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Mehr als 100 Opfer? Kinder zu Sexaufnahmen verleitet: Iburger unter Verdacht

Über das Internet soll ein Verdächtiger aus Bad Iburg Kinder dazu verleitet haben, ihm sexuelle Aufnahmen von sich zu schicken. Foto: dpaÜber das Internet soll ein Verdächtiger aus Bad Iburg Kinder dazu verleitet haben, ihm sexuelle Aufnahmen von sich zu schicken. Foto: dpa

Osnabrück. Cyber-Grooming nennen Experten das Phänomen: Pädo-Kriminelle suchen sich über das Internet minderjährige Opfer und überreden sie zu Nacktaufnahmen. Das Bundeskriminalamt verzeichnet seit Jahren steigende Zahlen. Im Landkreis Osnabrück ist jetzt ein Fall mit mehr als 100 Opfern aufgeflogen.

Die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelt gegen einen 32-Jährigen aus Bad Iburg wegen dutzendfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Der Beschuldigte soll unter falscher Identität sieben- bis dreizehnjährige Mädchen und Jungen über das Internet angeschrieben und dazu verleitet haben, ihm Nacktaufnahmen von sich zu schicken. Dabei soll er die Kinder auch aufgefordert haben, für Bilder und Videos sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen. Die Ermittler gehen von 122 Opfern in Deutschland, Belgien und der Schweiz aus.

Nach Auskunft von Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer soll in Kürze Anklage am Landgericht Osnabrück erhoben werden. Weil die Ermittler aber nicht alle Opfer identifizieren konnten, wird die Anklageschrift voraussichtlich weniger Fälle umfassen. (Weiterlesen: Missbrauch: 45-Jähriger lockte Mädchen im Netz an)

Mutter von Opfer zeigte Beschuldigten an

Aufgeflogen war der Mann durch die Anzeige einer Mutter aus Unterfranken, die sich im November 2015 an die Polizei gewandt hatte. Ihre Tochter zählt zu den Opfern. Im Februar 2016 kam es zur Durchsuchung der Wohnung des Beschuldigten im Landkreis Osnabrück. Zusammen mit den Bildern und Videos der minderjährigen Internetbekanntschaften sollen mehr als 600 kinderpornografische Dateien sichergestellt worden sein.

Nach den Erkenntnissen der Ermittler soll der Mann Jungen und Mädchen unter Vorgabe einer falschen Identität angeschrieben haben. Im weiteren Gesprächsverlauf habe er die Unterhaltung auf das Thema Selbstbefriedigung gelenkt und die Kinder dazu angehalten, Fotos oder Videos von sich selbst zu machen. Dabei soll er auch Beispiel-Aufnahmen übermittelt haben, um den Kindern zu verdeutlichen, worum es ihm geht. Zum Teil soll der Bad Iburger seine minderjährigen Opfer überredet haben, für die Aufnahmen Gegenstände einzuführen.

Bis zu fünf Jahre Gefängnis

Das Strafgesetzbuch fasst derartige Taten unter Paragraf 176 als sexuellen Missbrauch von Kindern zusammen. Wer Kinder mittels Kommunikationstechnologie dazu bringt, sexuelle Handlungen vorzunehmen, wird demnach mit drei Monaten bis fünf Jahren Gefängnis bestraft. Der Verdächtige soll nicht vorbestraft sein. (Weiterlesen: Cyber-Grooming? Rückhalt geben und nicht schimpfen)

Cyber-Grooming wird dieser Bereich der Pädo-Kriminalität genannt – und er wächst. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes erfassten die Sicherheitsbehörden 2005 noch 946 Fälle, bei denen Kinder zu sexuellen Handlungen überredet oder in denen ihnen pornografische Inhalte gezeigt wurden. Im vergangenen Jahr waren es 1958. Das BKA gehe auch weiterhin von einer steigenden Tendenz aus, sagt eine Sprecherin. Zudem müsse von einem „erheblichen Dunkelfeld“ ausgegangen werden, also Taten, die im Verborgenen bleiben.

Aufnahmen nicht weitergegeben

Laut Oberstaatsanwalt Retemeyer hat der Beschuldigte aus Bad Iburg nach bisherigen Feststellungen die Dokumente nicht verkauft oder weiterverschickt. Bei den Vernehmungen sei er geständig gewesen, habe sich aber nach eigenem Bekunden nicht an alle ihm vorgeworfenen Taten erinnern können. Aufgrund der sichergestellten Dateien gehen die Ermittler von insgesamt 122 Opfern aus. Der Anwalt des Mannes reagierte auf Nachfrage unserer Redaktion nicht.

Laut Staatsanwaltschaft war eine seiner bevorzugten Plattformen zur Kontaktaufnahme die Seite „moviestarplanet.com“, auf der Kinder eine virtuelle Superstar-Identität erstellen können. Ein geradezu typisches vorgehen, wie das BKA bestätigt: „Gerade die bei Kindern und Jugendlichen beliebten Onlinespiele mit unterschiedlichen Kommunikationsmöglichkeiten zum Austausch unter Gleichgesinnten bieten gute Anknüpfungsmöglichkeiten für einen Erstkontakt zwischen Täter und Opfer.“

Nach Angaben von „Moviestarplanet“ gibt es weltweit 350 Millionen registrierte Nutzer, wovon elf Millionen im Monat aktiv sind. Mehr als 800.000 davon kämen aus Deutschland. Vernon Jones, Sicherheitsbeauftragter der Plattform, betont auf Nachfrage unserer Redaktion, dass sein Unternehmen eng mit den Ermittlern aus Osnabrück zusammengearbeitet habe. So sei es überhaupt erst möglich gewesen, zahlreiche Opfer zu identifizieren. Polizeikreise bestätigen das. (Weiterlesen: Gefahr aus dem Netz: Sexualtäter auf der Jagd nach Kindern)

Plattform verteidigt Sicherheitsvorkehrungen

Sein Unternehmen setze zum einen auf technische Filter, zum anderen auf Moderatoren, um Kinder vor möglichen Sexualstraftätern zu schützen, so Jones. Werde das Sicherheitsteam auf die Gefährdung von Minderjährigen aufmerksam, zögere sein Unternehmen nicht, das Bundeskriminalamt in Wiesbaden einzuschalten. Dazu bestehe eine Übereinkunft mit dem BKA, so Jones. Im vorliegenden Fall griffen diese Sicherheitsvorkehrungen offenkundig nicht. Die dokumentierten Fälle reichen zurück bis ins Jahr 2011 und endeten erst mit der Razzia im Februar 2016.

Laut Staatsanwaltschaft kam es nur in einem Fall zu einem Treffen zwischen dem Bad Iburger und einer der minderjährigen Internetbekanntschaften. Weil das Mädchen zu dem Zeitpunkt aber bereits 15 Jahre alt gewesen sein soll, sei der einvernehmliche Sex nicht strafbar.


Beim sogenannten Cyber-Grooming machen sich Erwachsene im Internet mit sexuellen Absichten an Kinder und Jugendliche heran. Der Begriff „grooming“ bedeutet im Deutschen „anbahnen“ oder „vorbereiten“. Die Täter geben sich in sozialen Netzwerken und Chats oft jünger aus als sie sind, bauen mit Schmeicheleien Vertrauen auf und belästigen ihre Opfer dann sexuell.

Die Täter sprechen über Liebe und Sex und überreden ihre Opfer oft, ihnen intime Informationen oder Fotos zu schicken. Dann machen sie mit der Drohung Druck, die Bilder im Umfeld des Betroffenen zu verbreiten und stellen weitere Forderungen.

Oft versuchen sie, das Opfer zu einem persönlichen Treffen zu zwingen, bei dem sie es dann sexuell missbrauchen. Die strafrechtlichen Folgen regelt Paragraf 176 des Strafgesetzbuches. Dort heißt es unter anderem:

(4) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer

1.sexuelle Handlungen vor einem Kind vornimmt,

2.ein Kind dazu bestimmt, dass es sexuelle Handlungen vornimmt, soweit die Tat nicht nach Absatz 1 oder Absatz 2 mit Strafe bedroht ist,

3.auf ein Kind mittels Schriften (§ 11 Absatz 3) oder mittels Informations- oder Kommunikationstechnologie einwirkt, um

a)das Kind zu sexuellen Handlungen zu bringen, die es an oder vor dem Täter oder einer dritten Person vornehmen oder von dem Täter oder einer dritten Person an sich vornehmen lassen soll, oder

b)um eine Tat nach § 184b Absatz 1 Nummer 3 oder nach § 184b Absatz 3 zu begehen, oder

4.auf ein Kind durch Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, durch Abspielen von Tonträgern pornographischen Inhalts, durch Zugänglichmachen pornographischer Inhalte mittels Informations- und Kommunikationstechnologie oder durch entsprechende Reden einwirkt.

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