50 Fälle im vergangenen Jahr gemeldet Suizidversuche von Asylbewerbern in Niedersachsen nehmen zu

Eine Szene aus dem November in Osnabrück: In diesem Haus wohnte ein junger Flüchtling, der sich das Leben genommen hat. Mitschüler drückten mit Kerzen und Blumen ihre Trauer aus. Foto: Jörn MartensEine Szene aus dem November in Osnabrück: In diesem Haus wohnte ein junger Flüchtling, der sich das Leben genommen hat. Mitschüler drückten mit Kerzen und Blumen ihre Trauer aus. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Die Zahl der Suizidversuche von Asylbewerbern in Niedersachsen ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Das zeigt eine Antwort des Innenministeriums auf Anfrage der FDP-Landtagsfraktion. Die genaue Dimension bleibt aber unklar.

Kerzen, Blumen und zwei Fotos stehen neben der Haustür im Osnabrücker Stadtteil Schinkel. Hier hat Mohammed gewohnt. Ein junger Mann aus Afghanistan, der nach Deutschland floh. Mitschüler haben sich an einem kalten Novembertag im vergangenen Jahr vor seiner Tür versammelt, um Abschied zu nehmen. Als nett beschreiben sie ihn und gut integriert in den Schulalltag. Aber richtig gut kannte ihn wohl niemand. Mohammed hat sich umgebracht. Sein Selbstmord im November vergangenen Jahres schockte die jungen Menschen.

Mohammed ist ein Fall – aber von wie vielen? So genau weiß das niemand. Zwar wird immer wieder von Suiziden oder Selbstmordversuchen von Asylbewerbern berichtet, genaue Zahlen zum Ausmaß solcher Verzweiflungstaten gibt es nicht. Im April 2015 steckte sich beispielsweise ein Marokkaner in Lingen auf offener Straße in Brand. Er sollte abgeschoben werden.

Nur wenig Rückmeldung aus Kommunen

Eine Antwort der Landesregierung in Niedersachsen auf Anfrage der FDP lässt die Dimension erahnen. 50 Selbstmordversuche von Asylbewerbern meldeten insgesamt 13 von 49 angefragten Kommunen in Niedersachsen für das vergangene Jahr, drei Menschen starben. Die restlichen Landkreise und kreisfreien Städte schwiegen oder konnten keine Zahl liefern. 2015 waren es noch 19 Vorfälle. Die steigende Tendenz bestätigte zuletzt die Landesregierung in Bayern. Dort waren es 162 Suizidversuche im Jahr 2016 – eine Verdreifachung gegenüber den Vorjahren.

Als Hauptursachen für die Selbstmorde führt das niedersächsische Ministerium unter Berufung auf die Kommunen in 15 Fällen „akute Psychosen, psychische Probleme, Depression, Tablettenmissbrauch und Drogensucht“ an. Auch die Ablehnung des Asylbescheides sei in mehreren Fällen ursächlich gewesen.

„Psychische Verfassung immer prekärer“

Bernd Mesovic von der Organisation „Pro Asyl“ sagt: „Die psychische Verfassung von Asylsuchenden wird immer prekärer.“ Zum einen seien viele traumatisiert. „Sie werden schlichtweg nicht fertig mit dem, was sie gesehen und erlebt haben“, so Mesovic. Zum anderen zermürbe sie die Situation in Deutschland regelrecht. „Es dauert alles ewig lange. Die Erwartungen der Menschen waren ganz andere.“ Probleme beim Familiennachzug oder der Arbeitsplatzsuche seien sehr belastend.

„Menschen mit all ihren Hoffnungen fallen regelrecht in sich zusammen“, beschreibt Mesovic die Lage der Asylbewerber. Eine einfache Lösung gebe es jedenfalls nicht. Fest stehe aber, dass das Problem viel größer sei, als es Zahlen ausdrücken könnten.

Kai Weber vom Flüchtlingsrat Niedersachsen bestätigt die Einschätzung. Er verweist besonders auf die Probleme beim Familiennachzug für Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus. Im März 2016 hatte die Große Koalition beschlossen, den Familiennachzug bis Frühjahr 2018 auszusetzen. Und selbst da, wo ein Nachzug rechtlich möglich wäre, scheitere er häufig an bürokratischen Hürden. „Es sind vor allem Familienväter, die sich um ihre Familien in Herkunfts- oder Transitländern sorgen und schuldig fühlen, weil sie hier in Sicherheit leben, während ihre Familien weiterhin in Not sind.“

Erst vergangene Woche hatte der Flüchtlingsrat über den Suizid eines Eritreers informiert. Auch in seinem Fall soll das Nachholen von Frau und Kindern aus dem Sudan aus bürokratischen Gründen gescheitert sein. Aus Verzweiflung darüber hat er sich laut Flüchtlingsrat das Leben genommen.

FDP fordert Meldepflicht

FDP-Innenpolitiker Jan-Christoph Oetjen bemängelt, dass es keine belastbare Datengrundlage zu solchen Fällen gebe. Er forderte eine Meldepflicht für Kommunen, damit sich das Land ein Gesamtbild machen und gegebenenfalls gegensteuern könne. „Asylbewerber befinden sich in der Obhut des Staates. Da muss der Staat auch wissen, was mit den Menschen geschieht“, so Oetjen.

Er kritisierte zudem, dass das Land die Kommunen mit der Suizid-Problematik alleine lasse. „Hier muss eine klare Unterstützungsstruktur geschaffen werden“, sagt der innenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion.


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