670 Fälle in Niedersachsen Wölfe töteten in Deutschland mehr als 3500 Nutztiere

Von Dirk Fisser


Osnabrück. Seit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland im Jahr 2000 hat das Raubtier mehr als 3500 Nutztiere getötet. Das ergab eine Umfrage unserer Redaktion unter den Bundesländern. Die größten Verluste verzeichneten demnach Brandenburg und Sachsen mit sicher oder sehr wahrscheinlich durch Wölfe getöteten Nutztiere. Auf Platz drei folgt Niedersachsen mit fast 670 gemeldeten Rissen.

Die Wölfe in Deutschland sind Einwanderer oder stammen von solchen ab. Im Jahr 2000 kamen zum ersten Mal seit 100 Jahren wieder Wolfswelpen in Deutschland zur Welt. Die Elterntiere stammten aus Polen und hatten sich am östlichen Rand Sachsens niedergelassen. Es war der Anfang einer zunächst langsamen aber mittlerweile deutlich beschleunigten Rückeroberung von Lebensraum. Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen gibt es in Deutschland mindestens 47 Wolfsrudel, 33 Wolfspaare und vier Einzeltiere, die durchs Land streifen. 175 Welpen zählte die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf für die „Saison“ 2015/16. Fünf Jahre zuvor waren es lediglich 35.

Meistens Schafe, aber auch Alpakas

Je weiter die Wölfe ins Landesinnere vordrangen und je näher sie dabei den Menschen kamen, desto größer wurden die Konflikte. Nach einer Umfrage unserer Redaktion haben die Bundesländer seit der Wolfsrückkehr 3523 Risse von Nutztieren gezählt, die sehr oder ganz sicher vom Raubtier getötet worden sind. In der Mehrzahl handelte es sich dabei um Schafe. Aber auch Ziegen, Damwild, Rinder, Pferde-Fohlen und sogar Alpakas fielen Wölfe nach Angaben der Länder zum Opfer. Vor allem im Osten schlugen die Raubtiere zu: Brandenburg führt die Statistik mit 1106 toten Tieren vor Sachsen (895) an. (Weiterlesen: Wolf tappt bei Haren in Fotofalle)

Auf dem dritten Platz folgt bereits Niedersachsen mit aktuell 669 Rissen durch Wölfe, seitdem 2008 die ersten Wölfe in dem Flächenland nachgewiesen wurden. Die anfängliche Freude über die Rückkehr des Raubtieres ist mittlerweile handfestem Streit gewichen. Der Wolf ist ein Politikum. Schäfer bangen um ihre Existenz. Die rot-grüne Landesregierung wollte mit Fortbildungen und subventionierten Präventionsmaßnahmen wie Schutzzäunen gegensteuern. Der Erfolg hält sich aber in Grenzen. Die Zahl der Risse steigt Jahr für Jahr an. Der Wolf „Kurti“, der Menschen zu nahe kam, wurde bereits auf Weisung der Landesregierung erschossen. Weiteren verhaltensauffälligen Tieren droht ein ähnliches Schicksal.

Jäger: Wölfe passen sich an

Nicht unbedingt, weil sie den Menschen bedrohten, sondern weil sie nach Beobachtungen der Landesjägerschaft anderweitig auffallen: Bei Barnstorf im Landkreis Diepholz soll eine Fähe immer wieder Schutzzäune überwunden haben. Allein auf das Konto ihres Rudels sollen 166 tote Nutztiere gehen. 122 rechnen die Jäger einem Rudel in Cuxhaven zu. Die Raubtiere sollen sich eine Taktik angeeignet haben, mit der sie selbst ausgewachsene Rinder erbeuten.

Immer da, wo der Wolf auftaucht, beginnt die Diskussion aufs Neue. Derzeit beispielsweise in Nordrhein-Westfalen, wo zwar noch kein Wolfsrudel sesshaft geworden ist, das Tier aber bereits durch die Lande streift. 16 Risse meldet das zuständige Umweltministerium in Düsseldorf auf Nachfrage. (Weiterlesen: Wolf aus Niedersachsen im Schwarzwald erschossen)

Der Mensch ist neben einigen Krankheiten der einzige natürliche Feind des Wolfes. 206 Tiere sind seit 2000 tot in Deutschland aufgefunden worden. 141-mal war ein Verkehrsunfall die Ursache, illegal getötet wurden 30 Wölfe laut Dokumentation der Dokumentations- und Beratungsstelle. Darunter fällt auch ein Tier, das Anfang Juli tot aus einem See in Baden-Württemberg geborgen wurde. Es war allerdings nicht ertrunken, sondern erschossen worden. Die Ermittlungen der Polizei dauern an. Das Tier stammte ursprünglich aus Niedersachsen. Im Südwesten hat sich bislang noch kein Wolf angesiedelt.

Bauernverband: Weidetierhaltung gefährdet

Geht es nach dem Bauernverband, soll Schluss sein mit der Ausbreitung des Raubtiers. Verbandsgeneralsekretär Bernhard Krüsken sieht die Zukunft der Weidetierhaltung in einigen Regionen Deutschlands gefährdet. Krüsken sagt: „Die Weidehaltung darf nicht länger einer falschen Romantik und der ungehemmten Verbreitung des Wolfes untergeordnet werden, genauso wenig wie das Sicherheitsgefühl der Menschen in den ländlichen Räumen.“ Er wirft Naturschützern vor, die Wolfspopulation in Deutschland kleinzureden – ebenso wie die Anpassungsfähigkeit des Tieres. (Weiterlesen: Zaun soll Schafe am Versener Heidesee vor Wölfen schützen)

Dazu passt eine Meldung aus Sachsen: Vor wenigen Tagen soll hier ein Wolf gleich zwei Schutzzäune überwunden und dann drei Schafe getötet haben. Nach einem Bericht der „Sächsischen Zeitung“ bestätigte ein Wolfsgutachter den Riss bereits. Nicht immer ist das Raubtier aber auch für tote Nutztiere verantwortlich, die ihm ursprünglich zugeschrieben werden. Die Landesjägerschaft in Niedersachsen vermeldete kürzlich, dass bislang 500 vermeintliche Nutztier-Risse durch den Wolf gemeldet worden sind, bei denen zum Teil mehrere Kadaver entdeckt wurden. Aber nur in 47,2 Prozent der Fälle konnte das Raubtier auch zweifelsfrei als Täter identifiziert werden. In jedem vierten Fall war es definitiv kein Wolf, sondern beispielsweise ein Hund.

4,5 Millionen Euro für Prävention

Bauernverbands-General Krüsken bezeichnete die Vorschläge von Umwelt- und Tierschutzverbänden zum Schutz der Weidetiere als „völlig unzureichend.“ Es sei damit nicht getan, einzelne sogenannte Problemwölfe wie „Kurti“ zu entnehmen und Zäune zu ziehen. „Es bedarf einer Bestandsregulierung und einer Festlegung von Gebieten, die für eine Wiederansiedlung des Wolfes nicht in Frage kommen“, sagte Krüsken. Bislang würden Kosten und Risiken für die Wiederansiedlung des Wolfes allein den Weidetierhaltern aufgebürdet. (Weiterlesen: Weil will Wölfe in Niedersachsen begrenzen)

Klar ist aber: Auch der Steuerzahler leistet seinen Beitrag. Die Bundesländer zahlen bei nachweislichen Nutztierrissen in aller Regel eine Art Entschädigung. Seit Rückkehr des Wolfes waren das laut Umfrageergebnisse mehr als 500.000 Euro. Ausgaben für Schutzmaßnahmen aber auch für die Einrichtung von Wolfsbüros und ähnlichen Anlaufstellen bezifferten die Bundesländer mit mindestens 4,5 Millionen Euro seit der Rückkehr des Raubtiers.