„Kann nur warnen“ Niedersachsen: Ärztekammer fordert Verschiebung von Corona-Lockerungen

Von Lars Laue | 13.03.2022, 13:12 Uhr | 6 Leserkommentare

Ab dem 20. März sollen fast alle Corona-Regeln aufgehoben werden. Die Ärztekammer Niedersachsen warnt eindringlich davor.

Die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) warnt eindringlich davor, am kommenden Sonntag nahezu alle Corona-Regeln aufzuheben. „Ich stehe ausgesprochen ratlos vor den Beschlüssen der Bundesregierung, am 20. März alle effektiven Maßnahmen der Pandemiebekämpfung fallen zu lassen. Davor kann ich nur warnen“, sagte ÄKN-Präsidentin Martina Wenker am Wochenende im Gespräch mit unserer Redaktion.

„Die Öffnungspläne müssen verschoben werden.“
Martina Wenker
Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen

„Wir haben ein Allzeithoch und vor allem täglich weiter steigende Inzidenzen“, stellte Wenker fest und findet: „Die Öffnungspläne müssen verschoben werden.“

Auch in Niedersachsen näherten sich die Hospitalisierungsquote und die Auslastung der Intensivbetten kritischen Werten, warnte die Medizinerin und fügte hinzu: „Ganz Deutschland ist doch momentan ein Hotspot.“ Das Virus sei nicht weg und es werde sich auch am 20. März nicht in Luft auflösen, nur weil das Bundeskabinett einen „Freedom Day“ beschlossen habe.

Notfalls auch wieder verschärfen

Nach Ansicht Wenkers müssen mindestens die allgemeine Maskenpflicht und die derzeit bestehenden Regelungen weiter gelten, aber auch zusätzliche Verschärfungen dürften nicht ausgeschlossen werden. „Wenn die Zahlen noch weiter steigen, die Kliniken an die Belastungsgrenze gelangen und wir weitere Personalausfälle in der Patientenversorgung zu beklagen haben, dann sehe ich uns wieder in eine prekäre Situation kommen. Und dann müssen wir auch wieder zu schärferen Maßnahmen greifen. Wir können doch nicht eine steigende Krankheitslast und immer mehr Todesfälle in Kauf nehmen, nur weil wir uns ein Datum gesetzt haben“, mahnte Wenker. „Das wäre geradezu verantwortungslos.“

Corona-Werte in Niedersachsen erreichen Höchststände

Unterdessen schießen die Corona-Werte in Niedersachsen weiter in die Höhe. Mit 1389,3 lag die Sieben-Tage-Inzidenz am Sonntag so hoch wie noch nie während der Pandemie (Samstag: 1372,3).

„Man wirft doch den Feuerlöscher nicht weg, wenn es noch brennt.“
Stephan Weil (SPD)
Niedersachsens Ministerpräsident

Auch die Indikatoren zur Lage in den Krankenhäusern sind wieder kritischer. Der Hospitalisierungswert von 12,9 war ebenfalls ein Rekord (Vortag: 12,5). Er gibt an, wie viele Menschen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner mit Covid in den Krankenhäusern aufgenommen wurden. Die Auslastung der Intensivbetten mit Covid-Patienten lag mit 6,0 Prozent am Sonntag nur knapp unter dem Höchstwert von 6,1 Prozent, den das Land Anfang Februar festgestellt hatte.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hatte bereits vor einigen Tagen die Pläne des Bundes kritisiert, die Corona-Beschränkungen vom 20. März an weitgehend aufzuheben. „Man wirft doch den Feuerlöscher nicht weg, wenn es noch brennt“, sagte Weil.

Die Landesregierung kündigte bereits an, die Übergangsfrist voll ausreizen und Corona-Beschränkungen in Niedersachsen bis zum 2. April verlängern zu wollen. Nach Angaben von Gesundheitsministerin Daniela Behrens (SPD) wird momentan geprüft, welche Maßnahmen das Land in der Übergangsfrist noch aufrechterhalten darf. Details will die Landesregierung in dieser Woche nennen und in einer neuen Corona-Verordnung festschreiben. Nach der Frist soll für weitere Corona-Maßnahmen jeweils ein Landtagsbeschluss notwendig werden.

Marburger Bund unterstützt vorsichtige Haltung des Landes

Unterstützung kommt von der Ärztevereinigung Marburger Bund Niedersachsen „Wir begrüßen die Überlegungen, wesentliche Schutzmaßnahmen bis in den April hinein zu verlängern und fordern die Landesregierung auf, davon tatsächlich Gebrauch zu machen“, erklärten der Vorsitzende Hans Martin Wollenberg und sein Vize Andreas Hammerschmidt und fügten hinzu: „Wir plädieren weiterhin für die Maskenpflicht in Innenräumen, zum Beispiel beim Einkaufen, im Öffentlichen Personennahverkehr, an Schulen oder bei Veranstaltungen.“ Auch bei größeren Menschenansammlungen im Freien sei sie weiterhin sinnvoll.

Kritik an Wegfall kostenloser Tests

Den Wegfall kostenloser Testmöglichkeiten sieht der Marburger Bund ebenfalls kritisch. Kostenpflichtige Tests würden erneut dazu führen, dass sich bei steigender Infektionszahl weniger Menschen testen lassen. Viele Infektionen würden dann nicht erkannt, weil nicht getestet wird. „So lassen sich die Zahlen, jedoch nicht die Pandemie in Schach halten“, warnt der Ärzteverband.

6 Kommentare
Clemens Dr. Diessel
Frau Wenker ist zwar auch meine Kammerpräsidentin, aber ich bin eindeutig nicht ihrer Meinung. Jeder muß Kontakt mit dem Coronavirus bekommen, bevor wir aus der Pandemie in die Endemie kommen. Dass das bei uns im Vergleich zu anderen Ländern erst jetzt so langsam geschieht, liegt an unserer Verzögerungsstrategie. Jetzt sind die Krankenhäuser nicht mehr überlastet, sind allerdings bei den Dienstpl...