„Auf Vergewaltigung mit Würgen spezialisiert“ Angeklagter schweigt zum Klostermord

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Der mit Hand- und Fußfesseln gesicherte Jörg N. versuchte sich beim Prozessauftakt in Verden vor den Kameras zu schützen. Foto: dpaDer mit Hand- und Fußfesseln gesicherte Jörg N. versuchte sich beim Prozessauftakt in Verden vor den Kameras zu schützen. Foto: dpa

Verden. Der mutmaßliche Sexualmörder vom Loccumer Klosterwald hat zum Prozessauftakt geschwiegen. Die Staatsanwaltschaft hält den Angeklagten für äußerst gefährlich. Nebenkläger kritisieren den Maßregelvollzug.

Die Staatsanwaltschaft Verden hält den mutmaßlichen Mörder vom Loccumer Klosterwald für hochgradig gefährlich. Der gebürtige Lingener Jörg N. sei ein Psychopath mit einem ausgeprägten sexuellen Sadismus, der sich auf „Vergewaltigung mit Würgen bis zur Bewusstlosigkeit spezialisiert“ habe, sagte Anklägerin Annette Marquardt am Montag beim Prozessauftakt im Verdener Landgericht.

Dem 48-jährigen Landschaftsgärtner wird vorgeworfen, am 12. September die 23-jährige Judith T. überfallen, ausgezogen und im Loccumer Klosterwald vergewaltigt und erwürgt zu haben. Der verurteilte Vergewaltiger hatte zu dieser Zeit Freigang aus einer Maßregelvollzugsklinik, nur wenige Meter vom Wohnhaus von T. entfernt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Angeklagte den Tod des Opfers von vornherein geplant und die Panik des erstickenden Opfers ihn sexuell erregt habe. Die Anklage plädiert daher auf Mord zur Befriedigung des Geschlechtstriebs. Ob die junge Frau vor oder nach ihrem Tod vergewaltigt worden war, lässt sich nicht mehr feststellen.

Mehrere Würgeangriffe

N., ein hagerer Mann mit schütterem, strähnigen Haar, wollte am Mittwoch vor Gericht und in Anwesenheit von Vater und Schwester der Toten nichts zu den Vorwürfen sagen. Auch verweigerte er jegliche Zusammenarbeit mit einem psychiatrischen Gutachter. Allerdings hat das Tatmuster aus dem Klosterwald durchaus Parallelen mit vorherigen Taten von N. Gleich mehrere Verurteilungen deuten darauf hin: Im August 1995 hatte der gelernte Landschaftgärtner in Meppen eine junge Frau attackiert, ausgezogen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Das Landgericht Osnabrück verurteilte ihn 2000 wegen dieser Tat und Vergewaltigung seiner damaligen Ehefrau zu vier Jahren Haft. 2012 verurteilt das Landgericht Aurich den Emsländer wegen zweier brutaler Übergriffe in Norden im Jahr 2011. In einem Fall hatte der Mann auf offener Straße eine 25-Jährige überfallen, gewürgt und mit einem vorgehaltenen Messer in einen Wald gezwungen. Das Landgericht Aurich ordnete bei der Verurteilung neben 58 Monaten Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung auch eine Therapie des Alkoholkranken im Maßregelvollzug an. In der Spezialklinik in Rehburg-Loccum wird die Ausgangssperre allerdings gelockert – N. erhält Ende 2014 Freigang. Und das, obwohl bereits das Landgericht Aurich bei ihm eine „dissoziative Persönlichkeitsstörung“, ein verachtendes Frauenbild“ sowie „eine hohe Rückfallwahrscheinlichkeit“ festgestellt hatte.

Kritik am Maßregelvollzug

Der Rechtsanwalt Raban Funk, der vor Gericht die Schwester der Ermordeten vertritt, erhebt schwere Vorwürfe gegen den Maßregelvollzug. Dass die Maßregelvollzugseinrichtungen dem Sozialministerium unterstehen, die Gefängnisse hingegen dem Justizministerium, sei „vollkommener Unsinn“, sagte Funk unserer Zeitung. Nach der Tat habe sich Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) zwar schnell zu Wort gemeldet, doch die nötigen Reformen seien ausgeblieben, sagt Funk.

Die Landesregierung widerspricht. In den vergangenen Monaten habe das Ministerium einiges angestoßen: So seien die Stellen für eine Clearingstelle ausgeschrieben worden. Dort sollen ab Anfang 2017 vier Mitarbeiter geplante Lockerungen des Maßregelvollzugs noch einmal überprüfen. Im November ist zudem eine gemeinsame Tagung von Staatsanwaltschaften und Maßregelvollzugseinrichtungen in Hannover angesetzt. Zudem wurde das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen mit der Überprüfung der Gutachtenpraxis für Vollzugslockerungen beauftragt. Immerhin hatten Experten N. trotz klarer Warnungen aus dem Landgericht Aurich den Freigang erst erlaubt. Insgesamt sieht das Ministerium den Maßregelvollzug im Land gut aufgestellt. Von 1300 Insassen sei aktuell lediglich einer abgängig – und der werde schon seit 2007 vermisst.


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