Elternrat kündigt Proteste an Land will weitere 170 Lehrer an Grundschulen abordnen

Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) steht unter Druck. Foto: dpaNiedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) steht unter Druck. Foto: dpa

Hannover. Das Land Niedersachsen will in den nächsten Wochen 170 weitere Lehrer an Grundschulen abordnen, um den Pflichtunterricht zu sichern. Kultusministerin und Schulamt sprechen von einem normalen Vorgang, Opposition und Elternvertreter von Chaos.

Angesichts des Unterrichtsausfalls an Niedersachsens Grundschulen plant das Land weitere massive Abordnungen von Lehrern. Ein Vertreter des Kultusministeriums sprach von geplanten „170 Vollzeit-Einheiten“, um eine Lücke von 4823 noch offenen Unterrichtsstunden auszugleichen. Seit Anfang des Schuljahres seien erst 55 Lehrkräfte von weiterführenden an Grundschulen geschickt worden. Im Vorjahr hatte das Land lediglich sechs Lehrer an Grundschulen abgeordnet. Wegen der ungleichen Verteilung der Unterrichtsversorgung mussten bislang 173 Gymnasien und 53 Gesamtschulen im Land Stunden abgeben. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) sprach von einer „großen Kraftanstrengung“, mit der das Land versuche, die Unterrichtsversorgung zu erhöhen. Das Land findet derzeit nicht genug Bewerber für frei werdende Lehrerstellen. Von 1814 für dieses Schuljahr ausgeschriebene Posten sind bisher 1573 besetzt. Im Bezirk Lüneburg sind nur 363 von 432 Stellen besetzt, im Bezirk Osnabrück 427 von 516. Da bundesweit nach Lehrkräften gesucht wird, ist die Zahl von Bewerbern aus anderen Bundesländern eingebrochen.

„Abordnungen sind Alltagsgeschäft“

Der Präsident der Landeschulbehörde, Ulrich Dempwolf, wehrte sich gegen Berichte, an Niedersachsens Schulen herrsche Durcheinander. „Wir sind weit weg von Chaos“, sagte Dempwolf im Kultusausschuss des Landtags. Die Lage zwar sei nicht einfach, doch Abordnungen seien seit Jahren „gang und gäbe“. Auch Veränderungen von Klassen und Personalbeständen in den Ferien seien „Alltagsgeschäft“. In Einzelfällen sei es zu Diskussionen mit Schulleitungen gekommen, räumte Dempwolf ein. Nach Zahlen des Landes sind derzeit mehr als 4000 Lehrer mit fast 73000 Wochenstunden an andere Schulen abgeordnet. Insgesamt sei die Lehrerverteilung ein hochkomplexes Unterfangen, bei dem immer wieder nachgebessert werden müsse. Das gelte vor allem für ländliche Regionen: „Einen Bewerber mussten wir drei- bis viermal anrufen, um ihn nach Cuxhaven umzuleiten“, sagte Dempwolf.

Die Opposition warf Heiligenstadt völliges Versagen vor: Die Beschreibungen aus den Landesbehörden passten nicht zur Situation in Niedersachsen. Die Landesregierung habe sich weit von der Realität im Land entfernt, klagte der CDU-Bildungsexperte Kai Seefried. Der FDP-Abgeordnete Björn Försterling warf Heiligenstadt vor, die Schulen sehenden Auges ins Chaos zu stürzen. So habe das Kultusministerium bei der Prognose von Lehrkräftebedarf und Schülerzahl massiv verschätzt. Auch passten Prognosen und Wirklichkeit nicht zusammen. So habe das Kultusministerium 115 ausgeschriebene Lehrerstellen an Grundschulen nicht besetzen können, nun sei die Lücke weit größer. Bereits im März sei dem Land klar gewesen, dass im kommenden Schuljahr an Grundschulen über 30 000 Unterrichtswochenstunden fehlten, was rund 1 095 Vollzeitstellen entspreche. „Gleichwohl hat man nur 481 Stellen ausgeschrieben“, klagte Försterling.

Stundenpläne fehlen

Der Verband der Elternräte an Gymnasien versprach der Landesregierung angesichts der neuen Abordnungsankündigungen einen heißen Herbst. „Wir werden ein Feuer entfachen“, kündigte Geschäftsführerin Petra Wiedenroth an. Heiligenstadts Beschreibungen hätten jeglichen Realitätsbezug verloren und bei ihr „blankes Entsetzen“ ausgelöst, sagte Wiedenroth. Der Vorsitzende des Philologenverbands, Horst Audritz, sprach von einer „Zumutung“ für die Schüler. Auch anderthalb Wochen nach Schuljahresbeginn seien Stundenpläne Makulatur, anderswo gebe es nicht mal welche. Anderswo würden an Grundschulen abgeordnete Lehrer vor Ort erfahren, dass sie gar nicht gebraucht werden. „Ein solches Chaos habe ich noch nie erlebt“, kritisierte Audritz.

Die SPD verteidigte ihre Ministerin: Der Abgeordnete Uwe Strümpel riet der Opposition, mit ihrer „Legendenbildung“ aufzuhören. Es sei eine durchaus sinnvolle Erfahrung für Gymnasiallehrer, Einblicke an Grundschulen zu sammeln. „Andere Bundesländer regeln das deutlich schlechter“, sagte Strümpel.


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