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Kontrolle und Kameras in Logistikzentrum Wie Amazon Mitarbeiter in Niedersachsen überwacht

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Kontrolle, Überwachung, Druck: Verstößt Amazon in seinen Logistikzentren gegen Mitarbeiterrechte? Foto: dpaKontrolle, Überwachung, Druck: Verstößt Amazon in seinen Logistikzentren gegen Mitarbeiterrechte? Foto: dpa

Osnabrück. Kameras in den Spindräumen, Kontrolle auf Schritt und Tritt: Der NDR hat einen Reporter ins niedersächsische Logistikzentrum von Amazon in Winsen eingeschleust. Er erlebte ein System von Arbeitsdruck und Überwachung. Verstößt das Unternehmen gegen Mitarbeiterrechte?

Die Vorweihnachtszeit ist die Hauptkampfzeit für Onlineversandhändler. Millionen Menschen bestellen Geschenke und erwarten, dass sie der Paketbote pünktlich an die Haustür liefert. Kein Wunder, dass der Arbeitsdruck auch in den Logistikzentren von Amazon zunimmt.

Überwachung von Toilettenpausen?

Aber wie viel Belastung darf man seinen Mitarbeitern zumuten? Und inwieweit darf man ihre Arbeitsabläufe, ihr Pensum und ihre Toilettenpausen überwachen? Diese Diskussion hat die NDR-Sendung „Panorama 3“ mit Recherchen neu angestoßen. Das Magazin schleuste einen Journalisten ins erst dieses Jahr eröffnete Amazon-Logistikzentrum im niedersächsischen Winsen ein, das das Unternehmen selbst als modernstes Logistikzentrum Deutschlands preist. Reporter Kaveh Kooroshy heuerte als Mitarbeiter bei Amazon an und wurde in Winsen in der Spätschicht bis Mitternacht eingesetzt.

Das System bemerkt Schwächephasen der Mitarbeiter

Er erlebt ein System von Kontrolle, Überwachung und Druck, wie er in dem Magazinbeitrag berichtet. Mit versteckter Kamera filmte der NDR in den Hallen des Logistikers – und entdeckte dort wiederum Kameras, die die Mitarbeiter aufzunehmen schienen. Sie waren in den Spindräumen und über den Fließbändern angebracht.

Auch die Computer, die die Arbeit der Mitarbeiter mit Kommandos steuern, erfassen jeden Arbeitsschritt, heißt es in dem Beitrag. So könne das Unternehmen minutiös nachhalten, wie produktiv einzelne Mitarbeiter sind – und wann sie im Tempo nachlassen. „Man weiß, man wird gescannt (...) und das führt zu Druck. Du musst aufpassen: Alles, was du tust, wird erfasst. Du musst Dich sputen“, gibt Kooroshy seine Erfahrungen wieder.

Im Gespräch mit unserer Redaktion erinnert sich der Reporter an das Gefühl der ständigen Kontrolle. „Bei allen Bewegungen hatte ich permanent im Hinterkopf, das sieht potenziell der Chef. Von dir wird eine bestimmte Rate erwartet. Da überlegt man sich genau: Will ich etwas trinken, will ich auf die Toilette gehen oder mich mit einem Kollegen unterhalten. Dass die Kontrolle dermaßen engmaschig ist, hat mich überrascht. Selbst ich habe mein Verhalten angepasst, obwohl ich keinerlei Konsequenzen zu befürchten hatte.“

„Psychischer Anpassungsdruck“

Der NDR legte seine Rechercheergebnisse dem Arbeitsrechtler Hajo Köhler aus Oldenburg vor. Seiner Meinung nach muss die Datenerhebung dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entsprechen. Der Arbeitnehmer müsse wissen, welche Daten wann von ihm erfasst werden. Ein absolutes Kontrollsystem sei „ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht“ und führe „zu psychischem Anpassungsdruck – und dieser ist rechtlich nicht zulässig“, zitiert der NDR. Zudem sei dieser Druck gesellschaftlich nicht gewollt.

Auch die niedersächsische Datenschutzbeauftragte Barbara Thiel sieht die ständige Erfassung demnach als problematisch an. Sie habe ein Kontrollverfahren gegen Amazon eingeleitet, das sich nun ihren Fragen stellen muss, heißt es in dem Magazinbericht, der am Dienstagabend ausgestrahlt wurde. Es stehe der Verdacht des Verstoßes gegen das Bundesdatenschutzgesetz und das Grundrecht auf informelle Selbstbestimmung im Raum.

Kameras als Diebstahlschutz?

Amazon selbst wies die Vorwürfe des NDR zurück. Es würden „keine einzelnen Arbeitsschritte der Mitarbeiter aufgezeichnet“, teilte das Unternehmen laut Sender schriftlich mit. Die erfassten Daten würden bei der „akkuraten, pünktlichen Zustellung von Kundenbestellungen“ helfen. Die Kameras im Spindraum dienten lediglich dazu, Diebstählen vorzubeugen. „Die Videoaufzeichnung dient nicht zur Leistungsüberwachung von Mitarbeitern“, versicherte Amazon in einem Pressestatement. Nur Sicherheits- und Technikpersonal habe Zugriff auf die Aufnahmen, nicht aber vorgesetzte Mitarbeiter. Amazon verwende in seinen elf Logistikzentren in Deutschland „Mitarbeiterdaten ausschließlich in Übereinstimmung mit allen in der EU und in Deutschland geltenden Datenschutzgesetzen“. Niedersachsens Landesdatenschutzbeauftragte werde Amazon nach Winsen einladen.

Wird sich dort etwas ändern müssen? Amazons Argumentation könnte bei einem möglichen Gerichtsprozess Bestand haben, glaubt der Rechtsanwalt und Arbeitsrechtsexperte Matthias Busch aus Hannover. Die Kameras seien zwar ein Eingriff in das Recht der informationellen Selbstbestimmung der Arbeitnehmer. Dieser Eingriff könne aber gerechtfertigt sein – weil er ein anderes Grundrecht schütze: jenes auf Eigentum. Die Kameraüberwachung im Spindraum beuge möglicherweise nicht nur Diebstählen von Amazon-Waren vor, sondern auch Diebstählen zulasten der Mitarbeiter. Diese Abwägung müsse ein Gericht treffen.

Betriebsratswahlen im kommenden Jahr

Im Januar sollen in Winsen nach Informationen unserer Redaktion Betriebsratswahlen vorbereitet werden. Solange ist zumindest die indirekte Arbeitnehmerüberwachung per Computersystem streng rechtlich nicht zu beanstanden, glaubt Busch. Sobald es einen Betriebsrat gebe, habe dieser aber ein Mitbestimmungsrecht. Dann müsse das Unternehmen mit ihm aushandeln, welche Daten erfasst werden und vor allem, wer sie zu welchem Zweck auswerten darf.

Unabhängig von der rein rechtlichen Bewertung erschüttert die Gewerkschaft Verdi, wie die menschliche Perspektive bei Amazon aus dem Blick gerät, sagte Bezirksgeschäftsführer Matthias Hoffmann im Gespräch mit unserer Redaktion. „Der Mitarbeiter wird absolut auf Effizienz gedrillt und mit seinem Scanner Teil eines Computersystems“, findet er. „Das sind aber Menschen, keine Roboter.“


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