Mit Herz, Hund und Leberwurst Assistenzhündin Abby bringt Lisa zurück ins Leben


Glandorf. Seit ihrer Pubertät bestimmt eine posttraumatische Belastungsstörung Lisas Leben. Psychologen ist ihr Fall zu heikel, seit dem Frühjahr springt Hündin Abby ein. Das Tier soll der 26-Jährigen Sicherheit geben. Wie das funktioniert, zeigt ein Besuch in Glandorf.

Seit mehr als zehn Jahren sind Lisa und Marie* ein Paar. Doch noch nie hat Lisa ihrer Partnerin allein ein Geschenk gekauft. Einfach losgehen und durch die Geschäfte bummeln, das traut sich die 26-Jährige nicht. Ein ganz geheimes Präsent gab es noch nie. Immer wussten andere vor Marie, was sich unter dem Geschenkpapier verbirgt. Manchmal wusste das sogar die Beschenkte selbst, weil sie ihre Partnerin zum Einkaufen begleiten musste. Abby soll das nun ändern. Doch Abby ist ein Australian-Shepherd-Labrador.

Früher ist Lisa gerne geflohen. Heute traut sie sich kaum aus ihrer Wohnung. Seit ihrem 15. Lebensjahr hat sie einen Therapeuten nach dem anderen aufgesucht. Posttraumatische Belastungsstörung nennt sich ihr Krankheitsbild. Eine psychische Erkrankung, die nach einem traumatischen Erlebnis entsteht. Vielen Psychologen sei ihr Fall zu heikel, sagt Lisa. Die Menschen geben auf, nun soll eine Hündin einspringen. Aber kann das funktionieren?

Sicher, findet Carina Stanek. „Hunde sind in der Regel schlauer als wir“, sagt die Assistenzhundetrainerin. Seit dem vergangenen Jahr bildet sie in ihrer Glandorfer Schule Humani Hypohunde und PTBS-Assistenzhunde aus. Letztere werden immer in Zusammenarbeit mit Ärzten und Psychologen betreut. Für den Bereich Autismus und motorische Erkrankungen unterstützen sie zwei Mitarbeiter. Während der Hypohund einen Diabetiker vor einer Unterzuckerung warnt, begleitet der PTBS-Assistenzhund einen Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Auch in Staneks Familie lebt ein Assistenzhund

Aus eigener Erfahrung weiß Carina Stanek, was diese Tiere leisten können. Ihre Tochter Lara ist an Diabetes Typ 1 erkrankt. Seit drei Jahren begleitet Hündin Sykla die 13-Jährige in ihrem Alltag. Wenn Carina Stanek gewusst hätte, wie gut das funktioniert, hätte sie den Hund für Lara früher angeschafft. „Sykla hätte uns in der Vergangenheit die ein oder andere Schrecksekunde erspart“, sagt Stanek. Wie der PTBS-Assistenzhund ist auch ein Hypo-Hund ein Behindertenbegleithund. Die Abkürzung „Hypo“ steht dabei für Hypoglykämie, was umgangssprachlich als Unterzuckerung verstanden wird. Für diese Hunde ist der Geruch von Frauchen und Herrchen entscheidend. Sie zeigen an, wenn sie eine Unterzuckerung riechen, und bringen im Notfall ein süßes Getränk oder einen Riegel.

Schwierige Suche

Verpflegung braucht Lisa von Abby nicht. Dafür soll ihr die Hündin mehr Sicherheit und ein freieres Leben geben. Bis ein Patient den passenden Assistenzhund gefunden hat, können Monate vergehen. So muss geklärt werden, was der Hund leisten soll und welches Tier sich der Patient vorstellen kann. Es sei wie die Suche nach der berühmten Nadel im Heuhaufen, sagt Lisas Partnerin Marie. Zudem muss es einerseits zwischen Mensch und Tier passen, andererseits spielen auch die Rasse und der Charakter des Hundes eine entscheidende Rolle. „Der Hund muss eigenständig denken und Entscheidungen fällen können. Auch eine niedrige Frustrationsgrenze und Problemlöseverhalten sind wichtig“, zählt Carina Stanek auf. Er müsse zudem dem Menschen gefallen und im Mittelpunkt stehen wollen. „Ein Zirkushündchen passt“, sagt die Hundetrainerin und lacht.

Ihre Nadel im Heuhaufen fand Lisa innerhalb weniger Tage. Nach ihrem ersten Treffen mit Stanek suchte sie nach einem jungen Welpen und stieß prompt auf drei Anzeigen. Nur einen Tag später besuchte sie gemeinsam mit Marie eine Familie, die einen neuen Wurf hatte. Drei der zehn Welpen suchten noch ein neues Zuhause – unter ihnen war Abby. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, erzählt Lisa. Was kitschig klingt, ist essenziell für ein gutes Team. Mensch und Tier müssen harmonieren. Trotzdem testeten die beiden Frauen, ob die kleine Abby zum perfekten Assistenzhund taugt. Das Apportieren ist dabei eine wichtige Eigenschaft. „Der Hund muss gerne Dinge in den Mund nehmen und sie zu seinem Besitzer tragen wollen“, sagt Stanek. Abby schnitt von allen drei Hunden am besten ab. Zur Sicherheit schauten sich Marie und Lisa einen Tag später noch einen anderen Hund an. Doch ihre Herzen hatten sich bereits entschieden. „Wir haben schnell zugesagt und es bis heute nicht bereut“, sagt Marie.

Der Hund ist für Lisa eine Stütze

Abby sei für Lisa wie eine Stütze, so beschreibt es ihre Partnerin. Mit der Hilfe des Hundes hoffen die beiden, ein entspannteres und ruhigeres Leben zu führen. Die Gründe für Lisas PTBS liegen in der Vergangenheit. „Erzeuger“ nennt sie ihren Vater, ein anderes Wort für ihn fällt nicht. Jahrelang habe der Mann sie und ihre Mutter tyrannisiert. Nur wenige Worte verliert Lisa über diese Zeit. Schon mit zwölf Jahren habe sie den Wunsch geäußert, die Familie zu verlassen und in ein Heim zu gehen. Der Vater erlaubt es nicht, die Mutter bleibt bei ihm, Lisa hat keine Wahl, schildert die 26-Jährige. Was der Vater ihr und der Mutter antut, habe sie niemandem erzählen dürfen. Das Schweigen zieht sich bis in ihre Pubertät. Erst als der Vater immer mehr ihre Mutter angeht, kann Lisa sie überzeugen auszuziehen. Parallel beginnt sie eine Therapie. Doch der Spuk ist damit nicht vorbei. Jahrelang wird sie von dem Mann terrorisiert. Aus ihrem Erzeuger wird ihr Stalker. Fünfmal ist sie in den vergangenen Jahren rund um ihre Heimatstadt umgezogen. Wie oft sie ihre Handynummer gewechselt hat, kann sie heute nicht mehr sagen. Von der Polizei hört sie nur, dass sie ihre Verletzungen zeigen solle, erst dann könnten die Beamten reagieren. Doch Lisas Vater sei geschickt gewesen, sagt sie. Wenn die junge Frau die Polizei zu Hilfe ruft, weint er vor den Beamten. Seit ihrem letzten Umzug vor eineinhalb Jahren hat sie von ihm nichts mehr gehört. Die Ängste aus der Vergangenheit bleiben, auch wenn man sie der jungen Frau nicht ansieht.

Zutrittsrechte gefordert

Ein Fakt, der die Akzeptanz des Assistenzhundes in der Öffentlichkeit nicht verbessert. Viele Menschen wissen oft nicht, dass Hunde mehr als ein Spielgefährte oder ein Familienmitglied sein können. „Niemand sieht einem Menschen an, ob er Diabetiker ist oder eine traumatische Erfahrung gemacht hat“, sagt Bert Bohla, Vorsitzender des Vereins Lichtblicke. Seit vielen Jahren engagiert er sich für die Förderung von Assistenzhunden. Bohla ist blind und ebenfalls auf einen tierischen Begleiter angewiesen. Obwohl Menschen ihm ansehen, dass er sich ohne seinen Hund nur schwer auf fremden Terrain zurechtfindet, muss auch er um Akzeptanz kämpfen. Vor Jahren waren Assistenzhunde beispielsweise in Supermärkten unerwünscht. Im Glauben an ihr Hausrecht verweigerten Betreiber Tieren den Zutritt. Ihre Sorgen wegen Allergien und Phobien ihrer Kunden oder der Hygiene der Tiere ließen Hunde vor der Eingangstür warten. So blieben die Läden auch deren Frauchen und Herrchen verschlossen, obwohl die Zutrittsrechte in dem allgemeinen Gleichstellungsgesetz und den UN-Behindertenkonventionen festgelegt sind. Zudem darf das Hausrecht nur genutzt werden, wenn von einer Störung des Betriebsablaufs ausgegangen werden muss.

Märkte bewegen sich

Seit einigen Jahren bewegen sich die Märkte jedoch. Vor vier Jahren gewährten die großen Discounter Lidl, Penny und Netto Assistenzhunden den Zutritt öffentlichkeitswirksam auf ihren Webseiten. Seit wenigen Wochen lässt Edeka Menschen mit ihrem Hund einkaufen. Auch die Lufthansa lenkte nach Gesprächen mit dem Verein ein. Hunde dürfen ihren Assistenznehmer nun in die Passagierkabine begleiten.

Bert Bohlas Arbeit ist damit noch nicht beendet. Lichtblicke will mehr und fordert von der Politik, eine exakte Definition und ein amtliches Prüfungswesen für Assistenzhunde einzuführen. Zudem unterstützt der Verein Betroffene bei der Suche nach dem richtigen Assistenzhundetrainer. Hier fehlt es an einer einheitlichen Bezeichnung, der Beruf ist nicht geschützt. Das macht es Betrügern leicht.

Viele ihrer Kunden hätten zuvor schlechte Erfahrungen gemacht, sagt Carina Stanek, die als Pädagogin, psychosoziale Beraterin, PPT-Therapeutin und Assistenzhund-Trainerin ausgebildet ist. In der Schweiz studierte sie zwei Jahren an der Akademie für Tiernaturheilkunde. Doch das reicht nicht, um in dem Bereich zu arbeiten. „Eigentlich arbeite ich mehr mit dem Menschen als mit dem Hund“, sagt Stanek. Pädagogische Kompetenzen und Fachwissen zum Krankheitsbild sind somit essenziell. Intensive Gespräche mit der Assistenznehmerin und das Hundetraining gehören zusammen. Zudem gibt Stanek ebenfalls wie Bert Bohla Tipps zur Finanzierung. Während die Ausbildungskosten für einen Blindenhund von den Krankenkassen übernommen werden, trifft dies auf die anderen Bereiche nicht zu. Wenn Assistenznehmer diese nicht selbst stemmen können, sind sie auf Spenden oder Unterstützung durch Stiftungen angewiesen. Lisa hat sich an mehrere Stiftungen gewandt. Diese prüfen sorgfältig, wem sie bei der Finanzierung helfen. Bearbeitungszeiten zwischen 13 und 18 Monaten sind keine Seltenheit, während die Ausbildung der Hunde 15 Monate dauert. Für eineinhalb Monate hat Lisa bereits eine Förderung erhalten. Aktuell stemmen Marie und sie die Kosten aus eigener Kasse.

Hündin hilft im Notfall

An diesem Nachmittag üben Lisa und Abby mit Carina Stanek das Apportieren. Sanft nimmt der Hund das Handy in die Schnauze, um es Lisa zu bringen. Die junge Hündin lernt schnell. Auch das Stupsen eines Knopfes mit ihrer Schnauze klappt erstaunlich gut, zur Belohnung gibt es Leberwurst. In naher Zukunft soll Abby so einen Notfallknopf drücken können, wenn sie spürt, dass es Lisa schlecht geht. Anschließend sendet das Gerät ein GPS-Signal an Marie. So kann sie ihre Partnerin orten und in einer Notsituation finden.

Lisas Angst sitzt tief

Trotz der eineinhalbjährigen Funkstille mit ihrem Vater sitzt Lisas Angst tief. Wie aus dem Nichts schleicht sie sich in ihre Gedanken und lässt sie wie in Trance zurück. Dann kann die junge Frau nicht mehr sprechen, ihr bewusstes Denken spaltet sich ab. „In einer Dissoziation verhalten sich Menschen wie Kinder, die intensiv in ein Spiel vertieft sind. Außenstehende können sie nur schwer erreichen“, erklärt Lisa ihre Situation. Dabei kann es passieren, dass Lisa Kleinteile verschluckt und so ihr Leben gefährdet. Abby soll verhindern, dass Lisa in einer Dissoziation fällt – und falls doch, soll die Hündin eigenständig reagieren, das Handy bringen oder den Notfallknopf drücken. Das Tier bringt der jungen Frau eine neue Sicherheit. Dann könnte Lisa ihren Wunsch Wirklichkeit werden lassen und allein durch die Stadt spazieren, um ihrer Partnerin endlich ein Geschenk zu kaufen.

*Namen von der Redaktion geändert


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