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Mordserie in Krankenhaus Ermittler rechnen Niels H. noch mehr Taten zu

Von Katrin Zempel-Bley

Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. – hier 2014 beim Prozess im Landgericht Oldenburg – soll weitaus mehr Menschen auf dem Gewissen haben als bisher angenommen. Foto: dpaDer ehemalige Krankenpfleger Niels H. – hier 2014 beim Prozess im Landgericht Oldenburg – soll weitaus mehr Menschen auf dem Gewissen haben als bisher angenommen. Foto: dpa

Oldenburg. Der wegen Mordes an Patienten verurteilte Ex-Pfleger Niels H. ist den Ermittlern zufolge wahrscheinlich für den Tod von Dutzenden Menschen verantwortlich. Von 99 exhumierten ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst seien bei 27 Rückstände eines Herzmedikaments entdeckt worden.

„Das Grauen hört nicht auf“, so fasste Johann Kühme, Präsident der Polizeidirektion Oldenburg, die aktuellen Ermittlungen zum Fall Niels H. zusammen. Polizei und Staatsanwaltschaft gaben am Mittwochvormittag neueste Ermittlungsergebnisse im Fall des Delmenhorster Krankenpflegers bekannt, der bereits wegen Mordes an mehreren Patienten verurteilt ist.

„Wir gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Opfer von Niels H. deutlich höher ist “, erklärte der Chef der ermittelnden Sonderkommission (Soko), Arne Schmidt. Zurzeit scheint es, als ob der heute 39-Jährige für mindestens 33 Todesfälle im Städtischen Krankenhaus Delmenhorst verantwortlich ist. Dabei handelt es sich um sechs Fälle, für die er bereits vom Landgericht Oldenburg zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, und weitere 27 Fälle, bei denen ein dringender Tatverdacht besteht. Sieben Fälle stehen noch aus.

Darüber hinaus wird Niels H. verdächtigt, auch für Todesfälle im Klinikum Oldenburg verantwortlich zu sein, wo er von 1999 bis 2002 gearbeitet hat. Staatsanwaltschaft und Soko haben einen unabhängigen Gutachter beauftragt, der die Sterbefälle im Klinikum Oldenburg untersucht, bei denen Niels H. Dienst hatte. „Der Gutachter untersucht derzeit einige hundert Akten, sodass wir im Augenblick nicht wissen, wie viele Todesfälle es sind“, sagte Soko-Chef Schmidt.

„Zu neun Sterbefällen sind diese Untersuchungen abgeschlossen. Derzeit besteht dringender Tatverdacht in sechs Fällen, wobei die Ermittler in vier Fällen von Kaliumvergiftungen und in zwei von Ajmalinvergiftungen ausgehen“, so Schmidt. Möglicherweise hat Niels H. also auch andere Medikamente verwendet, um reanimationspflichtige Zustände herzustellen. Das wird derzeit ermittelt und macht die Lage nicht einfacher.

Parallel dazu wird untersucht, ob strafrechtliche Verfehlungen von Krankenhausmitarbeitern vorliegen. Konkret gibt es insgesamt acht Beschuldigte, fünf Mitarbeiter des Delmenhorster Krankenhauses und drei des Klinikums Oldenburg, wo der Vorwurf Totschlag durch Unterlassen geprüft wird. „Im Klinikum Oldenburg wusste man von den Auffälligkeiten. Warum Polizei und Staatsanwaltschaft nicht eingeschaltet wurden, weiß ich nicht“, sagte Kühme. „Vielleicht war das Ansehen des Hauses wichtiger als das Wohlergehen der Patienten. Auf jeden Fall hätten Morde in Delmenhorst verhindert werden können.“

Auch in Delmenhorst gab es 2003 laut Arne Schmidt Indizien für eine nicht fachgerechte Behandlung, die sich 2005 verdichteten. „Ob dieses Unterlassen als Totschlag zu werten ist, prüft gegenwärtig die Staatsanwaltschaft. Auf jeden Fall hätten Taten verhindert werden können“, erklärte Soko-Leiter Schmidt.

Sowohl er als auch die Staatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann haben Niels H. im Gefängnis mit den Ergebnissen konfrontiert und vernommen. „Er will behilflich sein“, berichtete die Staatsanwältin. Außerdem habe er abweichend zur Schwurgerichtsverhandlung die Taten in Delmenhorst voll umfänglich eingeräumt , könne sich aber nicht an alle Fälle erinnern: „Nur an solche, wo besondere Vorkommnisse waren.“ Entgegen den Vermutungen, Niels H. habe erst einige Monate nach seinem Arbeitsbeginn in Delmenhorst mit dem Morden begonnen, wissen die Ermittler jetzt, dass er bereits nach einer Woche den Tod von Patienten billigend in Kauf genommen hat.

Um seinen Kollegen und den Ärzten zu imponieren, habe er Patienten absichtlich in reanimationspflichtige Zustände gebracht, berichtete er gegenüber den beiden Ermittlern. Und wie sich jetzt offenbar herausstellt, könnte es Patienten geben, bei denen er sogar mehrfach Hand angelegt hat. Das heißt, sie überlebten seine Mordversuche zunächst, starben aber Stunden später. Deshalb konzentrieren sich die Ermittler nicht nur auf Sterbefälle in den Dienstschichten von Niels H., sondern auch in denen danach.

Fakt ist, dass es in seinen Dienstzeiten zu Mehrfachsterbefällen gekommen ist. Die Zahlen sind signifikant. Welche Sterbefälle tatsächlich auf sein Konto gehen, wird also weiter untersucht. „Ganz sicher werden die Ergebnisse am Ende nicht sein“, räumte Soko-Chef Schmidt ein. Allein deshalb nicht, weil in der fraglichen Zeit im Krankenhaus Delmenhorst 101 Patienten feuerbestattet wurden und kein Nachweis mehr möglich ist. 184 wurden erdbestattet. „Das macht die Größe des Dunkelfeldes deutlich. Wir werden die ganze Dimension seines Tuns also nie wirklich kennen“, so Schmidt.

„Niels H. ist ein Massenmörder“, stellte Oberstaatsanwalt Thomas Sander klar. „Wir können uns nicht auf ihn und seine Aussagen verlassen. Sein unseliges Wirken wird von uns – soweit es noch möglich ist – komplett aufgeklärt, hier wird jeder Stein umgedreht“, versicherte Sander. Wann der Fall endgültig abgeschlossen sein wird, sei gegenwärtig vollkommen unklar. Polizeipräsident Kühme ergänzte: „Niels H. ist ein Einzelfall – jedenfalls in dieser Dimension. Er hat einen ganzen Berufsstand in Misskredit gebracht.“


Tod per Injektion – Wie Niels H. aufflog

  • 1999-2002: Der Pfleger arbeitet am Klinikum Oldenburg. Auf zwei Stationen ist er auffällig oft bei Wiederbelebungen dabei. Die Polizei untersucht dort zunächst den Tod von mehr als 20 Patienten.
  • 2003-2005: Niels H. arbeitet als Pfleger auf der Intensivstation am Klinikum Delmenhorst. Die Todesrate in der Abteilung verdoppelt sich in dem Zeitraum beinahe. Die Ermittler gehen dort zunächst mehr als 160 Fällen nach. Außerdem fährt der Pfleger in seiner Freizeit für die Rettungssanitäter im Kreis Oldenburg.
  • Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt den Mann im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat. Die Polizei ermittelt.
  • 2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt ihn wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.
  • 2008: Der Mann arbeitet von Januar bis Juli als Pfleger in einem Altenheim in Wilhelmshaven. Von März bis Oktober fährt er außerdem als Rettungssanitäter für das Deutsche Rote Kreuz in Wilhelmshaven.
  • Juni 2008: Das Landgericht verurteilt den Mann im Revisionsprozess zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs. Im Dezember wird das Urteil rechtskräftig. Das Berufsverbot tritt in Kraft.
  • 2012: Vor Mitgefangenen brüstet er sich mit weiteren Taten. Nach 50 Tötungen habe er aufgehört zu zählen, zitiert ihn später ein Zeuge.
  • Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen den Mann. Diesmal wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs. Der Prozess beginnt im September.
  • November 2014: Eine Sonderkommission der Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Es gibt mehr als 200 Verdachtsfälle in mehreren Städten.
  • Januar 2015: Der psychiatrische Gutachter verliest eine Erklärung des Angeklagten. Darin gesteht er 90 Taten am Klinikum Delmenhorst. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.
  • Februar 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft. Außerdem wurde die besondere Schwere der Schuld festgestellt.
  • März 2015: Auf einem Friedhof in Ganderkesee werden acht Gräber geöffnet. Bis Juni werden in Delmenhorst weitere 21 Leichen ausgegraben. Dabei werden mindestens zehn weitere Opfer entdeckt.
  • Juni 2016: Die Ermittler gehen davon aus, dass Niels H. für mindestens 33 Todesfälle verantwortlich ist. Bei 27 von inzwischen 99 exhumierten ehemaligen Patienten des Klinikums Delmenhorst werden laut Polizei Rückstände eines Herzmedikaments entdeckt, dass der Pfleger den Patienten absichtlich gespritzt haben soll. (dpa)

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