Neue Vorgaben ab 2017 – Meyer im Emsland Tierschutz: In Niedersachsen gehen Enten bald wieder baden



Haselünne. Kein halbes Jahr mehr, dann dürfen Legehennen in Niedersachsen ihren Schnabel behalten. Und Enten sollen in Mastställen Zugang zu mehr Wasser bekommen. Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) spricht von Meilensteinen. Aber nicht alle Fragen sind geklärt.

Zwei Termine ganz nach dem Geschmack von Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne). In den Landkreisen Cloppenburg und Emsland, dem Herzen der Intensivtierhaltung in Nordwestdeutschland. Oder wie es bei den Grünen heißt: der Massentierhaltung. Ausgerechnet hier will Meyer den Erfolg seiner Tierschutzpolitik demonstrieren. Nicht in Biobetrieben, sondern bei einem konventionellen Entenmäster in Lindern und einem großen Legehennenbetrieb in Flechum bei Haselünne.

„Vorreiter in Sachen Tierschutz“

Von hier sendet Meyer am Donnerstag das Signal aus, dass seine anfangs skeptisch beäugten Vorhaben umsetzbar sind. Inmitten von schnatternden Enten und gackernden Hühnern und gemeinsam mit Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender des Lobbyverbandes der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGW), verkündet Meyer: „Niedersachsen ist in Deutschland, ja sogar europaweit Vorreiter in Sachen Tierschutz.“

Was der Minister sich auf die Fahnen schreibt, sind Dinge, die im sogenannten Tierschutzplan des Landes festgeschrieben worden sind: Zum einen der Verzicht auf das Schnabelkürzen bei Legehennen – Ende des Jahres laufen entsprechende Sondergenehmigungen für Brütereien aus. Schon jetzt, so gab das Ministerium bekannt, behalten 90 Prozent der in Niedersachsen geschlüpften Küken ihren Schnabel dran. Zum anderen artgerechtere Ställe für Enten, die trotz ihrer Einordnung in die Gruppe der Wasservögel in den Mastställen mehr oder weniger auf dem Trockenen sitzen. (Weiterlesen: Prämien für Verzicht auf Schwanz- und Schnabelkürzen)

Mehr Wasser für die Enten

Ein Wasserbassin für die Jungenten. Foto: dpa

Bei Wilhelm Kollmer-Heitkamp sieht das anders aus. In seinem 4500 Tiere fassenden Stall in Lindern hängen spezielle Tränken von der Decke, in die die Tiere den gesamten Kopf hinein tunken können. Und in einer Ecke des Stalls stehen flache Wasserbassins zum Durchwatscheln. Die Enten sollen mehr Ente sein dürfen, bevor sie dann nach 42 Tagen zum Schlachthof gebracht werden.

„Da geht einem das Herz auf“, sagt Minister Meyer angesichts der Prototypen in dem Stall. So soll es spätestens Anfang kommenden Jahres in allen Entenbetrieben in Niedersachsen aussehen. Allerdings: die Technik und das Wasser kosten, etwa acht bis zehn Cent umgerechnet auf eine Ente, schätzt Kollmer-Heitkamp. Geld, das er nach eigenen Angaben bislang vorstrecken muss.

Das Problem kennt Landwirtskollege Heinz Lake, stolzer Besitzer eines Stalls für fast 40.000 Legehennen mit konventioneller Freilandhaltung in Flechum. Seine Tiere werden mit komplettem Schnabel eingestallt. „Ein Haufen Arbeit“ sei das, so Lake. Denn er muss verhindern, dass sogenanntes Federpicken im Stall ausbricht. Genau davor hatten die Kritiker Meyers vor einigen Monaten noch gewarnt. Der Minister riskiere Massaker im Stall, hieß es, wenn er 2016 tatsächlich Schluss mache mit dem Schnäbelkürzen. Sogar ein Boykott des Verbots stand im Raum. (Weiterlesen: Schnabelkürzen: Boykottieren Bauern den Verzicht?)

Picken bis die Henne tot ist

Hennen picken nicht nur nach Futter, sondern auch nach den Federn ihrer Artgenossen. Manchmal so lange und intensiv bis das Gegenüber tot ist. Im wahrsten Wortsinn gerupfte Hühner sind dafür sichtbarstes Indiz. Doch bei Lakes in Flechum haben an diesem Donnerstag alle Tiere ein weitgehend intaktes Federkleid. Allerdings sind die Tiere noch recht jung, Federpicken tritt laut Forschung gehäuft in fortgeschrittenen Lebensphasen auf. (Weiterlesen: Verzicht aufs Schnabelkürzen: Drohen Massaker im Stall?)

Um das zu verhindern, war den Tieren über Jahrzehnte kurz nach dem Schlüpfen der Schnabel gekürzt worden – ein schmerzhafter Eingriff, so Meyer. Er will nicht, dass die Tiere den Ställen angepasst werden. Deswegen bleibt bei Lakes der Schnabel dran. Damit die Hühner trotzdem nicht aufeinander losgehen, bekommen sie beispielsweise Picksteine. Zudem wird der Bestand häufig kontrolliert, ein teureres Futter verwendet. Bislang ist bei Lakes alles gut gegangen, aber der grüne Minister weiß: „Es gehört dazu, dass auch mal etwas misslingt.“ Die Sorge in der Branche ist da, dass mit der Umstellung im kommenden Jahr etwas aus dem Ruder laufen könnte. Wie soll man den Verbrauchern dann die Bilder von gerupften statt glücklichen Hühnern erklären? (Weiterlesen: Streit ums Schnabelkürzen: Eier-Lobby warnt vor Fiasko)

Drei Cent mehr pro Ei?

Heinz Lake treibt zudem die Frage um, wie er die Mehrarbeit finanzieren soll. „Mit dem vorhandenen Eier-Preis kommen wir nicht hin“, sagt er geradeheraus. Drei Cent mehr pro Ei gilt als notwendig, damit die Zusatzkosten gedeckt sind. Verbandschef Friedrich-Otto Ripke appellierte an den Einzelhandel, die Geflügelhalter nicht im Stich zu lassen. Zudem müssten die niedersächsischen Vorgaben möglichst europaweit gelten. „Auf der selben Grundfläche, auf der wir in Niedersachsen 20.000 Legehennen halten, leben in Polen 200.000 Tiere verteilt auf zehn Etagen“, warnte er vor billigerer Konkurrenz aus unmittelbarer Nachbarschaft.

Meyer und Ripke sind sich einig, dass die Eier-Herkunft auf Verpackungen verpflichtend gekennzeichnet werden muss – gerade dann, wenn das Ei verarbeitet wird. Beispielsweise in Kuchen oder Nudeln kommen häufig Billigeier aus dem Ausland zum Einsatz. „Der Verbraucher muss auf der Verpackung erkennen, dass es den Tieren gut geht“, sagt der niedersächsische Minister und sieht seinen Kollegen auf Bundeseben in der Pflicht zu handeln. Was sein Bundesland jedenfalls geleistet habe in Sachen Tierschutz sei ein „Meilenstein“. Die eine große Sorge aber bleibt – egal ob Enten oder Legehennen: Wer wird dafür bezahlen? (Weiterlesen: Warum Geflügelhalter in der Krise so schweigsam sind)


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