Ein Opfer schildert Erfahrungen Wohnungseinbrüche: Die Einbrecher gehen, die Angst bleibt

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Einbrecher brauchen nur wenige Minuten, um eine Wohnung und damit häufig auch ein ganzes Leben durcheinanderzubringen. Foto: dpaEinbrecher brauchen nur wenige Minuten, um eine Wohnung und damit häufig auch ein ganzes Leben durcheinanderzubringen. Foto: dpa

Osnabrück. Wenige Minuten reichen aus, um eine Wohnung, ein Leben in Ordnung zu stürzen. Einbruchsopfer bleiben häufig nicht nur mit finanziellen, sondern auch mit seelischen Schäden zurück. Die Einbrecher verschwinden, die Angst aber bleibt. Ein Opfer aus Osnabrück schildert das Leben nach dem Einbruch.

Es dauert nur Sekundenbruchteile, bis mir klar wird, dass etwas nicht stimmt. Die Tür ins Wohnzimmer steht offen. Das kann nicht sein, denke ich. Wegen der Heizung, die ich angelassen habe. Während mir diese Gedanken durch den Kopf schießen, fällt mein Blick auf die offene Schlafzimmertür. Schubladen und Schranktüren stehen offen. Habe ich heute früh etwas gesucht? Nein.

6075 Wohnungseinbrüche oder Einbruchsversuche hat die Polizei im vergangenen Jahr in der Region Weser-Ems erfasst, 2369 davon im Gebiet der Polizeidirektion Osnabrück. 2014 waren es lediglich 1993. Auch bundesweit stiegen die Zahlen mit 167.136 Fällen um knapp zehn Prozent auf den höchsten Wert der vergangenen 15 Jahre.

Ich gehe geradeaus ins Wohnzimmer. Kälte schlägt mir entgegen, die Terrassentür steht offen. Ich spüre, wie mein Herz rast. Es ist ein Gefühl, das ich nicht kenne - und das ich nie vergessen werde. So fühlt sich also Beklemmung an. Der Schreibtisch: Das blanke Chaos. Zufällig liegt das Telefon vor mir. Ich wähle die 110. Es klingelt. Einmal, zweimal, dreimal, viermal. Endlich hebt jemand ab. „Bei mir ist eingebrochen worden.“ „Bleiben Sie ganz ruhig.“ (Sehr witzig, denke ich später.) „Ist noch jemand in der Wohnung?“ „Ich glaube nicht“, sage ich und werde panisch. „Fassen Sie nichts an, es kommt gleich jemand vorbei. Sind Nachbarn da, bei denen Sie warten können?“ Ich gebe meine Adresse durch und klingle ein Stockwerk höher. Wir warten. Wir warten lange. Eine halbe Stunde dauert es, bis der Streifenwagen endlich da ist.

Eine Polizistin und ein Polizist. Sie gehen durch alle Räume und machen sich Notizen. Fehlt was? Ich inspiziere den Schreibtisch. „Ja, Geld.“ Sonst was? „Ich glaube nicht.“ Den Rest besprechen wir im Hausflur. Ob ich etwas Verdächtiges bemerkt habe. Ja, in der Tat. Wie sich später herausstellt, ist nicht nur mir der junge Mann mit Pudelmütze und blauer Hose, der am Morgen vor dem Haus herumlungerte, aufgefallen, sondern auch einer Nachbarin. Offenbar hat er gewartet, bis ich das Haus verlasse. Nur: „So sehen die leider alle aus“, sagt später mein Sachbearbeiter. Ich bin jetzt einer von vielen Fällen, die abgearbeitet werden.

Spuren am Tatort oder Augenzeugen – das ist es, was die Polizei bei der Aufklärung von Einbrüchen braucht. Und an beiden Dingen mangelt es in den meisten Fällen. Auch deswegen wiederholen Polizisten bei jeder Gelegenheit gebetsmühlenartig, bei der kleinsten Auffälligkeit die Ordnungshüter über die 110 anzurufen.

Die Entwicklung der Wohnungseinbrüche deutschlandweit. Foto: dpa

„Hatten Sie den Rolladen nicht bis nach unten gezogen?“, fragt die Polizistin. „Nein, nur zur Hälfte. Die Pflanzen brauchen doch Licht“, sage ich. „Da haben Sie es denen aber auch einfach gemacht. Die setzen einmal den Hebel an und sind drin.“ Vielen Dank für die Belehrung, denke ich. Bei mir ist gerade eingebrochen worden, schon gemerkt? Ich reiße mich zusammen und sage nichts. „Und so viel Geld sollte man auch nicht im Schreibtisch aufbewahren“, fährt die Dame, in etwa mein Alter, fort. Im Ernst jetzt? Der Herr von der Spurensicherung, der als nächstes kommt, ist netter. Mit Püschel und Ruß nimmt er ein paar Fingerabdrücke mit. Wie im Fernsehen. Er macht mir keine Illusionen darüber, dass es so gut wie aussichtslos ist, die Einbrecher zu fassen. Ich übernachte bei Freunden.

Die Aufklärungsquote ist gering. Rund 23 Prozent weist die Kriminalstatistik der Polizeidirektion Osnabrück für das vergangene Jahr aus. Aufgeklärt heißt aber nicht, dass Tatverdächtige auch verurteilt worden sind. Das zeigt eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Die Forscher haben 2403 Einbrüche in deutschen Großstädten untersucht. In etwa 84 Prozent der Fälle gab es keinen Hinweis auf die Einbrecher. Nur bei 368 Fällen konnten einer oder mehrere Verdächtige ermittelt werden. Aber: Lediglich 80 wurden laut KFN auch rechtskräftig verurteilt. Das heißt umgerechnet: Nur bei 2,6 von hundert Einbrüchen wird ein Täter gefasst und auch verurteilt. Gegen die allermeisten Verdächtigen stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein, weil beispielsweise die Beweise aus ihrer Sicht zu schwach sind, um Anklage zu erheben. Ulf Küch vom Bund der Kriminalbeamten (BDK) sagt, Staatsanwaltschaften seien sehr zurückhalten, wenn es darum gehe, ermittelte Täter nach dem Bandendeliktsparagraphen festzusetzen. „Jede Staatsanwaltschaft vermeidet erst einmal, solche komplexen Verfahren zu übernehmen. Die späteren Strafen sind ebenfalls als lachhaft anzusehen“, so der Gewerkschafter.

Es dauert Tage, bis die ganze Wäsche gewaschen ist. Immer wieder fallen mir Details auf: Hier steht ein Buch schief, da ist ein Schubladenelement verschoben. Dabei waren es noch nette Einbrecher. Die Sachen aus dem Kleiderschrank haben sie nicht einfach auf den Boden geworfen, sondern auf die geöffneten Schubladen gelegt. Es ist nichts zu Bruch gegangen, nicht mal die Vase, die auf der Kante des Couchtisches stand. Der Einbruch galt nicht mir persönlich, das macht es etwas leichter. Ich rede es mir schön. Was denken Einbrecher, während sie eine Wohnung durchsuchen? Wenn sie eine „Frohe-Weihnachten“-Karte finden, in die Oma 50 Euro gelegt hat? Reden Einbrecher miteinander? Arbeiten sie schweigend? Waren es überhaupt mehrere oder einer alleine? Ist es für sie ein Job wie jeder andere? Was sind das für Menschen?

Das Forschungsinstitut aus Hannover warnt vor vorschnellen Schlüssen. Weil die Aufklärungs- und Verurteilungsquote so gering sei, fehle es an fundiertem Wissen über die Einbrecher. Sind es Ausländer oder Deutsche? Handelt es sich um Beschaffungskriminalität von Drogenabhängigen oder organisierte Einbrecherbanden? Bei den vom Institut untersuchten Fällen stellte es sich so dar: 89,9 Prozent der rechtskräftig Verurteilten waren Männer, durchschnittlich 26,3 Jahre und alt und zu 56,6 Prozent in Deutschland geboren. Knapp 80 Prozent waren bereits vorbestraft und fast 40 Prozent drogenabhängig. Der Kriminalbeamte Küch sagt, gerade die überörtlichen Banden seien für die Polizei kaum zu fassen. „Unser Problem als Kriminalpolizei ist es, dass wir diesen Banden in der Regel keine gut ausgebildeten und jüngeren Ermittlungseinheiten entgegenstellen können.“ Dass die Polizei den Einbrechern oft nur hinterherrenne, sei ein „durch Einsparungen und Ignoranz“ hausgemachtes Problem.

Gleich am nächsten Tag kaufe ich Klemmschienen, um die Rollläden zu sichern. Nach ein paar Tagen bekomme ich Post von meiner Hausratsversicherung. Sie zahlt. Ich bekomme mein Geld wieder. Hätte ich nicht gedacht. Meine Vermieterin will sich nicht an den Kosten für Fensterschlösser beteiligen. Ich verzichte und studiere ab sofort die Wohnungsannoncen.

Das Kriminologische Institut kommt zu dem Schluss, dass mehr Polizei kaum dabei helfen wird, Aufklärungs- und Verurteilungsquote bei Einbrüchen zu erhöhen. Vielversprechender sei mehr Prävention etwa in Form besserer Einbruchssicherung. Bundesregierung und Länder fördern entsprechende Anschaffungen. Im Falle eines Einbruchs springt die Hausratsversicherung ein. Die deutschen Versicherer haben nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr 530 Millionen Euro wegen versicherter Wohnungseinbrüche an ihre Kunden ausgezahlt – ein Rekordwert. Laut Polizeidirektion Osnabrück wurden bei den 2369 Wohnungseinbrüchen zwischen Nordseeküste und Teutoburger Wald im vergangenen Jahr Dinge im Wert von 5,9 Millionen Euro gestohlen. Nicht eingerechnet sind die Schäden durch den Einbruch etwa an Türen oder Fenstern.

Ich bin kein ängstlicher Mensch und daher immer wieder überrascht davon, wie tief die Angst sitzt, nach Hause zu kommen und alles durchwühlt zu sehen. Jeden Abend Herzrasen, besonders schlimm nach einem dreiwöchigen Urlaub – Monate später. Immer alles verrammeln, selbst beim Gang zum Bäcker. Ein Knacken in der Nacht und der Puls steigt. Ich schließe die Schlafzimmertür seitdem von innen ab. Irgendwann liegt der Brief der Staatsanwaltschaft im Briefkasten: Verfahren eingestellt. In Kürze ziehe ich um. Die neue Wohnung liegt im Dachgeschoss. Ob die Angst mitzieht, wird sich zeigen.

Nach Angaben des Weißen Rings leidet jedes fünfte bis sechste Einbruchsopfer langfristig unter Ängsten und psychosomatischen Belastungsstörungen. Das Kriminologische Forschungsinstitut hat mehr als 1000 Betroffene zu den Folgen befragt. Jeder Vierte war demnach wegen des Einbruchs umgezogen oder wollte dies zumindest. In vielen Fällen scheiterte das an den Kosten.


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