Mehr Licht, mehr Platz, mehr Luft Frischluft für Mastschweine: Verein fördert Offenställe

Die Schweine wühlen im Offenstall im Stroh. Foto: Dirk FisserDie Schweine wühlen im Offenstall im Stroh. Foto: Dirk Fisser 

Osnabrück. Etwa 27 Millionen Schweine leben in Deutschland weitgehend abgeschottet von der Außenwelt. Ein Verein will das jetzt ändern. Den Tieren soll in Offenställen wieder Frischluft um die Schnauze wehen.

Seit 800 Jahren sei der Hof in Familienbesitz, sagt Landwirt Jens van Bebber. Stall an Stall reiht sich auf dem Betriebsgelände in Samern in der Grafschaft Bentheim. In Spitzenzeiten hatte der Landwirt hier und an anderen Standorten bis zu 10.000 Schweine untergebracht. Das war einmal. Van Bebber baut um und macht dabei etwas, dass in der Landwirtschaft selten ist: Sein Betrieb schrumpft. Bald will er nur noch 3000 Tiere halten. „Damit wollen wir uns für die Zukunft aufstellen“, sagt der zweifache Vater, der einen anderen Weg einschlägt als viele seiner Berufskollegen.. (Weiterlesen: Agrarprofessorin: Missstände in Ställen nie ganz zu vermeiden)

Futter fällt von der Decke

Dieser Weg mag erst einmal realitätsfremd klingen, zumindest nicht nach dem alten Leitspruch der Landwirtschaft vom „Wachsen oder Weichen“. Van Bebbers Mastbetrieb steckt mitten im Umbau. Ein Stall ist bereits fertig: Keine Abluftkamine auf dem Dach, offene Seiten, im Innern viel Stroh, mehr Platz für die Schweine und das Futter fällt von der Decke. Der Boden hat keine Spalten, durch die Kot und Urin fallen, die Tiere verrichten ihre Notdurft in gesonderten Bereichen, die regelmäßig gereinigt werden. In anderen Ecken des Stalls können sie sich zusammenkuscheln, wenn es ihnen kalt wird.

„Klassen besser als Mindeststandard“

„Das ist ein Leuchtturm, das ist zukunftsfähig“, lobt Elisabeth große Beilage solche Bedingungen. Sie ist Professorin an der Tierärztlichen Hochschule Hannover und hat schon so manchen Stall von innen gesehen. „Das moderne Schwein hat immer noch die gleichen Bedürfnisse wie Wildschweine“, sagt die Expertin: Acht bis zehn Stunden am Tag seien die Tiere wach. Den Großteil dieser Zeit würden sie mit der Futtersuche verbringen. (Weiterlesen: So viele Schweine geschlachtet wie noch nie)

Landwirt Jens van Bebber in seinem Offenstall. Foto: Dirk Fisser

„In modernen Ställen können Schweine dieses Verhalten nicht ausleben. Das führt zu Langeweile und Verhaltensstörungen.“ Kannibalismus ist eine der blutigen Folgen. Ein Offenstall wie der in der Grafschaft komme dem Verhalten der Schweine sehr entgegen, so die Professorin. „Das ist Klassen besser als der gesetzliche Mindeststandard.“

„Das kann man dem Verbraucher zeigen“

Die Hochschulprofessorin gehört einem Verein an, der diese Form der Tierhaltung in Deutschland salonfähig machen will. Bislang seien es höchstens drei Prozent der Schweine hierzulande, die in Offenställen lebten, so Vereinsmitglied und Agrarbiologe Rudolf Wiedmann. Es soll deutlich mehr werden. „So fühlen sich die Schweine sichtlich wohl. Das sind Haltungsbedingungen, die man dem Verbraucher mit gutem Gewissen zeigen kann“, sagt Vereinsvorsitzender Bert Mutsaers, im Hauptberuf geschäftsführender Gesellschafter bei der Osnabrücker Wurstfabrik Bedford.

Kein Handelskonzern, kein Fleischriese dabei

Bislang ist die Zahl der Vereinsmitglieder überschaubar. Marktführer wie Tönnies, Vion oder Westfleisch zählen noch nicht dazu. „Wir sind offen für neue Mitglieder - auch Mitbewerber“, sagt Mutsaers. Handelskonzerne fehlen ebenfalls, die das Fleisch aus Offenställen in ihr Angebot aufnehmen könnten. Bislang gibt es die Ware bei Bedford im Werksverkauf, im Internet sowie in Großmärkten. Mäster van Bebber sagt, der Verkaufspreis müsse sich zwischen konventionellem und biologisch produziertem Schweinefleisch einpendeln, damit sich der Mehraufwand für Landwirte lohne. (Weiterlesen: Peta zu Billigangeboten: „Fleisch kann nicht teuer genug sein“)

Probleme bei Genehmigungen

Bislang jedenfalls ist es weniger der wirtschaftliche Erfolg, der die Beteiligten antreibt, sondern viel mehr Enthusiasmus und die Überzeugung, das Richtige zu tun.

Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) spricht von einem „interessanten Ansatz“, der zeige, „wie innovativ die Branche ist, wenn man sie nur machen lässt.“ Er erinnert aber an Genehmigungsprobleme, von denen auch die Vereinsmitglieder berichten: Um- oder Neubauten von Offenställen scheiterten häufig am Emissionsschutz. Dabei sei die Sorge unberechtigt, dass beispielsweise mehr Ammoniak in die Umwelt gelange als bei geschlossenen Systemen mit hohen Abluftkaminen, sagt van Bebber. Er schätzt, der Ausstoß der Offenställe sei um 50 bis 60 Prozent geringer. Der Beweis steht aber noch aus. Der Verein will Überzeugungsarbeit leisten.

Van Bebber glaubt daran, dass die offene Schweinehaltung ein wirtschaftlicher Erfolg sind. Allein seine Berufskollegen würden mit Argwohn reagieren. „Bist du verrückt?“, hieße es da schon mal, „nachher wird das für uns alle verpflichtend.“

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