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Bundesweite Imam-Fortbildung startet heute „Mekka blickt nach Osnabrück“

Impulse für die gesamte islamische Welt erhoffen sich Experten vom bundesweit ersten Weiterbildungsprogramm für Imame (hier in einer Osnabrücker Moschee). Foto: ArchivImpulse für die gesamte islamische Welt erhoffen sich Experten vom bundesweit ersten Weiterbildungsprogramm für Imame (hier in einer Osnabrücker Moschee). Foto: Archiv

Osnabrück. Es ist eine Premiere: Heute startet das erste bundesweite Weiterbildungsprogramm für Imame an einer Hochschule. Zwei Semester lang werden sie Blockseminare an der Universität Osnabrück besuchen – ein Modell, das kritisch beäugt wird.

Die muslimischen Vorbeter werden sich mit Religionspädagogik beschäftigen, das Verhältnis von Staat und Religion in Deutschland kennenlernen und in Kontakt zu evangelischen und katholischen Theologen sowie einem Rabbiner treten. Auch Exkursionen etwa zu einer KZ-Gedenkstätte und zum Deutschen Bundestag sind vorgesehen, wie der Religionswissenschaftler Rauf Ceylan von der Uni Osnabrück erklärt. „Das ist einzigartig“, sagt der Professor zu den Lehrinhalten.

30 Studienplätze stehen für haupt- und ehrenamtliche Imame und muslimische Seelsorgerinnen bereit. Das Studienangebot verbreitete sich vor allem über Mund-zu-Mund-Propaganda. Zu einem Schnuppertag kamen mehr als 90 Interessierte in den Hörsaal, rund 50 haben sich schließlich beworben. Ceylan und sein Kollege, der Islamwissenschaftler Bülent Ucar, führten daher Auswahlgespräche. Wer an der Islam-Fortbildung teilnimmt, muss Mindestkompetenzen in der deutschen Sprache vorweisen, damit er alles verstehen kann.

Abdul-Jalil Zeitun, Immobilienkaufmann und ehrenamtlicher Imam der Ibrahim-Khalil-Moschee in Nähe des Osnabrücker Hauptbahnhofs, zählt dazu. Zur Gemeinde des 62-jährigen gebürtigen Syrers gehören Gläubige aus zahlreichen Nationen. Zeitun möchte vor allem Anstöße für die Arbeit mit Jugendlichen erhalten.

An der Vorbereitung der Imam-Fortbildung beteiligt war eine interministerielle Arbeitsgruppe der niedersächsischen Landesregierung mit Vertretern aus dem Innen-, Kultus- und Sozialministerium, ebenso die Schura Niedersachsen, also der Landesverband der Muslime. „Die waren sehr kooperativ“, sagt Ceylan.

Damit die Imam-Ausbildung gelingt, hält es der Wissenschaftler jedoch auch für wichtig, die Basis mitzunehmen, „aber nicht um jeden Preis“. Keine leichte Aufgabe, denn penetrante deutsche Islam-Kritiker beäugen das Osnabrücker Modell ebenso skeptisch wie islamische Verbände.

Bislang stammen die meisten Imame in Deutschland aus der Türkei, geholt vom größten türkischen Dachverband, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB). Die Imame bleiben oft vier Jahre, sind aber unzureichend auf ihre Aufgabe vorbereitet; ihnen fehlen Kenntnisse der deutschen Sprache und Kultur. Die DITIB fürchtet um einen Machtverlust; sie schickt daher in jüngster Zeit türkischstämmige Abiturienten zur Imam-Ausbildung in die Türkei.

Die Professoren Ceylan und Ucar sehen die Fortbildung von Imamen nur als Anfang. Auf Dauer wünschen sie sich ein komplettes Imam-Studium an deutschen Universitäten, damit muslimische Theologen eine moderne akademische Ausbildung wie ihre christlichen und jüdischen Kollegen erhalten.

Ceylan sieht darin auch ein dringend nötiges Gegenkonzept zu Lockangeboten extremistischer Imame: Salafisten, die gut Deutsch sprechen und als Cyber-Imame ihre vereinfachende Botschaft im Internet verbreiten, wirkten auf manche muslimische Jugendliche sehr attraktiv, warnt er. Daher sei es nötig, dass gemäßigte Imame dem Paroli bieten könnten. „Theologie muss geistig frei atmen können“, fordert Ceylan, und das sei in mehrheitlich islamischen Ländern leider nicht möglich. Deshalb erhofft er sich, dass von der Ausbildung in Osnabrück und anderswo Impulse für die gesamte islamische Welt ausgehen. „Mekka blickt nach Osnabrück“, lautet daher sein Wunschtraum.


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