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GB zweitgrößter Abnehmer Brexit kostet womöglich Arbeitsplätze in Niedersachsen

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Osnabrück. Die Briten haben am Mittwoch für den Brexit gestimmt, die wirtschaftlichen Folgen sind noch nicht absehbar – auch nicht für Niedersachsen. Doch Experten befürchten Jobverluste.

  • Nach dem Votum der Briten für den Brexit befürchten Niedersachsens Politik und Wirtschaft Umsatzeinbußen für die Unternehmen im Land sowie Arbeitsplatzverluste.
  • Denn wirtschaftliche sind Großbritannien und Niedersachsen eng verbunden: 2015 lieferten Niedersachsens Unternehmen Waren im Wert von 7,1 Milliarden Euro über den Ärmelkanal. Nur in die Niederlande gingen mehr Warenwerte.
  • Die Werte der exportierten Waren sind in den vergangenen Jahren sogar stark gestiegen: von 3,9 Milliarden Euro in 2009 auf 7,1 Milliarden Euro in 2015. Der Wert der Importe nach Niedersachsen belief sich 2015 auf 3,3 Milliarden Euro.

Lies: Brexit ein „historische Fehler“

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies nannte die Entscheidung der Briten einen „schweren, historischen Fehler“. Er rechne mit negativen Folgen für die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen. Noch nicht abzusehen sei, inwieweit das Arbeitsplätze kosten werde, teilte das Ministerium auf Anfrage unserer Redaktion mit.

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IHK OS-EL-NOH: Auf andere Märkte ausweichen

Die Industrie- und Handelskammer Osnabrück - Emsland - Grafschaft Bentheim befürchtet negative wirtschaftliche Folgen durch den Brexit. „Für unsere Region ist Großbritannien ein wichtiger Auslandsmarkt“, sagt Hartmut Bein, Außenhandelsexperte bei der IHK, im Gespräch mit unserer Redaktion. Rund 350 Unternehmen hätten dorthin Geschäftsbeziehungen. Eine Umfrage aus dem April dieses Jahres habe ergeben, dass nun rund ein Drittel mit Umsatzeinbußen rechne. „Schließlich ist unklar, ob es ein Handelsabkommen geben wird, aber erst einmal werden wir wieder eine Zollgrenze haben“, sagt Bein. Unter Umständen könne das in unserer Region Arbeitsplätze kosten, doch diese Prognose sei noch schwierig abzugeben. „Eventuell müssen wir auf andere Märkte ausweichen“, sagt der Außenhandelsexperte, etwa in den Iran.

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Für 7,1 Milliarden Euro exportiert

Der mit rund 5,3 Milliarden Euro größte Anteil der Exporte über den Ärmelkanal entfiel auf Enderzeugnisse. Allein die Autoindustrie lieferte Waren im Wert von 3,6 Milliarden Euro. Allerdings handele es sich bei den Zahlen noch um vorläufige Ergebnisse, sagt Uwe Rode vom Landesamt für Statistik im Gespräch mit unserer Redaktion.

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Bei Importen Platz sechs

Der Wert der Exporte überstieg 2015 den Wert der Importe um mehr als das doppelte. Niedersachsen importierte 2015 Waren im Wert von rund 3,3 Milliarden Euro aus Großbritannien – Platz sechs. Rund ein Drittel entfielen auf Erdöl- und Erdgaseinfuhren. Weitere 14 Prozent entfielen auf Pkw und Pkw-Komponenten.

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Auch IHK Ostfriesland/Papenburg besorgt

Besorgt äußert sich auch der Außenhandelsexperte der IHK Ostfriesland und Papenburg, mahnt zugleich aber zur Besonnenheit. „Zwei Jahre läuft ja nun erst einmal alles weiter, wie es ist“, sagt Murat Özdemir im Gespräch mit unserer Redaktion. Rund 200 Unternehmen in seinem Bezirk pflegten Geschäftsbeziehungen nach Großbritannien. „Das hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt“, sagt Özdemir. Mittel- und langfristig hingen Umsatzentwicklung und Arbeitsplätze von Abkommen wie einem Freihandelsabkommen ab, sagt der Experte.

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Gert Stuke, Präsident der IHK Oldenburg, nannte den Brexit eine Zäsur. Auch er äußerte sich besorgt. Kurzfristig sei damit zu rechnen, dass der Export deutscher Produkte über den Ärmelkanal durch die massive Abwertung des Pfunds schwieriger werde, teilte Stuke mit. Langfristig müssten sich die Unternehmen auf mehr Bürokratie bei Ein- und Ausfuhren einstellen.

VW und Conti: Brexit beherrschbar

Volkswagen hält die Brexit-Folgen für wahrscheinlich beherrschbar. „Es ist zu früh, alle Auswirkungen auf die Aktivitäten des Unternehmens zu bewerten“, hieß es aus der Konzernzentrale in Wolfsburg. Man sei jedoch gut aufgestellt, um VW „an sich verändernde wirtschaftliche und politische Umstände anzupassen“.

Der Reifenhersteller und Autozulieferer Continental erwarte nur geringe Konsequenzen für sein Geschäft, sagte Unternehmenschef Elmar Degenhart.

Auch die Unternehmerverbände Niedersachsen sorgen sich um die Zukunft. „Alle Vorteile der EU, inklusive dem freiem Warenverkehr, stehen nun zur Disposition. Wir befürchten, dass der bilaterale Handel durch vermehrte Bürokratie und Kosten leiden wird“, teilte der Verband mit.

Weil: Bitter für Niedersachsen

Ministerpräsident Stephan Weil nannte den Brexit „bitter für Europa, bitter für Großbritannien und bitter für Niedersachsen“. Der Austritt aus der EU sei „ziemlich unvernünftig, da muss man nicht drum herum reden“, teilte Weil mit. Landtagspräsident Bernd Busemann sagte: „Das große Projekt Europa insgesamt ist in Gefahr.“ Auch die Unternehmerverbände Niedersachsen sorgen sich um die Zukunft. „Alle Vorteile der EU, inklusive dem freiem Warenverkehr, stehen nun zur Disposition. Wir befürchten, dass der bilaterale Handel durch vermehrte Bürokratie und Kosten leiden wird“, teilte der Verband mit.

Exporte stark gestiegen

Wie wichtig Großbritannien für Niedersachsen als Handelspartner ist, zeigen die Zahlen der vergangenen Jahre. 2009 belief sich der Wert der exportierten Waren auf rund 3,9 Milliarden Euro. 2012 – nach der Bankenkrise – waren es 5,4 Milliarden Euro, 2015 dann 7,1 Milliarden Euro. „Ab 2010 haben sich die Länder nach der Bankenkrise wieder erholt“, erklärt Monika Güntzel den niedrigen Wert in 2009. Im Jahr zuvor hatte der Wert noch 5,4 Milliarden Euro betragen.

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