. Noch gibt es umfassende Pläne, wo der übrige Bauschutt hin soll, der wegen geringer Strahlenbelastung nicht aufgearbeitet darf, sondern entsorgt werden muss.

Ministerium: Etwa 5000 Tonnen pro Kraftwerk

Auf etwa 5000 Tonnen schätzt das niedersächsische Umweltministerium die kritische Masse pro Atomkraftwerk. Das klingt viel, ist aber letztlich nur ein Bruchteil der insgesamt anfallenden Menge. Der allergrößte Teil kann wiederverwertet werden. Etwa im Straßenbau. Ein gewisser Part aber, schreibt das Ministerium, kann „strahlenschutzrechtlich nicht uneingeschränkt freigegeben werden“. (Weitere Infos zu Niedersachsen) 

Abriss AKW Lingen: Antrag in Bearbeitung

Was das genau bedeutet, zeigt der Blick nach Lingen: Hier befindet sich das Kernkraftwerk Emsland, das noch bis 2022 Strom produzieren darf. Doch im Schatten des vergleichsweise jungen Meilers steht das Atomkraftwerk Lingen, das nach nur neun Jahren Dienstzeit 1977 vom Netz genommen wurde. Besitzer RWE hat längst einen Antrag auf Abriss beim zuständigen Umweltministerium gestellt. Dort liegt der Antrag seit März 2013. Er sei „noch in Bearbeitung“, gibt die Behörde eine Wasserstandsmeldung.

59000 Tonnen Gesamtmasse

Der Antrag verrät, wie viel Schutt beim Abriss der Reaktorkuppel anfällt: insgesamt rund 59000 Tonnen, schätzt RWE. Etwa 1500 davon müssen in das Endlager Schacht Konrad gebracht werden, wo schwach und mittelradioaktiv strahlende Stoffe für alle Ewigkeit eingelagert werden sollen – wenn der Schacht nach jahrelangen Verzögerungen dann irgendwann einmal die Tore für den Atommüll öffnet. Der Rest kann zum größten Teil aufgearbeitet werden.

Zum größten Teil. Eine vergleichsweise geringe Menge aber muss auf einer Deponie entsorgt werden – eben wegen der geringen Strahlenbelastung. Wie viel das im Falle des alten Kraftwerks in Lingen sein wird, ist unklar. Deutlich weniger jedenfalls als die durchschnittlichen 5000 Tonnen, heißt es aus RWE-Kreisen. (Hier weitere Infos zum Abriss) 

Maximal 100 Tonnen pro Jahr nach Dörpen

Wohin damit? Nach Dörpen im Norden des Landkreises Emsland. Denn der Kreis ist als öffentlich-rechtlicher Entsorgungsträger zur Annahme und Entsorgung verpflichtet, heißt es aus dem Umweltministerium. Wie die NDR-Recherche zeigt, hat das Kreishaus in Meppen bereits zugesichert, jährlich maximal 100 Tonnen Bauschutt auf der Deponie in der Ems-Gemeinde unterzubringen. Die Kreisverwaltung sei verpflichtet, „die in ihrem Gebiet anfallenden Abfälle zur Beseitigung auch aus anderen Herkunftsbereichen als privaten Haushaltungen zu entsorgen“, betont das Ministerium mit Verweis auf Paragraf 20 des Kreislaufwirtschaftsgesetzes. 

Kreise nicht vorbereitet?

Wie eine Recherche des NDR zeigt, dass bei Weitem nicht alle Landkreise auf die Bauschutt-Mengen vorbereitet sind, vier angefragte Kreise wohl noch nicht einmal wissen, was da auf sie zukommt. Etwa der Kreis Hameln-Pyrmont. Hier steht das Kernkraftwerk Grohnde. 

Anwohner auf den Barrikaden

Das Thema ist jedenfalls hochsensibel. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Anwohnerprotesten, wenn Bauschutt aus Atomkraftwerken auf Deponien entsorgt werden sollte. Ungeachtet dessen, dass die Überreste als unbedenklich gelten. Als Schutt beispielsweise aus dem AKW Stade – in der Nähe fehlte es an entsprechender Deponiekapazität – in Sachsen entsorgt werden sollte, kam es zu einem regelrechten Ost-West-Konflikt. Die Gegner der Anlieferung ließen sich auch nicht davon beruhigen, dass Beamte mit einem Geigerzähler die Ungefährlichkeit der Betonreste aus Niedersachsen demonstrierten. Am Ende konnte wesentlich weniger geliefert werden, als eigentlich geplant. (Hier weitere Informationen) 

Ein Problem, denn die Kapazitäten der Deponien in Niedersachsen gelten schon jetzt als kritisch. Der Niedersächsische Industrie- und Handelskammertag forderte jüngst, die Kapazitäten auszubauen, weil die Deponien sonst in weniger als fünf Jahren voll wären. Und damit wohl auch kein Platz mehr wäre für die Tausenden Tonnen Bauschutt, die beim Abriss der Atomkraftwerke anfallen. Der NDR berichtet dazu am Dienstagabend ab 21.15 Uhr im Magazin „Panorama 3“. 

Ein ausführlicher Blick ins Atomkraftwerk Lingen auf www.noz.de.