GEW Niedersachsen schlägt Alarm Studie: Lehrer machen Millionen Überstunden

Von Klaus Wieschemeyer

Unterricht macht laut Studie nur einen Teil der Arbeit eines Lehrers aus. Foto: Stratenschulte/dpaUnterricht macht laut Studie nur einen Teil der Arbeit eines Lehrers aus. Foto: Stratenschulte/dpa

Hannover. Viele Lehrer in Niedersachsen sind massiv überlastet. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie der Universität Göttingen im Auftrag der Gewerkschaft GEW. Demnach arbeitet ein Gymnasiallehrer in einer Durchschnittswoche mehr als 49 Stunden.

Niedersachsens Lehrer leisten nach einer Studie im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) viele unbezahlte Überstunden. Vor allem an Gymnasien häuft sich nach der Erhebung der Uni Göttingen demnach massive Mehrarbeit an: Im Wochenschnitt leiste ein Gymnasiallehrer im direkten Vergleich zu einem Beamten mit 40-Stunden-Woche drei Stunden mehr – damit häuften sich allein dort landesweit pro Woche 50000 unbezahlte Überstunden an. Auf ein Jahr hochgerechnet kommt die GEW damit alleine bei Gymnasien auf zwei Millionen Stunden. Lehrkräfte an Grundschulen lägen 1,2 Stunden über dem Soll. Viele Lehrkräfte arbeiteten auch die Wochenenden durch, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Der Erhebung zufolge besteht nur ein Teil der Arbeitszeit aus Unterricht: Auf eine 45 Minuten lange Schulstunde kommen beim Gymnasium laut Studie zusätzliche 113 Minuten Vor- und Nachbereitung.

2869 Lehrkräfte von 255 Schulen hatten ein Schuljahr lang ihre konkreten Arbeitszeiten an die Forscher der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Universität Göttingen gemeldet. Diese waren im Idealfall von einer 46,38-Stunden-Woche ausgegangen, um die im Vergleich zu regulärem Urlaub längere Ferienzeit auszugleichen. Doch manche Lehrkräfte arbeiteten in Unterrichtswochen bis zu 60 Stunden und schalteten vor allem in den kurzen Ferien nicht ab. Nach den Ergebnissen der Forscher klaffen die realen Arbeitszeiten von Lehrern weit auseinander: Besonders betroffen seien demnach ältere Kollegen und Teilzeitkräfte. Bei Grundschulen liegt die wöchentliche Ist-Arbeitszeit im Durchschnitt um 80 Minuten über dem Soll. Bei Gesamtschulen schrumpft die Abweichung auf drei Minuten.

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Die dienstliche Dauerbelastung sei „justiziabel“, sagte der GEW-Landesvorsitzende Eberhard Brandt und drohte damit indirekt mit dem Gang vor Gericht. Mit den Zahlen sei es aber endgültig „aus und vorbei mit den Versuchen, die Unterrichtsverpflichtungen zu mehren“, so Brandt. „Eine Arbeitszeitausweitung wird sich keine Regierung erlauben können“, sagte er mit Blick auf die Landtagswahl 2018. Der Philologenverband Niedersachsen forderte die Landesregierung auf, die „längst überfälligen Konsequenzen zu ziehen und die Arbeitszeit der Lehrkräfte umgehend zu senken“. Der Verbandsvorsitzende Horst Audritz erklärte, die Ergebnisse der Studie bestätigten eigene Untersuchungen.

Kultusministerin Frauke Heiligenstadt nannte die Erhebung einen möglichen „wichtigen Beitrag für die Diskussion um die Arbeitszeit von Lehrkräften“. Die SPD-Politikerin erneuerte ihre Ankündigung, ein Expertengremium zum Thema einzusetzen. Dabei werde die GEW-Befragung „angemessen berücksichtigt“ werden. Kurz vor den Sommerferien hatte das Ministerium mit einem Onlinefragebogen die Lehrkräfte nach der eigenen Belastung gefragt, eine Auswertung steht noch aus.

Nach Angaben der Forscher ist die Göttinger Erhebung die erste derartige Studien in Deutschland. Zwar gab es bereits zahlreiche Erhebungen zur Belastung von Lehrkräften, doch die seien über kürzere Zeiträume gelaufen. Für die Schulformen Gymnasium, Grund- und Gesamtschule sind die Ergebnisse demnach repräsentativ. Bei Haupt-, Real und Oberschulen, Förderschulen und Berufsbildenden Schulen reichte die Teilnehmerzahl hingegen nicht aus für eine repräsentative Studie. Projektleiter Frank Mußmann sprach von „Pilotstudien“. Freilich kommen die auch zu anderen Ergebnissen: Demnach liegen die Realzahlen bei den Berufsbildenden Schulen um 68 Minuten unter dem von den Forschern errechneten Soll, bei den Förderschulen um 111 Minuten und bei den Haupt-, Real- und Oberschulen sogar bei 228 Minuten.


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