5757 Nachrichten einer Whatsapp-Gruppe Auszüge aus dem Verlauf: Osnabrücker Forscher untersuchen Terrorchat

Von Dirk Fisser

5757 Whatsapp-Nachrichten haben die Forscher der Unis Osnabrück und Bielefeld untersucht. Foto: dpa5757 Whatsapp-Nachrichten haben die Forscher der Unis Osnabrück und Bielefeld untersucht. Foto: dpa

Osnabrück. Die Radikalisierung junger Menschen stellt Sicherheitsbehörden und Gesellschaft immer wieder vor Rätsel. Mit der Auswertung des Chatprotokolls einer Gruppe junger Männer, die 2016 einen Anschlag in Deutschland begangen haben, kommen Forscher der Lösung des Rätsels jetzt etwas näher. Überraschend: Hassprediger oder Moscheen spielen eine untergeordnete Rolle.

5757 Nachrichten einer Whatsapp-Gruppe haben die Wissenschaftler der Universitäten in Osnabrück und Bielefeld unter die Lupe genommen. Die Forscher kommen zu dem Schluss: Moscheen und salafistische Prediger wie Pierre Vogel spielten bei der Radikalisierung keine Rolle – im Gegenteil: die Gruppe lehnte diese sogar ab.

Stattdessen konstruierten die Männer ihren eigenen radikalen Islam mit Versatzstücken aus dem Internet. „Lego-Islam“ nannte das Michael Kiefer vom Institut für islamische Theologie an der Uni Osnabrück. Tatsächlich seien die Vorstellungen der Gruppe „überraschend weit weg“ vom traditionellen Islam. Ihre Kenntnisse darüber seien rudimentär oder gar nicht vorhanden.

Es folgt ein Auszug eines Chats:

Welchen Anschlag die jungen Männer letztlich im Jahr 2016 hierzulande begangen, sagten die Wissenschaftler nicht. Es sei aber von Anfang an das Ziel gewesen, einen Anschlag zu verüben, so Extremismusforscher Andreas Zick von der Uni Bielefeld. Dabei habe sich ein Gesprächsteilnehmer in der Whatsapp-Gruppe als Anführer aufgespielt. Er habe sämtliche Äußerungen in einen salafistischen Kontext gestellt, ohne aber selbst über profundes Wissen über den Islam oder die arabische Sprache zu verfügen. „Je einfältiger desto besser“, umschrieb Kiefer die Devise.

Kalifat als „aufgeblasener Heilsort“

Das Gebiet der Terrororganisation Islamischer Staat in Syrien und Irak sei ein „aufgeblasener Heilsort“, so Professor Zick. Im Chatverlauf werde das sogenannte Kalifat als „Hasental“ bezeichnet. Es wird verklärt zum Ort, wo die jungen Menschen zu Männern werden könnten. Moscheen, Eltern und andere Autoritäten seien hingegen die Feindbilder der Gruppe.

Laut Zick seien kritische Ereignisse im Leben der jungen Männer wie die Konfrontation mit Tod, Krankheit oder häuslicher Gewalt häufig Ausgangspunkt einer Radikalisierung. Die Jugendlichen befänden sich auf einer „massiven Sinnsuche“ und hätten das Bedürfnis nach einem Neustart. Das selbst zusammengebastelte Islam-Verständnis biete diese Chance.

Ein weiterer Auszug aus einer Unterhaltung:

Die Forscher kritisierten, dass ihr Projekt bislang weitgehend einmalig sei in Deutschland. Es fehle an profundem Wissen über Radikalisierungsprozesse. Zick wies darauf hin, dass es anders als in anderen europäischen Ländern hierzulande kein explizites Forschungsinstitut zu diesem Thema gebe.

Demgegenüber stünde ein wachsendes Angebot im Internet für sinnsuchende Jugendliche, die Gefahr liefen, in den Salafismus abzugleiten. Michael Kiefer bezeichnete die Schule als „wichtigsten Präventionsort“, hier falle eine Radikalisierung am ehesten auf. Insgesamt müsse die Gesellschaft wachsam sein. Es brauche Gegenangebote zu den radikalen Verlockungen im Netz, sagte der Bielefelder Wissenschaftler Zick. (Weiterlesen: „Afrikabrunnen“ in Osnabrück: Spendensumpf der Salafisten)


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