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Experten rieten zur vorsorglichen Keulung Vogelgrippe: Minister verhinderte Tötung Tausender Puten

Vogelgrippe in Bayern: Tote Puten werden entsorgt. Foto: dpaVogelgrippe in Bayern: Tote Puten werden entsorgt. Foto: dpa

Osnabrück. Am 8. März fällte Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) eine einsame Entscheidung: Entgegen dem Rat von Experten verhinderte er die Tötung mehrerer Tausend Puten im Landkreis Cloppenburg – fahrlässig oder im Sinne des Tierschutzes?

Seit Monaten wütet die Vogelgrippe in der deutschen Putenhochburg Landkreis Cloppenburg. Nirgendwo sonst registrierten die Seuchenbekämpfer so viele Ausbrüche wie hier. Mittlerweile stehen viele Ställe leer. „Es geht um alles“, sagen Branchenkenner. Der Kampf gegen das Virus ist für den Wirtschaftszweig und die Region zum Kampf um die eigene Existenz geworden. (Weiterlesen: Vogelgrippe hält sich im Landkreis Cloppenburg hartnäckig)

Umso größer war das Unverständnis, als sich Agrarminister Christian Meyer (Grüne) Anfang März über den Rat der Experten – auch aus dem eigenen Ministerium – hinwegsetzte. Die Fachleute der Veterinärbehörde im Landkreis sowie auf Bundes- und Landesebene waren sich nämlich einig: Nachdem in einem Putenstall in Garrel mit 18600 Tieren der Vogelgrippe-Erreger nachgewiesen worden war, sollten auch die Puten in zwei weiteren wenige Hundert Meter entfernten Betrieben sterben. Vorsorglich. Zwischen den Gebäuden hatte enger Kontakt durch Mitarbeiter und Fahrzeuge bestanden. Eine Übertragung des Virus galt den Experten als wahrscheinlich.

„Zwingend notwendig“

„Zwingend notwendig“ sei die Nottötung, hieß es in einer Risikobewertung, die sich zu bewahrheiten schien, als auch im zweiten Stall mit 16370 Tieren der Erreger entdeckt wurde. Der dritte Bestand mit 15000 Puten wurde zunächst negativ beprobt. Und doch sollten auch hier die Tiere sterben, empfahlen Fachleute, weil nicht auszuschließen sei, dass das Virus auch diesen Bestand bereits befallen hatte. Gesetzlich vorgeschrieben ist eine solche vorsorgliche Tötung zwar nicht, im Zweifelsfall werden aber auch gesunde Tiere gekeult. Minister Meyer aber verhinderte das in diesem Fall zur Verwunderung der Fachleute und ordnete stattdessen eine intensive Überwachung der Tiere an. Die Puten lebten weiter – zumindest so lange, bis dann einige Zeit später der tödliche Erreger auch in diesem Bestand nachgewiesen wurde. Seuchenbekämpfer keulten alle 15000 Tiere.

„Sehr risikoreich“

Der Landkreis Cloppenburg bestätigt auf Nachfrage unserer Redaktion, dass „Landwirtschaftsminister Christian Meyer persönlich“ der Tötung nicht zugestimmt habe. Obwohl „auf der gesamten Fachebene“ Einigkeit bestanden habe. In der Stellungnahme aus dem Kreishaus heißt es, der Kreis halte es für „sehr risikoreich“, potenzielle Ausbruchsbetriebe nicht zu räumen. „Es widerspricht dem Tierschutz, wenn in solchen geflügeldichten Regionen ein Kontaktbestand nicht geräumt wird, weil somit fahrlässig das Risiko einer weiteren Verschleppung in Kauf genommen wird.“ (Weiterlesen: Vogelgrippe: Wie kam der tödliche Erreger nach Europa?)

Verbreitete sich der Erreger vom Bestand, den Meyer zunächst schützte, auf andere Ställe in der Region? „Eine entsprechende Übertragung ist nicht auszuschließen“, so eine Kreissprecherin.

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer. Foto: dpa

Das Ministerium erklärt, dies sei epidemiologisch nicht nachgewiesen worden. Ein Sprecher betont: „Präventive Tötungen sind derzeit nach sorgfältiger Abwägung aller Alternativen auf Einzelfälle begrenzt und nicht die Regel.“ Bislang seien in Niedersachsen seit Ausbruch der Geflügelpest 2016 mehr als 624000 Tiere getötet worden. Davon lebten mehr als 178000 in Kontaktbetrieben oder in Ställen in der Nähe von Ausbruchsherden, in denen zunächst kein Virus nachgewiesen worden war. Im Nachhinein, so heißt es aus Hannover, sei in keinem Fall von vorsorglichen Tötungen nachgewiesen worden, dass dadurch neue Ausbrüche verhindert worden wären.

Sicherheitsmängel schuld?

Die Seuchenexperten vom Friedrich-Loeffler-Institut hätten indes „auf Mängel in der Biosicherheit in einzelnen Betrieben“ hingewiesen. Das erhöhe die Gefahr, dass ein Virus in Regionen mit hoher Geflügeldichte wie etwa Cloppenburg verschleppt werde. „Vorsorgliche Tötungen gesunder Tiere sind [...] nicht geeignet, derartige Mängel auszugleichen“, so das Ministerium.

Rückendeckung bekommt der Minister vom Tierschutzbund. Verbandspräsident Thomas Schröder sagt: „Die Tötung von Tieren ist aus Tierschutzsicht nur im Falle des eindeutigen Nachweises hochaggressiver Geflügelpestviren in dem jeweiligen Bestand akzeptabel.“ Schröder ruft dazu auf, die Strategie zur Bekämpfung von Tierseuchen grundsätzlich zu überdenken. Er bringt auch eine Reduzierung der Bestandsdichte in viehdichten Regionen ins Spiel: „Wenn der Gesetzgeber es weiter toleriert, dass immer mehr Tiere auf immer engerem Raum und regional immer dichter gehalten werden, dann kann ein Seuchenausbruch schnell ein „Flächenbrand“ werden“, warnt Schröder.

Mehr zur Geflügelpest auf www.noz.de/vogelgrippe


Vogelgrippe hält sich hartnäckig im Kreis Cloppenburg

Warum ist ausgerechnet der Landkreis Cloppenburg so stark betroffen?

Eine klare Antwort haben die Experten nicht. Fest steht: Die Tierdichte ist extrem hoch. 13,2 Millionen Stück Geflügel werden in dem Landkreis gehalten, sagt Kreissprecherin Sabine Uchtmann. „Es trifft uns wohl auch deshalb so stark, weil hier die Zahl der Ställe so hoch ist.“

Bislang wurden in dem Landkreis 400 000 Tiere getötet. Vor allem Putenställe waren betroffen. Puten werden in relativ offenen Ställen gehalten, damit die Luft gut zirkulieren kann. Auch das Stroh wird regelmäßig getauscht; dabei werden die Ställe geöffnet, sagt Silke Klotzhuber vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves). Auch sind die betroffenen Ställe dicht benachbart.

Wird das Virus von Stall zu Stall übertragen?

Darauf gibt es zwar Hinweise, es ist aber noch nicht bewiesen, heißt es dazu aus dem Landwirtschaftsministerium in Hannover. Experten, unter anderem vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems, untersuchen aber diese Frage. Auch Futter-Ströme und andere mögliche Kontakte zwischen den Ställen werden unter die Lupe genommen. „Wir untersuchen das und nehmen es sehr ernst“, sagt ein Sprecher des Ministeriums.

Wie wurde bislang in dem Landkreis reagiert?

Der Landkreis hat zwölf Sperrbezirke und Beobachtungsgebiete eingerichtet. Darin befinden sich 786 Geflügel haltende Betriebe mit 5,3 Millionen Tieren. Der Kreis hat die Wiedereinstallung von Geflügel in den betroffenen Gebieten für vier Wochen verboten - das Ziel: Die Zahl der Tiere zu verringern, und damit auch das Risiko einer Infektion.

Sind weitere Maßnahmen geplant?

Der Geflügelwirtschaftsverband will die schon sehr hohen Auflagen zur Biosicherheit verschärfen. Der Infektionsdruck sei so hoch, dass man sich mit den bisherigen Maßnahmen nicht gegen die Krankheit wehren könne, sagt Ripke. Allgemein hoffen die Experten und Landwirte auf wärmeres, sonnigeres Frühlingswetter: Der Virus gilt als anfällig für UV-Strahlung.

Sind Verbraucher betroffen?

Für Menschen gilt das hochansteckende Virus H5N8 bislang als ungefährlich. Allerdings gibt es wegen der Stallpflicht Engpässe bei Freilandeiern - Eier aus Freilandställen dürfen nicht mehr als Freilandware deklariert werden, wenn die Tiere länger als zwölf Wochen im Stall sind. Die Eier müssen als Bodenhaltungseier vermarktet werden. Der Einzelhandel weißt auf die umdeklarierten Eier hin. Bio-Eier werden knapp, weil viele Kunden von Freilandware auf Bio-Produkte umschwenken. Da der Anteil von Bio-Eiern bei der Erzeugung nur bei zwölf Prozent liege, könne diese Menge nicht komplett den Verlust der Freiland-Eier wettmachen, sagt Ripke.

Gibt es im Moment keine Freiland-Eier mehr?

Doch, denn die Vorschriften für die Aufstallung werden von Bundesland zu Bundesland, und in Niedersachsen und Brandenburg sogar lokal geregelt, sagt Alexandra Antonatus aus der Pressestelle von Edeka Minden-Hannover. „Dementsprechend kann es sein, dass Kunden Eier aus Freilandhaltung kaufen können.“

Wie teuer sind die umdeklarierten Freiland-Eier?

Die Eier der Hühner aus Freilandhaltung, die zurzeit in Bodenhaltung gehalten werden müssen, werden etwa bei Edeka zu Preisen der Freilandeier verkauft. „Diese Hühner haben einen zusätzlichen geschützten Auslauf - ähnlich einem Wintergarten“, sagt Antonatus. Die Verpackung ist deklariert mit „aus Bodenhaltung (mit Wintergartenauslauf)“.

Wie hoch ist der Schaden für die Geflügelwirtschaft?

Ripke schätzt den Schaden auf derzeit 40 Millionen Euro, etwa 16 Millionen Euro dürfte die Tierseuchenkasse übernehmen.. „Viele werden auch eine private Ertragsschadensversicherung haben“, sagt Ripke. (dpa)

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