Althusmann neuer CDU-Chef Kribbeln und Tränen beim CDU-Parteitag in Hameln

Der neue Landesvorsitzende der CDU und Spitzenkandidat für die Ministerpräsidentenwahl in Niedersachsen, Bernd Althusmann, küsst nach seiner Wahl Ehefrau Iris. Foto: dpaDer neue Landesvorsitzende der CDU und Spitzenkandidat für die Ministerpräsidentenwahl in Niedersachsen, Bernd Althusmann, küsst nach seiner Wahl Ehefrau Iris. Foto: dpa

Hameln. Mit dem Parteitag in Hameln endete für die Niedersachsen-CDU am Samstag eine Ära. Ob er auch den Beginn einer neuen markiert, wird sich erst in 14 Monaten zeigen.

Am Samstagnachmittag lümmeln sich Bernd Althusmann und David McAllister in einen Strandkorb. Der Korb ist das Abschiedsgeschenk für McAllister, der an diesem Mittag nach acht Jahren nicht mehr Landeschef der CDU Niedersachsen ist. „Ein echter Freund“ sagt der neue Landeschef Althusmann über seinen Vorgänger und betont, dass der frühere Ministerpräsident und heutige Europaabgeordnete der Landespartei erhalten bleibt.

Der Abschied McAllisters von der Landesbühne ist der emotionalste Teil des Parteitags in der Rattenfängerhalle von Hameln. „Es waren acht spannende und ereignisreiche Jahre, mit vielen, vielen Höhen aber auch mit einem besonders bitteren Tiefpunkt im Januar 2013“, sagt er mit Blick auf die verlorene Landtagswahl. „Es war mir eine Ehre, Euer Landesvorsitzender zu sein“, ergänzt er, vom warmen Applaus der Delegierten zu Tränen gerührt.

„Ein feiner Kerl“

Bernd Althusmann soll McAllisters ebenso knappe wie traumatische Niederlage von 2013 im Januar 2018 wettmachen. Nach aktuellen Umfragen wäre das möglich, ist aber alles andere als ausgemacht. „Absolut verlässlich, politisch hochkompetent und ein feiner Kerl“, sagt der alte über den neuen Chef. Und der bekommt von dem Parteitag einen großen Vertrauensvorschuss: Althusmann wird per Akklamation ohne Gegenstimme und ohne Enthaltung zum Spitzenkandidaten gekürt, bei der Wahl zum Landeschef stimmen 340 Delegierte für den früheren Kultusminister, fünf gegen ihn. Macht 98,55 Prozent.

Althusmann will an die Spitze

In seiner Bewerbungsrede versprüht Althusmann Siegeszuversicht für die Landtagswahl 2018: „Wir werden gewinnen. Und wenn es nach mir ginge, könnten wir das sogar heute beschließen“, sagt er. Seine Mission: Nicht weniger als „Niedersachsen an die Spitze der Bundesländer führen.“ Davon ist das Land nach Meinung Althusmanns weit entfernt. „Ich kann es nicht mehr hören, dass immer Bayern und andere vor uns sind“, sagt er. Unter Rot-Grün werde Niedersachsen unter Wert regiert. Bei der Schule, bei der Digitalisierung, in der Landwirtschaft. Vor allem aber in Sachen Sicherheit : Das umstrittene neue Polizeigesetz werde nach der Landtagswahl „dem Papierkorb zugeführt“, sagt Althusmann. Die Kennzeichnungspflicht für Polizisten werde ebenso wegfallen wie die Beschwerdestelle. Insbesondere im Kampf gegen Extremisten müssten Sicherheitsbehörden künftig zusammenarbeiten, bei der Einbruchskriminalität verspricht der neue Kandidat Schwerpunktstaatsanwaltschaften.

Dieses Kribbeln im Bauch

40 Minuten lang spricht Althusmann. Es ist eine aufgeräumte, staatstragende Rede, in der er Themenfeld nach Themenfeld abarbeitet. Dann hält der stattliche blonde Kerl inne – und senkt die sonore Stimme: „Ich weiß nicht, wie es ihnen geht“, horcht er in die Halle. „Es ist zu hundert Prozent wieder da, dieses Kribbeln im Bauch. Wenn Sie es auch haben, dann sind wir soweit!“ Die Delegierten beantworten das mit minutenlangen stehenden Ovationen. Die Zuhörer sind danach zufrieden: „Ein optimaler Start“, erklärt Mathias Middelberg, Chef der niedersächsischen Landesgruppe der Unions-Bundestagsfraktion. „Bei mir kribbelt es“, bekennt Vize-Landeschef und Grafschaft-Bentheim-Abgeordneter Reinhold Hilbers, der kurz darauf mit 87,61 Prozent als Parteivize bestätigt wird. Niedersachsenmetall-Chef Volker Schmidt spricht von einer „starken Antrittsrede“.

Misstöne muss man lange suchen, zumal „Zusammen stark“ das erklärte Motto des Parteitags ist. Es geht viel um Geschlossenheit, um den Ausgleich zwischen Regionen und Richtungen in der Partei. Nur geschlossen könne die CDU 2018 zurück an die Regierung, beschwört McAllister.

An der Spitze der Bewegung

Manche vermeinen sie in den Gegensätzen der Reden von Althusmann und Kanzlerin Angela Merkel ausmachen zu können: Die als Stargast geladene Kanzlerin versucht, der CDU Lust auf Zukunft zu machen: Sie spricht von den Umbrüchen der Digitalisierung, der Revolution durch das autonome und elektrische Fahren.

Die CDU an der Spitze solcher Bewegungen stehen und nicht auf der Beobachterseite“, sagt die Kanzlerin. Althusmann hingegen schimpft über Niedersachsens Bundesrats-Ja zum Aus der Verbrennungsmotors ab 2030 als Angriff auf VW. Er warnt davor, Diesel und Benziner zu früh und auf Kosten von Volkswagen abzuschreiben.

Die Kanzlerin spricht viel über die Bekämpfung von Fluchtursachen in Afrika, verteidigt das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei. Der nach fast drei Jahren Afrika nach Niedersachsen zurückgekehrte Althusmann sagt, dass das Asyl- kein Einwanderungsgesetz ist und dass Menschen, die bei uns leben, sich auch integrieren müssen.

Es mögen Gegensätze sein. Doch die verpuffen an diesem Tag. Die Kanzlerin ist schon längst wieder weg, als McAllister und Althusmann sich zu den Tönen von „I did it my way“ in den Strandkorb fallen lassen. Sie haben an diesem Samstag mit der reibungslosen Übergabe ein lange anvisiertes Ziel erreicht. Nun geht es aber weiter: McAllister will in Brüssel weiter aufsteigen. Und Althusmann hat noch 14 Monate, um Niedersachsen für sich zu gewinnen.


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