Kiebitz, Nachtigall und Feldlerche Experten bestätigen: Vogelsterben auch in Niedersachsen

Von Louisa Riepe


Osnabrück. In Europa gibt es immer weniger Vögel, das bestätigte die Bundesregierung in dieser Woche. Wir haben deshalb bei Experten in Niedersachsen nachgefragt: Wie geht es Kiebitz, Nachtigall und Feldlerche im Norden?

Es gibt immer weniger Vögel in Europa. Wovor Tierschützer und Ornithologen schon lange warnen, bestätigte in dieser Woche die Bundesregierung: Sie geht davon aus, dass die Anzahl der Brutpaare im ländlichen Raum zwischen 1980 und 2010 um 300 Millionen zurückgegangen ist. Das entspricht einem Einbruch von 57 Prozent. Die Zahlen gehen aus einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag hervor, die unsere Redaktion vorliegt.

Viele Vögel sind akut bedroht

Aber wie geht es den Vögeln in Niedersachsen? Mit seinen Mooren und Gründflächen sowie den Küstenlandschaften war die Region lange Zeit ein wichtiger Rückzugsraum für viele Vögel. Doch der Osnabrücker Biologe Axel Degen bestätigt den europaweiten Trend des abnehmenden Vogelbestandes auch für Niedersachsen. „Bedroht sind besonders die Arten, die in der Agrarlandschaft leben. Mehr als die Hälfte davon stehen auf der Roten Liste“, so Degen. Vor allem Wiesenvögel wie der Kiebitz, die Uferschnepfe, die Bekassine und das Braunkehlchen sowie Feldvögel wie das Rebhuhn und die Feldlerche haben es schwer.

Gründe für den Bestandsrückgang gibt es laut Degen viele. Einen sieht er in der modernen Landwirtschaft mit ihren Monokulturen. Einerseits würden die Vögel zum Brüten in Gräben und Hecken verdrängt. Andererseits führe der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu einem Insektensterben. „Das entzieht vielen Vogelarten insbesondere bei der Jungenaufzucht die Nahrungsgrundlage“, so Degen.

So geht es den Vögeln in Niedersachsen

In Stadt und Landkreis Osnabrück hat diese Entwicklung deutliche Auswirkungen auf die Vögel: Arten wie der Kiebitz oder die Nachtigall sind dort laut Degen schon so gut wie ausgestorben. Zusätzlich zur Flächenversiegelung ehemaliger Brutplätze haben die Vögel noch mit einem anderen Problem zu kämpfen: „Im Siedlungsraum treten vermehrt freilaufende Hauskatzen auf, die unter den Singvögeln zu großen Verlusten führen.“

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Offene Flächen gibt es im Emsland noch mehr als genug. Trotzdem schwinden auch dort die Vogelbestände. Ein Beispiel ist der Goldregenpfeifer, der in dieser Region bisher seinen einzigen Brutplatz in ganz Mitteleuropa hatte. Doch durch den Torfabbau im Emsland verschwinden die Moore, der Lebensraum des seltenen Vogels. Die Art ist akut vom Aussterben bedroht, sagt Alexander Degen: „Heute brüten vermutlich weniger als zwei Paare im Emsland.“

Auch Singvögel sind betroffen

In Ostfriesland geht der Bestand der Wiesenvögel deutlich zurück.„Je nach Art haben wir bei Rotschenkel oder Bekassine Rückgänge zwischen 20 und 80 Prozent“, sagt Jan Schüring, Regionalgeschäftsführer beim NABU in Ostfriesland. Große Sorgen bereitet ihm aber auch ein Trend, der so niedersachsenweit nur in seinem Bezirk auftritt: Immer mehr Gartenvögel verschwinden aus Ostfriesland: Auf 35 Meisen pro Garten schätzt der NABU den Bestand 2017, verglichen mit noch 41 Tieren im letzten Jahr. „Die Art ist bei unseren Zählungen schon seit drei Jahren rückläufig“, so Schüring.

Diesen Trend bestätigt Rüdiger Wohlers, Regionalgeschäftsführer beim NABU Oldenburger Land. Er nennt beispielhaft die Singdrossel, die normalerweise in großen Gärten, aber auch auf Wiesen und zwischen Feldern lebt. „Eigentlich ist das ein Allerweltsvogel, aber ihr Bestand ist nach unseren Schätzungen seit 1980 um 50 Prozent zurückgegangen“, so Wohlers. Er macht neben dem veränderten Landschaftsbild auch die Bejagung von Zugvögeln im Mittelmeer und den Klimawandel für den Bestandsrückgang verantwortlich. „Die Thematik beschäftigt uns schon lange, aber gerade holt das Vogelsterben uns mit einer bedrückenden Dramatik ein.“

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