Heiliges Dreifaltigkeitskloster Buchhagen So beliebt ist der Kirschlikör dieser orthodoxen Mönche



Bodenwerder. Vier orthodoxe Mönche leben im Dreifaltigkeitskloster Buchhagen im Kreis Holzminden als Selbstversorger. Ihren Wildkirschlikör gibt es deutschlandweit über Manufactum zu kaufen.

Fünfzehn Minuten dauert der Fußmarsch zu den geistlichen Kommunarden. 70 Meter Höhenunterschied vom Rest der Welt entfernt. Oberhalb des niedersächsischen 37-Seelen-Dörfchens Buchhagen leben vier orthodoxe Mönche im Deutschen Orthodoxen Heiligen Dreifaltigkeitskloster – wirtschaftlich weitgehend autark. Ihr Kloster bauten sie von Hand selbst auf, ernähren sich vom eigenen Gemüsegarten. Und sogar das bekannte Nostalgie-Kaufhaus Manufactum vertreibt ihre Produkte. Wie schaffen die das bloß?

Steiler, steiniger Pfad führt zum Kloster

Ich mache mich auf den Weg zu ihnen, um dieser Geschäftstüchtigkeit auf den Grund zu gehen. Zunächst kommt ein Kiesweg, der immer steiler wird. Die letzten Meter geht es auf einem steinigen Pfad nach oben, der vom Sommergewitter ganz glitschig geworden ist. Ich bin froh, gutes Schuhwerk dabeizuhaben. Aber was wäre ein Aufstieg zu einem Kloster ohne Anstrengungen?

Deutschsprachige orthodoxe Choräle

Mit einer Glocke am Tor mache ich mich bei den Mönchen bemerkbar, werde in den Innenhof gelassen – als Frau nur mit Tuch über Kopf und Schultern und einem Rock über die Hosen gezogen. Es ist Freitagnachmittag, öffentliche Vesper in der weihrauchverhangenen Krypta, die wie eine frühchristliche Kirche spärlich mit Kerzen beleuchtet und ikonenbemalt ist. Anderthalb Stunden Gottesdienst im Stehen, die Mönche singen deutsprachige orthodoxe Choräle, die der Klostergründer Altvater Abt Johannes selbst entwickelt hat.

Erste deutsche orthodoxe Mönchsgemeinde

In den 1990er-Jahren baute der gebürtige Hesse mit ein paar Mönchen das Kloster alleine auf: in mittelalterlich anmutender Architektur, abgelegen in Hanglage. So wie er es von den Klöstern des Heiligen Berges Athos in Griechenland kannte, wo er vier Jahre als Mönch gelebt hatte. In Buchhagen gründete er die erste deutsche orthodoxe Mönchsgemeinde. Sie gehört zum bulgarisch-orthodoxen Patriarchat.

Wildkirschlikör für die Gäste

Zur Begrüßung reicht Abt Johannes den hausgemachten Wildkirschlikör. Die dunkelrote, hochprozentige Flüssigkeit hat ein sehr kräftiges Kirscharoma (nach mehrstündiger Fahrt von Osnabrück, Bergaufstieg und anderthalbstündigem Gottesdienst eine wahre Erquickung). „Das ist ein Familienrezept meiner Ururgroßmutter“, sagt der 62-Jährige. Er trägt einen weißen Rauschebart und eine schwarze Kutte. Die Mönche selbst trinken wenig davon, wie er sagt, aber reichen es vor allem Gästen.

700 Flaschen pro Jahr für Manufactum

So wurde auch Martin Erdmann, einer der Chefeinkäufer des westfälischen Einzelhandelsunternehmens Manufactum, bei einem Besuch vor zehn Jahren darauf aufmerksam. „Es ist erstaunlich, was vier Mönche allein mit ihrer Handarbeit, ohne Maschinen, auf die Beine stellen“, sagt Erdmann, der selbst anderthalb Jahre im Noviziat in einem Benediktinerkloster lebte. Was die Mönche zunächst nur für den Hausbedarf in kleinen Mengen herstellten, gibt es über den Versandhandel von Manufactum deutschlandweit zu kaufen. Mittlerweile an die 700 Flaschen pro Jahr.

Anstrengende Obsternte

Und die Herstellung des geistigen Getränkes sei ein echter Knochenjob. Um die Wildkirschen im Frühsommer zu ernten, müssten die vier Mönche im angrenzenden Bergland des Voglers mit ihren Eimern hoch hinaus klettern. Die Kirschen (noch mit Kern, weil aromatischer) werden dann mit Kandiszucker und Kornbrand einer nahen Klosterbrennerei in Einmachgläser gefüllt. Das Ganze reift unter Sonneneinwirkung ein Jahr, ehe man den Likör auf Flaschen ziehen kann. Nicht jedes Jahr gibt es Wildkirschen, und bis man den Likör daraus verkosten kann, braucht man ein weiteres Jahr Geduld. 2016 gab es nach drei Jahren mit verregneten Sommern das erste Mal wieder genügend Ertrag.

Gottesdienst auf dem Kirschbaum

Dabei ist selbst die Herstellung des Kirschlikörs eine geistige Übung für die Mönche und nicht nur körperliche Anstrengung. Aus Zeitmangel während der Obsternte singen sie ihren Gottesdienste dann sogar auf den Bäumen – ein sehr pragmatischer Ansatz. „Bei einem großen Kloster kümmern sich einige Mönche um den Gottesdienst, andere um die Obsternte. Wir machen alles zusammen“, sagt der junge Vater Lazarus, der ursprünglich religionslos in der DDR aufwuchs und sich nach einem Zivildienst in Russland der orthodoxen Kirche zuwandte. Sein Alter gibt er „zwischen 30 und 38 Jahren“ an.

Einnahmequellen dank Manufactum

Der Verkauf des Kirschlikörs sei ein wichtiges Zubrot für das Dreifaltigkeitskloster, sagt Altvater Johannes, der auch ein bisschen stolz ist, dass sich sein Kloster wirtschaftlich alleine trägt. „Ein Kloster kann genauso schnell pleitegehen wie jeder Schusterladen, deswegen müssen wir gut haushalten“, sagt der Klostergründer, der ursprünglich Kirchenmusik und Theologie in Berlin studierte.

„Gutes aus Klöstern“

Die Geschäftstüchtigkeit der Mönche des Dreifaltigkeitsklosters machte aber beim Kirschlikör nicht halt. Sukzessive weiteten sie ihre Zusammenarbeit mit dem Kaufhaus aus. Mittlerweile listet Manufactum in seiner Sparte „Gutes aus Klöstern“ auch liturgische Bücher aus dem Verlag des Buchhagener Klosters, CDs mit den Gesängen der Mönche, Bergweihrauch aus den Wäldern des Vogler Bergs, ein Johanniskrautöl und einen süß-kräftigen Johannisbeerlikör.

Selbstversorgung mit dem Klostergarten

Dass die Mönche so gut haushalten, liegt auch an ihrer Selbstversorgung mit Obst und Gemüse aus dem eigenen Klostergarten, der bergseits nach Südosten liegt. Oberhalb davon gedeiht von Birnen über Äpfel und Stachelbeeren nahezu jede heimische Frucht. Auf den terrassenförmigen Beeten sprießen hellgrüne Salatköpfe und Kräuter. Wurzelfrüchte wie Möhren, Rote Bete oder Sellerie lagern die Mönche im feuchten Sandhaufen in ihrem Erdkeller. Kohl wird für den Winter eingekocht, Obst in Scheiben getrocknet oder als Kompott verarbeitet. Ihre Äpfel lassen sie auf einem regionalen Bauernhof zu Most pressen.

Einen Teil ihres Landes haben sie an einen Bauern verpachtet, von dem sie Fleisch, Milch, Käse bekommen. Aus Ur-Roggen von einem regionalen Hof backt Vater Lazerus, der die Küchenaufsicht hat, Brot mit Natursauerteig. „Das ist die größte Freude, wenn ich mal Zeit finde, in der Erde herumzuwühlen“, sagt er.

Kein TV, Radio, keine Zeitungen

Zwar würden die Mönche viel Zeit sparen, weil Zeitungen, Fernsehen, Smartphones und Radio fehlten. Doch viel Freizeit bleibt ihnen deswegen nicht. Neben den vier täglichen Gottesdiensten, dem Gästeempfang und der Seelsorge nehme die Pflege des Klostergeländes viel Energie in Anspruch. Neuerdings widmen sich die Mönche einer weiteren kräftezehrenden Aufgabe: Sie bauen eine eigene Klosterkirche.


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