Suizid, häusliche Gewalt, Tierquälerei Agrarkrise: Wo der Frust auf manchen Höfen hinführt

Von Dirk Fisser

Ein Bauer auf einem Feld in Niedersachsen. Foto: dpaEin Bauer auf einem Feld in Niedersachsen. Foto: dpa

Osnabrück. Selbstmord, häusliche Gewalt, Tierqual: Die wirtschaftlichen Eckdaten der Agrarkrise geben nur bedingt Auskunft darüber, was auf einigen Höfen in Niedersachsen vorgeht. Tiefe, teils dramatische Einblicke, bekommen die Mitarbeiter der kirchlichen Sorgentelefone.

„Die Situation auf den Höfen spiegelt sich in der Anzahl und in den Inhalten der Anrufe bei den Sorgentelefonen wider“, sagt Pastorin Ricarda Rabe. Sie arbeitet für den kirchlichen Dienst der Landeskirche Hannover und hatte kürzlich die über Niedersachsen verstreuten Mitarbeiter der Sorgentelefone und der Familienberatung zum Erfahrungsaustausch zu Gast. Das Ergebnis: Die Zahl der Anrufe von Landwirten oder deren Angehörigen bei den Sorgentelefonen wächst. „Mehrheitlich melden sich Frauen. Das Thema häusliche Gewalt spielt bei den anonymen Anrufen eine zunehmend größere Rolle.“

Existenzbedrohende Krise

Seit vielen Monaten steckt die Branche in der Krise. Besonders Schweine- sowie Milchviehhalter haben mit existenzbedrohenden Preisen zu kämpfen. Auch wenn die Tendenz zuletzt nach oben zeigte: Bewältigt ist das Tal noch lange nicht. Bernhard Krüsken, Generalsekretär des Bauernverbandes, sprach vor Kurzem von einer „neuen Größenordnung des Strukturwandels“. (Weiterlesen: Milchpreise: Bauern rechnen mit deutlichen Steigerungen)

Was er damit meint: Mehr Landwirte als ohnehin schon haben bereits oder werden noch wegen der Krise ihre Betriebe aufgeben. Ein schwerer Schritt für Betroffene, für manche zu schwer, wie Ricarda Rabe schildert: „Das erschütterndste Schicksal ist das eines Landwirts, der lange Zeit beraten wurde. Er hat im Kälberstall Suizid begangen.“

„Kein Geld fürs Futter“

Diagramm zur Entwicklung des Milchpreises 2011 bis 2016. Foto: dpa

In anderen Fällen hätten Familienmitglieder davon berichtet, dass der Frust über die wirtschaftliche Lage an den Tieren ausgelassen worden sei. „Oder schlichtweg kein Geld mehr da ist, um das Futter zu bezahlen“, so Rabe.

Allesamt Einzelfälle und keinesfalls repräsentativ für die Tausenden Bauern in Niedersachsen, aber: Es gibt Schicksale, die von blanken Statistiken nicht erfasst werden. Auf Nachfrage beim Landwirtschaftsministerium in Hannover heißt es jedenfalls, dass kein signifikanter Anstieg gegen Tierschutzverstöße verzeichnet worden sei. (Weiterlesen: Auslaufmodell Kuhstall - Bauern geben Milchproduktion auf)

226 Verfahren eingeleitet

Allerdings liegen bislang nur Zahlen für das Krisenjahr 2015 vor. Im Bereich der Milchviehhalter sei die Zahl der bei amtlichen Kontrollen festgestellten Verstöße zwar gewachsen. Es seien aber auch mehr Betriebe kontrolliert worden als noch 2014. Im Ergebnis seien in beiden Jahren bei etwa 30 Prozent der Höfe Verstöße festgestellt worden. Konkret heißt das: 2015 haben die Kontrolleure 226 Ordnungswidrigkeits- oder Strafverfahren gegen Rinderhalter eingeleitet. Laut Landesvereinigung der Milchviehwirtschaft gibt es in Niedersachsen insgesamt etwa 9300 milcherzeugende Betriebe.

Für Betroffene hat Pastorin Rabe einen Hinweis: Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sollten innerhalb der Familie und auch im engeren Bekanntenkreis angesprochen werden. Daraus resultierende Missverständnisse seien häufig Grund für Streitigkeiten auf den Höfen. „Es bringt nichts, die Probleme zu verschweigen“, sagt Rabe. (Weiterlesen: Was der niedrige Milchpreis mit den Bauern macht)


Landwirtschaftliche Sorgentelefone Niedersachsen

Katholische Landvolkhochschule Oesede

Tel.: 0 54 01 - 86 68 20

Evangelische Heimvolkshochschule Rastede

Tel.: 0 44 02 - 84 488

Bildungs- und Tagungszentrum Ostheide, HVHS Barendorf e.V.

Tel.: 0 41 37 - 81 25 40

Landwirtschaftliche Familienberatung Niedersachsen

Ländliche Familienberatung Oesede für den Bereich Weser - Ems

Ansprechpartner: Ludger Rolfes

Tel.: 05407 - 50 62 61

Evang. Landwirtschaftliche Familienberatung Hannover für den Bereich südöstliches Niedersachsen und Landwirtschaftliche Familienberatung Barendorf für den Bereich nordöstliches Niedersachsen

Ansprechpartnerin: Pastorin Ricarda Rabe

Tel.: 0511 - 12 41 800

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