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Und die Milch fließt immer weiter… Das Milchdrama: Viele Betriebe weichen, wenige wachsen

Von Dirk Fisser

Eine einsame Kuh in einem Stall in Mecklenburg-Vorpommern: Jeden Tag schließen statistisch gesehen irgendwo in Deutschland 25 Betriebe. Sie steigen ganz aus oder steigen auf einen anderen Produktionszweig um. Foto: dpaEine einsame Kuh in einem Stall in Mecklenburg-Vorpommern: Jeden Tag schließen statistisch gesehen irgendwo in Deutschland 25 Betriebe. Sie steigen ganz aus oder steigen auf einen anderen Produktionszweig um. Foto: dpa

Osnabrück. Jeden Tag geben statistisch gesehen irgendwo in Deutschland eine Handvoll Milchbauern auf. Die Betriebe schließen leise und ohne großes Aufsehen. Während viele weichen, wachsen wenige immer weiter. Und weil die Milch fließt, merkt der Rest der Republik nicht, was da auf dem Land vor sich geht.

Die meisten Bauern sind spätestens in der Krise schweigsam geworden. Sie machen die Probleme mit sich selbst aus. Und mit ihrer Bank. Die stolzen Unternehmer kämpfen darum, genau das zu bleiben. Auch jetzt, wo der Milchpreis wieder leicht steigt, die Konten aber noch tief in den roten Zahlen sind.

Und wenn es gar nicht mehr geht, kommt Joost Fokkema. Der Niederländer ist so etwas wie der Makler des Niedergangs der deutschen Milcherzeuger. Auf seiner Internetseite bietet Fokkema Höfe in ganz Deutschland an. Kleine Betriebe in Niedersachsen mit 60 bis 100 Kühen, große Einheiten in Ostdeutschland mit mehreren Hundert Tieren. Allesamt Höfe von Bauern, die nicht mehr wollen oder können. Oft sind die Ställe ganz neu.

Die Käufer oder Pächter sind Fokkemas Landsleute aus den Niederlanden. „Bei uns gibt es kaum noch Möglichkeiten Betriebe weiterzuentwickeln, in Deutschland schon“, sagt der Makler aus Lemmer am Rande des Ijsselmeers. Manchmal werden die Söhne über die Grenze geschickt, um hier einen Hof zu übernehmen. Manchmal kommt gleich die ganze Familie mit. Der Makler weiß: So eine Hofübergabe ist immer auch mit menschlichen Katastrophen verbunden. „Gerade wenn die Banken im Spiel sind, weil Kredite nicht mehr abbezahlt werden können, fließen Tränen.“ Fokkema ist viel unterwegs in Deutschland. Besonders groß aber sei die Nachfrage nach Betrieben im niederländisch-deutschen Grenzgebiet. (Weiterlesen: Zwei Jahre ohne Milchquote: So viele Bauern haben aufgegeben)

Wenn der Traum platzt…

Einer der Betriebe, die Fokkema anbietet, liegt nicht einmal 20 Kilometer Luftlinie von der Grenze entfernt. In Gummistiefeln und Arbeitsanzug steht der Jürgen Meyer* auf dem Hof im Westen Niedersachsens, die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Keine 30 Jahre ist er alt und bewirtschaftet doch schon einen Hof mit 130 Kühen. Als einer der wenigen ist er bereit über sein Scheitern zu sprechen. Der Hof wird verkauft an Niederländer. Noch wenige Wochen, dann muss der junge Mann das Betriebsschild mit seinem Namen abschrauben. Sein Traum ist geplatzt.

Conny Derboven auf seinem Hof in der Grafschaft Hoya. Foto: Anette Steuer

Die Lage ist dramatisch. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnt: Wenig später spielt sich auf dem Hof eine der menschlichen Katastrophen ab, von denen der Makler sprach. Meyers Verpächter hat sich das Leben genommen. Ein Mann, mit dem der Landwirt groß geworden ist und zu dem er aufgeschaut hat. Dem er bereits als kleiner Junge auf dem Hof half. Er machte seinen Landwirtschaftsmeister, kam zurück und übernahm den Betrieb als Pächter, als die Besitzer nach Jahrzehnten harter Arbeit eigentlich in den wohlverdienten Ruhestand gehen wollten. Aus Rücksicht um die Familie nennen wir seinen richtigen Namen in diesem Text nicht.

Das Sinnbild des Scheiterns

Sinnbild des wirtschaftlichen Scheiterns ist der neue Stall, in dem die 130 Kühe stehen. 1,1 Millionen Euro hat er gekostet, geplant 2015, als der Milchpreis noch hoch war. Auf 30 Jahre war die Finanzierung ausgelegt. Doch dann kam die Krise. Bis 32 Cent pro Liter Milch sei der Hof wirtschaftlich, sagt Meyer. Der Preis aber sank und sank tiefer, die Molkerei zahlte immer weniger. Als dann im Frühjahr eine Nachfinanzierung in sechsstelliger Höhe fällig wurde, fällten der junge Landwirt und sein Verpächter die Entscheidung: Statt weitere Schulden anzuhäufen, soll der Hof verkauft werden.

Milchbauer Meyer weiß, dass er mit seinen Problemen nicht allein ist. Das zeigt die Statistik: Auf das Jahr gerechnet sind es Tausende Höfe, die schließen oder die Produktion umstellen. Gerade noch 69.174 Milchviehbetriebe zählte das Bundesamt für Statistik im November 2016. Vor nicht einmal einer Generation waren es viele Hunderttausend. Es ist ein stiller Wandel, der sich da seit Jahrzehnten vollzieht. Und durch die Milchpreiskrise der vergangenen Monate hat er noch einmal an Geschwindigkeit zugenommen. (Weiterlesen: Was der niedrige Milchpreis mit den Bauern macht)

Geld ist ein Tabu-Thema

Gesprochen wird über die Probleme unter Landwirten wenig, sagt Meyer. Geld sei unter Bauern Tabu-Thema. Er wisse von acht Absolventen seines Jahrgangs in der Meisterschule, die wegen Finanzproblemen im vergangenen Jahr zur Bank mussten. Und er wisse auch, dass er selbst Gesprächsthema in der Branche ist. „Das wildeste Gerücht, von dem ich gehört habe, besagt, dass ich in der Psychiatrie bin“, sagt er. Lachen kann Meyer darüber nicht.

Hofaufgaben und sogar Suizide sind das eine Extrem der Milchkrise. Viel wurde in den vergangenen Monaten darüber geschrieben. Doch es gibt auch eine andere Reaktion, die wenig beachtet wird: Wachstum.

Von 2000 Kühen und der Zukunft

Conny Derboven sitzt im Gastraum seines Hof-Cafés. Vor ihm ausgebreitet liegt ein Flächennutzungsplan der Samtgemeinde Grafschaft Hoya – eine Gegend etwa eine Stunde südlich von Bremen. Der Landwirt hat große Pläne, beseelt von dem Unternehmergeist, den Makler Fokkema sonst den niederländischen Landwirten zuschreibt. Mit dem Finger fährt Derboven über schraffierten Flächen und erklärt sein Vorhaben. „Es geht um die nächsten 20 bis 50 Jahre“, sagt er. Eine Zeit also, in der längst seine Kinder und Enkelkinder die Geschicke auf dem Hof lenken werden.

Die Derbovens haben für sich entschieden, dass der Betrieb weiter wachsen soll. Bereits jetzt gehört er mit 500 Milchkühen und 250 Kälbern zu den größten in Niedersachsen. Die Zahlen sollen noch einmal erhöht, Ställe erweitert oder neugebaut werden. In der Beschlussvorlage für die politischen Gremien der Samtgemeinde Hoya ist von 2000 Kühen und 1000 Kälbern die Rede. Käme es so, wäre der Hof Bünkemühle einer der größten Milcherzeuger in Deutschland.

„Wir wollen Planungssicherheit“, sagt Derboven fast entschuldigend. Sein erstes Ziel sei die Aufstockung auf 750 Kühe, im nächsten Schritt vielleicht 1000. Alles andere liege sehr weit in der Zukunft. Aber er wolle wissen, wie weit die Zukunft an diesem Standort trägt. Selbst als der Milchpreis immer weiter absackte, habe er weitergeplant. Derboven glaubt unbeirrt an den Markt.

Die Pläne Derbovens spalten. Nicht nur die Kommunalpolitik, sondern auch die Agrarbranche selbst. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft (AbL) hat sämtliche Mitglieder im Gemeinderat Hoyas angeschrieben und vor den Expansionsplänen gewarnt. Ohne vorher mit Familie Derboven zu sprechen, wie das Familienoberhaupt betont. Dem kleinen Verband gehören Bauern an, die den Ausstieg aus der Wachstumsspirale in der Landwirtschaft wollen. Ihre Betriebe sind klein und sollen es auch bleiben. Das aber ist nicht der Weg, den Derboven gehen will. Zukunftsfest bedeutet für ihn auch Größe.

„Wachstum funktioniert nur, wenn andere weichen“

Vorsitzender der AbL in Niedersachsen ist Ottmar Ilchmann, selbst Milchbauer. Er sagt: Große industrielle Milchviehbetriebe trügen stark zur Überproduktion bei, also eine der Ursachen der Milchpreiskrise. Und sie befeuerten den Verdrängungswettbewerb, weil sie teure Flächen eher pachten könnten, als kleine Konkurrenten. „Ihr Wachsen funktioniert nur, wenn andere weichen“, so Ilchmann. Durch die schiere Größe von Betrieben mit Hunderten Kühen setzten Großbetriebe die Akzeptanz der Milchviehhaltung in der Gesellschaft aufs Spiel.

Solche Vorwürfe kennt Conny Derboven. „Massentierhalter – was heißt das denn“, fragt er ohne darauf zu antworten. Seinen Tieren gehe es gut. Und er betreibe Kreislaufwirtschaft: Die Gülle lande in einer Biogasanlage, deren Energie wiederum in den Betrieb fließe – etwa in die hofeigene Käserei. „Mir ist klar, dass wir keine hundertprozentige Zustimmung erhalten werden. Aber ich will die Mehrheit der Gesellschaft überzeugen“, sagt Derboven.

Und wenn das nicht gelingt? „Die Zukunft gehört den Optimisten“, sagt Derboven. In gewisser Weise war das auch die Einstellung des jungen Milchbauern Meyer, der seinen Betrieb aufgibt. „Ich bin jung. Und man weiß nie, was die Zukunft bringt“, sagte er noch vor einigen Wochen. Wenig später brachte sich dann sein Verpächter um.

Aufbruchsstimmung und Verzweiflung liegen nah beieinander in der Milchwirtschaft. Die einen wachsen, die anderen weichen. Die Bundesregierung machte kürzlich in einer Antwort auf Anfrage der Grünen unmissverständlich deutlich, dass sich daran nichts ändern wird: „Der Strukturwandel in der Milchviehwirtschaft wird sich auch in Zukunft fortsetzen.“ Das ist so gewiss, wie auch die Milch immer weiter fließen wird.

*Name geändert


Beim Milchpreis wird zwischen dem Verbraucherpreis und dem Erzeugerpreis, den die Molkerei an den Milcherzeuger entrichtet, unterschieden.

Der Erzeugerpreis wird in Euro-Cent pro Kilogramm berechnet und setzt sich aus dem Grundpreis, Zu- oder Abschlägen für höhere oder geringere Fett- und Eiweißgehalte sowie der Mehrwertsteuer zusammen. Der Grundpreis bezieht sich auf einen Fettgehalt von 4,0 Prozent und einen Eiweißgehalt von 3,4 Prozent.

Zusätzliche Qualitätskriterien, die den Preis beeinflussen, sind Keimzahl, Zellzahl und Hemmstoffe sowie der Gefrierpunkt der vom Erzeuger gelieferten Rohmilch. Die Milchviehhalter unterziehen sich etwa alle vier Wochen einer Milchkontrolle. Zudem wird von jeder Milchlieferung an die Molkerei eine Probe gezogen. (juk)

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