Kliniken nehmen Eingriff nicht vor Keine Abbrüche von Schwangerschaften im Emsland möglich

Wer im Emsland wohnt und ungewollt schwanger wird, muss eine lange Anfahrt für den Eingriff in Kauf nehmen. Denn die katholischen Kliniken vor Ort nehmen keine Abtreibungen vor. Foto: colourbox.deWer im Emsland wohnt und ungewollt schwanger wird, muss eine lange Anfahrt für den Eingriff in Kauf nehmen. Denn die katholischen Kliniken vor Ort nehmen keine Abtreibungen vor. Foto: colourbox.de

Osnabrück. Als ein Chefarzt in Dannenberg wegen seines Glaubens keine Schwangerschaftsabbrüche vornehmen wollte, war das mediale Echo groß – die nächstgelegene Klinik, in der der Eingriff möglich gewesen wäre, lag in diesem Fall 20 Kilometer weit entfernt. Wer im Emsland wohnt, muss für einen Schwangerschaftsabbruch deutlich weiter fahren.

In Dannenberg ruderte der Klinikkonzern zurück und widerrief die Chefarzt-Anordnung. Und im Emsland? „Das Emsland war schon immer katholisch“, sagt Anne Coßmann-Wübbel. Die Diplom-Sozialpädagogin arbeitet in Lingen in der Schwangeren- und Schwangerenkonfliktberatung des Diakonischen Werks. Das Emsland ist katholisch, und die Krankenhäuser des Emslands sind es auch. Schwangerschaftsabbrüche werden hier nicht durchgeführt. Bis 2007 konnten Frauen, die ungewollt schwanger geworden waren, für eine Abtreibung noch in das kommunale Krankenhaus nach Nordhorn fahren, doch 2007 fusionierte es mit einer katholischen Klinik zur Euregio-Klinik Grafschaft Bentheim. „Die meisten Frauen fahren jetzt nach Osnabrück, Oldenburg oder Bremen“, sagt Anne Coßmann-Wübbel. Auch nach Leer oder in die Niederlanden weichen einige Betroffene aus. Je nach Wohnort müssen die Frauen Strecken von 80 bis 150 Kilometer auf sich nehmen.

Heimlicher Eingriff kaum möglich

Ein diskreter oder heimlicher Eingriff sei so kaum möglich, da man andere Personen ins Vertrauen ziehen und sich gegebenfalls auch extra Urlaub nehmen müsse. Das bestätigt Karin Schlüter, Leiterin der Beratungsstelle Profamilia in Osnabrück. „Für die Frauen ist das schlimm“, sagt sie. Fast immer seien zwei Termine nötig, einmal für ein Vorgespräch, einmal für den eigentlichen Eingriff. Zudem brauchen die Frauen eine Begleitperson, die sie nach der Vollnarkose nach Hause bringt. Eine örtliche Betäubung werde derzeit nämlich nur in Bremen angeboten. Hinzu kommen die Fahrtkosten – denn das Land erstattet zwar die Kosten für den Eingriff, jedoch nicht für den Weg dorthin. Und schließlich hätten viele Abtreibende bereits Kinder und müssten sich nun auch noch um eine Betreuung für die Zeit des Eingriffs kümmern.

„Vom Gesetz her ist zwar geregelt, wie viele Beratungsstellen es bundesweit geben muss“, sagt Schlüter. Nicht geregelt sei jedoch, dass sich vor Ort auch ein Arzt findet, der einen Schwangerschaftsabbruch durchführt. Besonders eigentümlich ist die Situation in der Grafschaft: „Hier arbeiten immer noch dieselben Ärzte, aber seit der Fusion dürfen sie keine Abbrüche mehr durchführen“, sagt Karin Schlüter.

„Auslagerung“ als Vorteil?

Ganz anders bewertet die Situation die Schwangerenberatung „Donum Vitae Emsland“: „Emsländer sind es aufgrund der ländlichen Struktur gewohnt, weite Wege in Kauf nehmen zu müssen, ob beispielsweise zum Arbeitsplatz oder zu Fachärzten“, sagt Monika Eilers von Donum Vitae. Zudem könne eine „Auslagerung“ von Schwangerschaftsabbrüchen aus der „wohnortnahen ländlichen Umgebung“ für die Frauen auch Vorteile haben. „Zum einen ist die Anonymität mehr gewahrt, zum anderen werden die Frauen nicht ständig an dieses negative Ereignis erinnert“, sagt die Diplom-Sozialpädagogin.

Im Übrigen handelt es sich bei diesem Thema um kein rein emsländisches Phänomen: Auch in einer Großstadt wie Augsburg ist kein Arzt gelistet, der einen Schwangerschaftsabbruch vornimmt. „Allein an der katholischen Kirche darf man das Problem jedoch nicht festmachen“, sagt Anne Coßmann-Wübbel aus Lingen. Das zeigt ein aktueller Fall aus dem Landkreis Schaumburg Lippe. Hier fusionieren im April drei kleine Kliniken zu einer großen unter Trägerschaft des christlichen Konzerns Agaplesion. Zunächst hieß es, dass es von diesem Zeitpunkt an hier keine Abtreibungen mehr geben solle. Nach einem medialen Aufschrei hat der evangelikal ausgerichtete Betreiber jedoch eine Lösung gefunden. Abtreibungen sollen hier auch in Zukunft möglich bleiben.


Krankenhäuser

In Niedersachsen gibt es 182 Krankenhäuser, davon sind 32 katholisch. Als „freigemeinnützig“ gelten 73 Krankenhäuser, also etwa 40 Prozent.

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