Knochenfund im Landtag Rätsel um verschwundenen Grafen bleibt ungelöst

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Landtagspräsident Bernd Busemann (l.) kann kein Licht ins Dunkel bringen: Die auf der Landtagsbaustelle entdeckten menschlichen Überreste stammen von verschiedenen Personen. Foto: dpaLandtagspräsident Bernd Busemann (l.) kann kein Licht ins Dunkel bringen: Die auf der Landtagsbaustelle entdeckten menschlichen Überreste stammen von verschiedenen Personen. Foto: dpa

Hannover. Die Landeshauptstadt Hannover behält eines ihrer größten Geheimnisse: Die Knochen, die im August diesen Jahres von Bauarbeitern der Landtagsbaustelle gefunden wurden, stammen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von dem vor mehr als 300 Jahren im Leineschloss verschwundenen Grafen Philipp Christoph von Königsmarck.

Das legen umfangreiche Forschungsarbeiten an den Gebeinen nahe, über deren Ergebnisse der Präsident des niedersächsischen Landtags, Bernd Busemann (CDU), an diesem Montag in einer Pressekonferenz informiert hat.

Der Adelige war am 1. Juli 1694, also vor gut 322 Jahren, unter mysteriösen Umständen verschwunden, der Fall gilt als einer der spektakulärsten Kriminalfälle des Landes. „Das Mysterium bleibt uns erhalten“, erklärte Busemann am Montag den in großer Zahl erschienen Journalisten. Immer wieder hatte es Spekulationen gegeben, dass der im Alter von 29 Jahren verschwundene Adelige seinerzeit einem Mordkomplott zum Opfer gefallen sein könnte.

Sicher ist: Königsmarck, der als Offizier und Kavalier bei Hofe aus- und einging, unterhielt eine geheime Liaison mit der Erbprinzessin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg, Ehefrau des Herzogs Georg Ludwig zu Braunschweig und Lüneburg, der später als König Georg I. den Thron von England besteigen sollte. Angeblich hatte das Liebespaar im Sommer 1694 seine Flucht vorbereitet, doch daraus wurde nichts: Am 1. Juli 1694 verschwand Königsmarck spurlos. Augenzeugen berichteten später, Königsmarck noch am selben Abend im Leineschloss gesehen zu haben. Auch dass Königsmarck von vier beauftragten Mördern umgebracht und anschließend im Schloss vergraben worden war, konnte nie bewiesen werden. Bis im August diesen Jahres beim Landtagsumbau besagte Knochen auftauchten und die Spekulationen erneut ins Kraut schießen ließen.

Überreste mehrerer Personen

Jetzt ist klar: Auch diese Knochen stehen mit großer Wahrscheinlichkeit nicht in Verbindung mit dem verschwundenen Grafen. Tatsächlich stammen die Gebeine, darunter mehrere Armknochen, Teile eines Schädels, Reste eines Beckenknochens und mehrere Wirbelknochen, von mindestens vier erwachsenen Menschen sowie einer oder einem Jugendlichen, erklärte Birgit Großkopf vom Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut für Zoologie und Anthropologie der Universität Göttingen, die mit der Untersuchung beauftragt worden war. Und auch die Schädelfragmente halfen nicht, den uralten Fall zu lösen. Zwar passen sie zu einem Menschen, der wie Königsmarck im Alter zwischen 20 und 40 Jahren verstorben sein muss, doch die Untersuchung ergab: „Es ist die Schädelkalotte einer Frau“, sagte Großkopf.

Auch die umfangreichen archäologischen Untersuchungen hatten kein Licht ins Dunkel des Falles Königsmarck bringen können, wie Friedrich-Wilhelm Wulf vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege am Montag erklärte.

Wirklich überraschend seien Knochenfunde ausgerechnet an dieser Stelle der Landeshauptstadt jedenfalls nicht, erläuterte Michael Heinrich Schormann, der für Denkmalpflege zuständige stellvertretende Geschäftsführer der Niedersächsischen Sparkassenstiftung: Zwischen 1288 und der Reformation hatten hier eine Kirche und ein Kloster gestanden, später zwei Hospitäler. Viele Mönche, aber auch zahllose Söhne und Töchter der Stadt, wurden hier begraben. Der Fall des verschwundenen Grafen bleibt damit auch in Zukunft eines der größten Rätsel Niedersachsens.


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