Digitalisierung statt Dunkelkammer Cewe schafft Zeitenwende

Von Klaus-Peter Jordan

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Oldenburg. Die Umstellung auf Digitaltechnik stellte in den 90er-Jahren den Fotografiemarkt auf den Kopf. Der Oldenburger Fotodienstleister Cewe bekam die Kurve – im Gegensatz zu anderen Anbietern.

Vom österreichischen Nationalökonomen Joseph A. Schumpeter stammt die These, dass eine „schöpferische Zerstörung“ notwendig ist, um wirklich Neues zu schaffen. Der Oldenburger Fotodienstleister Cewe hat in den 1990er Jahren sein bis dahin erfolgreiches Geschäftsmodell, Papierbilder von Filmen herzustellen, zerstört – wenn auch nicht freiwillig – und ist inzwischen zum europäischen Marktführer im sogenannten Fotofinishing geworden. Bekannte Konkurrenten aus der damaligen Zeit sind auf der Strecke geblieben.

„Da kommt etwas ganz Neues“

Das Stichwort heißt Digitalisierung. In den USA hatte der damalige Technik-Vorstand von Cewe, Wulf-D. Schmidt-Sacht, in Geschäften sogenannte Minilabs gesehen, die alle Bilder eines Films im Kleinstformat auf einem Blatt ausdruckten und damit die endgültige Auswahl von Bildern leichter machten, während die Europäer noch den Negativstreifen gegen das Licht hielten, um zu erahnen, auf welchem Bild Oma wohl am schönsten lächelt. 1991 ging Cewe mit einem solchen Foto-Index und einer Foto-CD in Deutschland in den Markt und machte damit damals als erstes Unternehmen der Branche den Schritt ins digitale Zeitalter. „Schmidt-Sacht war klar: Da kommt etwas ganz Neues“, so sein Nachfolger als Technik-Vorstand, Reiner Fageth. Digitalkameras für den Privatgebrauch gab es zu der Zeit noch nicht.

Mitte der 1990er Jahre beschäftigte sich Cewe dann zunächst „hinter den Kulissen“ mit der Digitalisierung, indem es die analog gelieferten Filme seiner Kunden digitalisierte. Doch Schmidt-Sacht war sich sicher, dass man in die Läden der Handelspartner musste, in die Fotogeschäfte und Drogeriemärkte. Im Geheimen – nicht einmal Firmengründer Heinz Neumüller wusste davon – entwickelte er 1997 eine Aufnahmestation für digitale Bilddaten. Bei der Vorstellung beim Chef soll Neumüller entsetzt gewesen sein: „Sie zerstören mein Lebenswerk“ – um ihm am nächsten Tag grünes Licht für die Aufstellung der weltweit ersten Digitalstation in einem Oldenburger Fotofachgeschäft zu geben.

Dem Geschäftsmodell das Grab geschaufelt

Auf dem Höhepunkt der analogen Fotografie – Cewe entwickelte weit mehr als zwei Milliarden Fotos im Jahr und war erfolgreich an die Börse gegangen – setzte das Unternehmen den ersten Spatenstich für das Grab seines bisherigen Geschäftsmodells. „Jeder Produktzyklus kommt einmal an sein Ende. Dann muss man mit neuen Ideen da sein“, beschreibt Vorstandsvorsitzender Rolf Hollander die Notwendigkeit des Schritts. Bis dahin waren die Oldenburger beim Endkunden kaum bekannt; der bekam seine Fotos vom Fotohändler.

Das alles kostete Geld, viel Geld. Das wegbrechende analoge Geschäft musste die Digitalinvestitionen finanzieren. Dass dies letztlich geschafft wurde, darauf ist die Unternehmensleitung stolz: „Es gab kein Jahr mit roten Zahlen, auch 2004, dem schlimmsten Jahr, nicht“, sagt Fageth.

Kräftig gelitten hat Cewe aber schon. Nach 2005 werden elf von 23 Werken in Europa geschlossen, 1200 Stellen abgebaut. Von 2005 bis 2009 müssen jährlich zehn Millionen Euro für Sozialpläne aufgewendet werden. „In nur zehn Jahren haben wir über 90 Prozent unseres einstigen Umsatzes verloren“, beschreibt der 52-Jährige die Entwicklung. Insgesamt soll der Digital-Umbau 350 Millionen Euro gekostet haben.

Umsatzrekord erwartet

Heute steht der Oldenburger Fotodienstleister so gut da wie nie zuvor. Vor allem das Cewe-Fotobuch ist zu einem Renner geworden. Fing man 2005 mit gut 80000 Exemplaren an, so werden es in diesem Jahr wohl mehr als 6,6 Millionen werden. Von diesem Boom profitiert etwa auch der Osnabrücker Spezialpapierhersteller Felix Schoeller. Für ihn ist Cewe schon seit Jahren der wichtigste Kunde für Fotopapier. In 24 europäischen Ländern ist Cewe inzwischen Technologie- und Marktführer mit Marktanteilen von bis zu 90 Prozent. Mit 575 Millionen Euro wird für 2016 ein Rekordumsatz erwartet. Die Bilderzahl – derzeit rund 2,2 Milliarden im Jahr – wächst. Die Gewinne steigen ebenso kontinuierlich wie die Dividende. Die Aktie eilt von einem Höchststand zum nächsten.

Ständig kreieren die Produktentwickler neue Ideen: Die eigenen Fotos auf Papier und Leinwand, als Buch, Kalender oder Grußkarte, auf Tassen, T-Shirts, Handyhüllen oder als Puzzle-Spiel. Auch das Smartphone als Fotoapparat ist für ihn mehr Chance als Bedrohung. „Wir entwickeln neue Apps für die verschiedensten Kundengruppen“, sagt Fageth. An den Fotostationen von CeWe seien heute schon 40 Prozent aller Bestellungen Handybilder.


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