Heimlich gefilmte Aufnahmen Die Schockbilder aus Ställen und das Leid

Heimlich gefilmt: Küken im Stall. Foto: Animal EqualityHeimlich gefilmt: Küken im Stall. Foto: Animal Equality

Osnabrück. Gleich mehrere Tierrechtsorganisationen haben in den vergangenen Tagen Schockbilder aus Ställen veröffentlicht. Was sie damit erreichen wollen und was betroffene Bauern darüber denken.

Dass es den großen Mastbetrieb im Emsland getroffen habe, sei Zufall gewesen. Es hätte auch jeder andere Betrieb mit Tierhaltung seien können. Glaubt man Katharina Weiss, Sprecherin der Tierrechtsorganisation „Animal Equality“, wären die Aufnahmen nicht weniger drastisch gewesen, „denn bei jeder Zufallsstichprobe entdecken wir etwas.“

So sah also ein Millionenpublikum auf RTL, wie der Mitarbeiter einer großen Hähnchen-Mastanlage in der Nähe von Meppen dem Leben eines Kükens durch einen Fußtritt ein Ende bereitete, wie in der Kadavertonne ein verletztes Küken piepte und seine toten Artgenossen wie Müll behandelt wurden, während ein Mitarbeiter „Freude schöner Götterfunken“ pfiff.

Es sind heimlich gedrehte Aufnahmen wie diese, die Aktivisten regelmäßigveröffentlichen und so das Bild der Landwirtschaft und der Landwirte mitprägen. Die Abläufe nach solchen Veröffentlichungen sind Routine: Die Tierrechtler erstatten Anzeige, die Landwirte sprechen von Einbruch und manipulierten Bildern und gehen ebenfalls juristisch gegen die Aufnahmen vor.

224000 Mastplätze

Genau so läuft es nun auch im Fall der Mastanlage im Emsland, in der 224000 Tiere gehalten werden. „Das ist vorgekommen. Dazu stehe ich“, sagt der Betriebsleiter zu der Szene, in der ein Mann auf ein Küken tritt. Andere Aufnahmen hält er hingegen für manipuliert. Jedenfalls seien die Mitarbeiter abgemahnt und geschult worden. „So etwas darf nicht passieren und so etwas wird nicht wieder passieren“, versichert er.

Aber nicht immer wissen Bauern, was sie falsch gemacht haben sollen und weswegen sie angeprangert werden. So geht es einem Schweinemäster, der in dieser Woche Bilder aus seinem Stall auf der Seite der Tierrechtsorganisation Peta entdeckte: zerkratzte Schweine, ein Tier mit einem sogenannten Mastdarmvorfall und ein offenbar kürzlich verstorbenes Schwein. Alles heimlich gefilmt.

Schlecht gehe es ihm, nachdem die Bilder in der Welt seien, sagt der Landwirt. Und Angst habe er um seinen Ruf und den seiner Familie. Er sei doch jemand, der Tierhaltung weiterentwickeln und auf gesellschaftliche Ansprüche eingehen wolle und jetzt stehe er am Pranger. „Die Deutungshoheit über die Bilder habe ich verloren. Ich habe nicht die Möglichkeit der Öffentlichkeit zu erklären, was auf den Bildern zu sehen ist.“ Es handle sich um Tiere und in der Biologie laufe nun mal nicht alles glatt, springt ihm die Interessensgemeinschaft der Schweinehalter (ISN) auf Anfrage unserer Redaktion bei. Kranke und auch tote Tiere gehören dazu, selbst wenn der Bauer seine Arbeit gut macht.

Sechs Stunden seien die Kontrolleure eines Zertifizierungsvereins am Morgen bei ihm auf dem Hof gewesen und hätten alles unter die Lupe genommen, berichtet der Landwirt. Er habe sie selbst angerufen, auch das Veterinäramt sei informiert worden. Er rechnet damit, dass die Tierrechtler gegen ihn Anzeige erstatten. „Wenn ich wüsste, was ich besser machen könnte, würde ich es tun“, sagt er. Am liebsten würde er jetzt eine Woche wegfliegen. Das geht aber nicht. Er muss sich um seine Tiere kümmern.

Vorgaben zu schwach?

Für Tierschützer und –rechtler sind die Aufnahmen indes Beleg für ein krankes System – selbst wenn kein Verstoß gegen Tierschutzrechte vorliegt. Kein Wunder, sagen einige, da die gesetzlichen Vorgaben viel zu lasch seien. „Wir haben ein Systemproblem, die krassen Einzelfälle sind nur die Spitze des Eisberges“, sagt Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rückert. Er spricht von einem „fatalen Wettbewerb, der auf dem Rücken der Tiere ausgetragen“ werde. „Wir brauchen europaweite gesetzliche Regeln für bestmögliche Haltungsbedingungen und verbindliche Zielvorgaben für die Tiergesundheit.“

Mit solch reformistischen Ansätzen geben sich nicht alle Nichtregierungsorganisationen zufrieden. AE-Sprecherin Weiss sagt, Ziel derartiger Veröffentlichungen sei, Verbraucher über die Art der Tierhaltung aufzuklären und beim Fleischkonsum zum Umdenken zu bewegen. „Wir glauben zwar nicht an die Utopie der vollständig tierleidfreien Gesellschaft“, so Weiss. Aber das öffentliche Interesse an einer Reduzierung des Tierleids werde immer größer. Andere Vereine sind radikaler und forcieren die Komplettabschaffung der Tierhaltung. Geflügel, Schweine und Rinder sollen raus aus den Ställen. Und die Bauern?

Im vergangenen Jahr sagte die Osnabrücker Agrarprofessorin Karin Schnitker, mutmaßliche Skandalbilder aus Ställen seien nie ganz auszuschließen, da die fehlerfreie Organisation eine Illusion sei. Das gelte nicht nur für große Konzerne, sondern auch für landwirtschaftliche Betriebe. Eine Empfehlung hatte sie für Tierhalter: „Immer dann, wenn ich das Gefühl habe, die Gegebenheit sollte nicht an die Öffentlichkeit geraten, ist zu überprüfen, ob ich das, was ich tue, richtig tue, und vielleicht sogar, ob ich überhaupt noch das Richtige tue.“ (Weiterlesen: Agrarprofessorin: Missstände in Ställen nie ganz zu vermeiden)


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