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„Einführung ist ein Skandal“ Klimaforscher Latif: Biosprit E10 ist Blödsinn

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<em>Mojib Latif</em>
              Foto: dpaMojib Latif Foto: dpa

Osnabrück. Klimaforscher Mojib Latif sagt im Interview unserer Zeitung, warum er die Thesen von RWE-Manager Fritz Vahrenholt zur Erderwärmung für falsch hält:

Herr Latif, trägt eher die Sonne zur Erderwärmung bei oder das Treibhausgas Kohlendioxid, CO2?

Es ist ein Mix aus beidem. Klar ist, dass der Mensch über die Hälfte des Temperaturanstiegs seit Beginn der Industrialisierung zu verantworten hat. Übrigens: Schon vor mehr als 100 Jahren haben Forscher recht präzise Prognosen zur Frage gemacht, was passiert, wenn der CO2-Gehalt in der Atmosphäre sich ändert. Ein Fazit: Wenn der CO2-Anteil steigt, wird es deutlich wärmer. Genau dies ist eingetreten.

RWE-Manager Fritz Vahrenholt sagt, der Klimawandel sei vorerst gestoppt, die Rolle der Sonne bisher nicht richtig beleuchtet. Korrekt?

Dass es seit 1998 keinen weltweiten Temperaturrekord gegeben hat, ist eine Binsenweisheit. Denn die Temperatur steigt nicht einfach immer nur. Dass es den Zusammenhang zwischen CO2 und Temperatur gibt, wird sofort klar, wenn man das ganze 20. Jahrhundert betrachtet. Die Diskussion um die Belastbarkeit der Daten ist außerdem völlig absurd. Eine hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben. Es gibt die begründete Annahme, dass die Menschheit das Klima beeinflusst. Das Vorsorgeprinzip gebietet es daher, auf dem eingeschlagenen Weg nicht weiterzugehen.

Was werfen Sie Vahrenholt vor?

Ich werfe ihm gar nichts vor, schließlich leben wir in einer Demokratie. Er kann schreiben, was er will. Ich bewege mich auf dem Boden der Wissenschaft.

Vahrenholt meint, die Sonne habe entscheidenden Einfluss auf die Erderwärmung. Stimmt das?

Ich kenne keine wissenschaftliche Arbeit, die zeigen würde, dass man ohne den Faktor Mensch auch nur annähernd die Erderwärmung im 20. Jahrhundert erklären könnte.

Sie beide gehen sich aus dem Weg gehen. Warum kein Streitgespräch?

Ich streite gern und kontrovers, aber mit Wissenschaftlern – also Menschen, die in Fachzeitschriften publizieren. Warum sollte ich mit einem Laien streiten?

Wie steht es ums Klima?

Das Arktiseis hat sich so weit zurückgezogen, wie es noch nie der Fall war, seitdem Satelliten im Orbit kreisen, also seit Ende der 1970er-Jahre.

Welche Folgen hat das?

Zunächst ist ein einzigartiges Ökosystem bedroht. Dort gibt es ja nicht nur Eisbären, sondern auch Kleinstlebewesen, die teils am Anfang der Nahrungskette stehen. Menschen werden konfrontiert mit Ereignissen, die sie bislang nicht kannten: statt Eis gibt es offenes Meer, hinzu kommen Wellengang, Erosion. Ganze Landstriche werden vom Meer unbewohnbar gemacht.

Doch es gibt Kritik an der Energiewende. Kommt es zu höheren Strompreisen?

Davon ist zwar auszugehen. Aber bei einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe ist nicht einzusehen, dass nicht alle an den Kosten beteiligt werden. Zurzeit sind allein die Verbraucher und kleine Betriebe vom Preisanstieg betroffen. So kann das nicht weitergehen. Sonst wird der Unmut in der Bevölkerung so groß, dass die Energiewende scheitert. Es ist höchste Zeit, auch die energieintensive Industrie an den Kosten zu beteiligen. Mit vielen Ausnahmen muss Schluss sein. Überdies machen die Energiekonzerne Milliardengewinne. Das ist nicht hinnehmbar, einen Teil der Last müssen auch sie tragen.

Ist Biosprit sinnvoll?

Es ist ein Skandal, dass das eingeführt wurde – übrigens gegen die ausdrückliche Empfehlung des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung. Bei Biosprit handelt es sich um eine verdeckte Subventionierung der Automobilindustrie. Sie brauchte auf diese Weise ihren Flottenverbrauch nicht zu senken. E10 ist Blödsinn. Stattdessen brauchen wir verbrauchsärmere Autos und weniger Verkehr.

Wie bewerten Sie Biogas?

Auch das ist teilweise ein Holzweg. Man darf nicht Nahrungsmittel für Energie hergeben. Nicht überall, wo Bio draufsteht, ist Bio drin.

Ist Offshore eine Lösung?

Die Offshore-Anlagen sind zwar eine richtige Strategie. Ich halte aber nichts davon, deren Strom nach Bayern zu leiten. Eine zentralistische Energieversorgung wäre ein großer Fehler. Es kommt auf die Regionen an. Die südlichen Bundesländer müssen sich mehr anstrengen; dort weht schließlich auch der Wind, und es gibt außer Sonne auch Erdwärme oder Wasserkraft. Innovation ist nötig, intelligente Lösungen sind gefragt, gerade was die Energiespeicherung angeht.

Taugen die Weltklimakonferenzen etwas?

Die weltweiten Probleme sind so nicht zu lösen. Die Vereinten Nationen sind wie ein zahnloser Tiger. Das Gleiche gilt für die Klimakonferenzen. Da wird immer alles Mögliche angedacht, aber der weltweite CO2-Ausstoß wächst dennoch. Solche Probleme sind nur ökonomisch zu lösen; notwendig sind Erfolgsmodelle, die von anderen Ländern kopiert werden.

Was schlagen Sie vor?

Eine Energiewende in Deutschland, die wirklich funktioniert, hätte große Signalwirkung in die Welt. Deutschland hat seit 1990 den CO2-Ausstoß um rund 25 Prozent reduziert. Die USA haben im gleichen Zeitraum ihren CO2-Ausstoß um mindestens fünf Prozent erhöht. Ich kann nicht sehen, dass es den Amerikanern besser geht als uns. Nicht selten haben sie mit Stromausfällen zu kämpfen. Ich ärgere mich über das häufige Halbwissen, das teils bewusst gestreut wird. Wer vor zwei Jahren das Aus für acht Atomkraftwerke in Deutschland gefordert hätte, wäre für verrückt erklärt worden, besonders von den Energieversorgern. Aber was ist nach dem Abschalten passiert? Nichts. Wir hatten vielmehr gigantische Überkapazitäten. Auch die Befürchtung, Deutschland sei zum Import von Atomstrom aus Nachbarländern gezwungen, hat sich nicht bewahrheitet. Deutschland hat immer noch Strom exportiert. Schließlich wurde die These verbreitet, dass der CO2-Ausstoß hierzulande steigt, weil acht AKWs fehlen. Aber das Gegenteil ist geschehen: In Deutschland sind die CO2-Emissionen weiter gesunken. Das heißt: Es ist im Interesse Deutschlands, so unabhängig wie möglich von den herkömmlichen Energieformen zu werden.


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