Das Dorf Jameln im Wendland Vom Castor-Widerstandsnest zur Grünen-Hochburg

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Jameln. Es ist eine Grünen-Hochburg jenseits städtischer Hipster-Viertel in Uni-Nähe. In Jameln im äußersten Nordosten Niedersachsens holte die Partei bei der vergangenen Bundestagswahl 27 Prozent. Im Wendland wirken die Gorleben-Proteste noch immer nach.

An der Kreuzung, die vor 21 Jahren Geschichte geschrieben hat, herrscht heute Tristesse. Die Autos brausen achtlos auf der B 248 an Jameln vorbei, denn zum Anhalten gibt es keinen Grund: Die einstmals erste Biogastankstelle Deutschlands ist seit Mai außer Betrieb. „Zu teuer“, sagt der neue Chef der Raiffeisengenossenschaft. Auch das „Wohlfühlcafé Grappenkopp“ gegenüber ist dicht. Das Gasthaus im nahen Breselenz ist inzwischen eine Seniorenresidenz. Wer einen Kaffee trinken will, macht das hier am besten zwischen Donnerstag- und Sonntagabend ab 18 Uhr. Dann hat das Michelin-ausgezeichnete Restaurant „Das alte Haus“ geöffnet. Ansonsten bleibt nur die Fahrt ins sieben Kilometer entfernte Dannenberg. Nichts erinnert an dieser Stelle an den Bauern Adi Lambke. Dabei schrieb der Geschichte.

Von Polizisten verprügelt

Am 7. Mai 1996 ist auf der Jamelner Kreuzung mitten im Wendland der Teufel los: Die Polizei löst mit einem Großaufgebot eine Sitzblockade auf, die einen leeren Castor-Tieflader für Gorleben aufhalten wollen. Als der Jamelner Landwirt Adi Lambke sich mit seinem Trecker einem Wasserwerfer in den Weg stellt, stürmen die Beamten den Schlepper und verletzen Lambke. Das Bild des blutenden Bauern bestimmt die Nachrichten.

Die Anti-Atom-Proteste im Wendland mögen andernorts zu einer fernen Erinnerung verblasst sein. In Jameln sind sie – abgesehen von der Kreuzung – fast allgegenwärtig. Am Ortseingang sind die in den Demos zerschlitzten Treckerreifen aufgereiht, strahlend gelb mahnen Atomfassattrappen am Straßenrand, das gelbe „X“ des Widerstands findet sich in Groß und klein überall in Jameln.

Grundstein für die Grünen

Die heutigen Grünen in Niedersachsen sind ohne diesen Widerstand am Ostrand des Landes undenkbar: Als der damalige CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht 1977 einen Salzstock nahe dem wendländischen Dorf Gorleben zum Atommüll-Endlager bestimmt, legt er mit dem Widerstand ungewollt den Grundstein für die neue Partei: 1977 gründet Adi Lambke in Jameln die bäuerliche Notgemeinschaft und wechselte von der FDP zu den neuen Grünen. Einige Dörfer weiter startet die junge Landschaftsgärtnerin Rebecca Harms eine Bürgerinitiative gegen Gorleben. Heute ist die gesamte Region Grünen-Hochburg und Harms sitzt für die Grünen im Europaparlament. In der Grünen-Fraktion im niedersächsischen Landtag gemahnen noch heute Fotos der Proteste die Abgeordneten an ihre politischen Wurzeln. Dabei liegt das Wendland von Hannover aus weit weg hinter dunklen Wäldern – von Jameln aus ist man schneller in Schwerin oder Magdeburg als in der eigenen Landeshauptstadt.

„Zu oft veräppelt“

2013 holte die Partei bei der Bundestagswahl im Wahllokal des Feuerwehrgerätehauses 132 Stimmen, das sind 27 Prozent. „Früher gab es hier eine eigene sehr rege Castor-Gruppe“, begründet Bürgermeister Udo Sperling die traditionell guten grünen Ergebnisse. Die Gruppe ist derzeit nicht mehr so aktiv. Doch wenn es Anlass gebe, werden sich die Leute wieder regen, ist sich Sperling sicher. „Die Menschen sind hier zu oft veräppelt worden“. Seit der Gemeindegebietsreform 1972 sitzt der Jamelner Sperling, selbst in der UWG, im Gemeinderat der zehn zur Gemeinde Jameln zusammengeschlossenen Örtchen, das damit auf etwa 1000 Einwohner kommt. Zu den Orten gehört auch Platenlaase mit dem „Café Grenzbereiche“. Das ist nur selten geöffnet, dann aber gibt es Liedermacherabende, alternative Filme oder Info-Abende zur kurdischen Freiheitsbewegung. Solche von Bürgern getragenen Inititiativen gehören längst zum Wendland. Sie sorgen für Kunst und Kultur, arbeiten an nachhaltiger Landwirtschaft und Energieversorgung, verlegen gemeinsam Biogas-Fernwärmeleitungen und stemmen sich gegen die Verödung der Dörfer und stehen in Krisen wie dem Flüchtlingszustrom 2015 bereit.

Entfremdungserscheinungen

Und die Grünen gehören auch dazu: Die Direktkandidatin Julia Verlinden erhielt in Jameln knapp 20 Prozent der Erststimmen. Verlinden zog mit einem der besten Zweitstimmenergebnisse Niedersachsens 2013 in den Bundestag ein und tritt nun als niedersächsische Spitzenkandidatin wieder an. Sie sieht in dem Erfolg nicht nur die Spätfolgen des Atom-Protests: „Wir haben gute Frauen hier“, betont Verlinden und meint damit auch die Landtagsabgeordnete Miriam Staudte.

Allerdings waren die Ergebnisse früher sogar besser. Und es gibt auch Entfremdungen: Bei einer Podiumsdiskussion in Dannenberg fragt der Atomkraftgegner Wolfgang Ehmke aus einem Nachbardorf Jamelns Verlinden, warum die Grünen nur dem Endlagersuchgesetz zustimmen konnten, obwohl es Gorleben nicht als Endlager ausschließt. Verlinden hat zwar als einzige Grünen-Abgeordnete dagegen gestimmt, doch die Enttäuschung ist greifbar.

Adi Lambkes Erbe

Ein riesiges Widerstands-“X“ prangt auf der ehemaligen Scheune Adi Lambkes am Jamelner Rundling, wenige Meter von der Bundesstraße entfernt. Der Bauer ist 2013 gestorben, heute wohnt sein ehemaliges Patenkind Dirk Naumburg auf dem alten Hof. Naumburg, Jahrgang 1979, hat Lambkes Widerstandsplakate an der Scheune hängen lassen. Die alten Traktoren, der Castor aus Pressholz, der hölzerne „Thron“, den die Grünen Lambke geschenkt haben und auf dem er früher hinterm Haus in der Sonne saß - es ist alles noch da. Auch der von Lambke mitgebaute Schweinestall, in dem sich Ferkel in großzügigen Außenställen sonnen. Lambke habe sich immer um die Umwelt gesorgt, erzählt Naumburg. Mit Politik kann er nicht viel anfangen, doch die Erinnerung hält er bewusst hoch: „Für mich war Adi einfach besonders“, sagt er.

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