Betroffener Landwirt berichtet Fipronil-Skandal: So kam das Gift in die Ställe

Massenhaft vernichtete Eier: Das Bild stammt von einem gesperrten Betrieb in den Niederlanden. Foto: Bas van SluisMassenhaft vernichtete Eier: Das Bild stammt von einem gesperrten Betrieb in den Niederlanden. Foto: Bas van Sluis

Osnabrück. Der Fipronil-Skandal hat Deutschland erreicht. Auch hier könnte das Gift in Hühnerställen eingesetzt worden sein. Ein betroffener Landwirt aus der Region berichtet.

Ein Mann im gelben Schutzanzug schiebt ein Wägelchen durch einen Stall. Aus Düsen am Gefährt wird ein feiner Nebel versprüht, der sich im gesamten Gebäude verteilt. Hat so der Fipronil-Skandal begonnen, der zunächst die niederländische Eierproduktion lahmlegte und jetzt Deutschland erreicht hat? Die Szene stammt aus einem Werbefilm der Firma, die das Gift in die Ställe gebracht haben soll. Ob absichtlich oder unwissentlich, ist derzeit unklar. (Weiterlesen: Insektizid belastet Millionen Eier – Wie gefährlich ist Fipronil?)

Rote Vogelmilbe

Hervorragend sei der Ruf in der Branche gewesen, berichten niederländische Hühnerhalter über die Firma. Von einem Wundermittel aus ätherischen Ölen ist die Rede, das das Unternehmen in den Ställen verteilt habe – mit sehr guten Ergebnissen. Der Betrieb versprach durchschlagende Erfolge gegen die rote Vogelmilbe, im Niederländischen auch rote Blutlaus genannt, und das zu günstigen Preisen. Der Plagegeist beißt nachts die Hühner und saugt Blut. Es ist ein ewiger Kampf im Stall, den die Landwirte stellvertretend für ihre Tiere ausfechten.

Eier werden vernichtet

Der Erfolg der Firma aus Barneveld bei Amersfoort sprach sich bis nach Deutschland rum. „Das hat mich einfach überzeugt, was ich gehört und gesehen habe“, sagt ein Bauer aus der Grafschaft Bentheim, der das Unternehmen beauftragt hatte. 40.000 Legehennen hält er in Freilandhaltung. 38.000 Eier produziert sein Betrieb pro Tag. Und die muss er nun – bis auf Weiteres – vernichten. (Weiterlesen: Fipronil im Ei: Warum andere Länder früher gewarnt haben)

Millionen Eier müssen vernichtet werden in Europa. Foto: AFP

Wer ist schuld?

Denn was er und seine Kollegen nicht ahnten: Offenbar verteilte die Sprühmaschine nicht nur den angepriesenen ökologischen Wirkstoff „Dega16“, sondern auch das in der Nutztierhaltung verbotene Lausbekämpfungsmittel Fipronil. Wer es beigemischt hat, ist unklar. Der Schädlingsbekämpfer aus Barneveld weist die Schuld von sich. War es der Dega16-Hersteller? Oder einer seiner Zulieferer? Oder einer deren Zulieferer? Staatsanwaltschaften in Belgien und den Niederlanden ermitteln.

„Irgendwer wird es gewesen sein. Das ist mir jetzt gerade erst einmal egal“, sagt der Landwirt aus der Grafschaft. Sein Hof ist gesperrt, wie drei andere Betriebe in seiner Nachbarschaft und ein weiterer Betrieb im Emsland. Sie alle waren Kunden der Firma aus Barneveld, genauso wie 180 niederländische Betriebe. In Labors wird gerade untersucht, ob die Eier ihrer Legehennen tatsächlich Fipronil-belastet sind. In Kürze sollen Ergebnisse vorliegen. So lange darf kein Ei verkauft werden. In den Niederlanden und in Belgien konnte eine Verseuchung bei fast 20 Farmen bereits nachgewiesen werden.

Hohe Verluste für Betriebe

„Wir haben gerade die Vogelgrippe überstanden“, berichtet der Grafschafter. „Aber das setzt dem noch einmal einen drauf.“ Acht bis neun Cent hat er bislang pro Ei erhalten. Jetzt muss er für deren Entsorgung zahlen. Alles in allem kalkuliert er mit einem sechsstelligen Schaden für seinen Betrieb, wenn die Ergebnisse eine Belastung bestätigen.

Er ist gegen solche Schadensfälle versichert, viele seiner niederländischen Kollegen wohl nicht. Bereits jetzt beliefe sich der Schaden auf mehrere Millionen Euro, teilte der Branchenverband im Nachbarland mit. In niederländischen Medien ist von Verzweiflung und Tränen auf den Hühnerfarmen die Rede. Denn wen soll man für den Produktionsausfall haftbar machen? Würden alle gesperrten Betriebe Schadenersatzansprüche beim Schädlingsbekämpfer geltend machen, wäre der wohl pleite. Darüber macht sich keiner Illusionen. Vergleiche werden gezogen zum großen Dioxin-Skandal 2010 in Deutschland, als Futtermittel verseucht waren und am Ende niemand zur Rechenschaft gezogen wurde. (Weiterlesen: Erster Prozess nach Dioxin-Skandal: Ex-Vorstände aus Damme vor Gericht)

Es liegt große Unsicherheit über den Hühnerfarmen. Auch weil niemand genau weiß, was im Fall einer Verseuchung mit den Tieren passiert. Für viele von ihnen könnte das Fipronil das vorzeitige Ende bedeuten. Denn bis der Wirkstoff aus den Körpern verschwunden ist, kann es Wochen dauern. Zeit jedenfalls, in der die Tiere weiter gefüttert werden müssen, die Eier aber wohl nicht verkauft werden dürften. Die Notlösung wäre der Tod.

Die niederländische Lebensmittelaufsichtsbehörde NVWA untersucht derweil auch Nahrungsmittel, die Eier enthalten wie Mayonnaise, Pasta oder Eis auf Spuren von Fipronil. Die NVWA warnt vor dem Verzehr von belasteten Eiern. In zu hoher Dosis könne das Mittel Leber, Nieren und Schilddrüse schädigen. Die Behörde schränkte aber eine allgemeine Warnung ein, nachdem der Verband der Geflügelzüchter protestiert hatte.


Eier mit folgenden Aufdrucken sollten laut www.lebensmittelwarnung.de nicht gegessen werden. Sie stammen aus Betrieben mit Fipronil-Nachweis:

  • 0-NL-4310001;
  • 1-NL-4167902;
  • 1-NL-4385701;
  • 1-NL-4339301;
  • 1-NL-4339912;
  • 2-NL- 4385702;
  • 1-NL-4331901;
  • 2-NL-4332601;
  • 2-NL-4332602;
  • 1-NL-4359801.
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