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Milchpreisgefälle in Deutschland Niedrige Milchpreise: Bauern in der Region besonders arm dran


Osnabrück. In der Milchkrise geht es vielen Bauern schlecht. Und einigen noch schlechter. Landwirte in Norddeutschland erhalten für den Liter Milch teilweise deutlich weniger als ihre Kollegen aus dem Süden. Am Montag soll ein Milchgipfel in Berlin bei Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt Linderung bringen. Experten haben Zweifel, dass das Treffen etwas bringt.

Die letzten amtlichen Zahlen stammen aus dem März. Nach Statistik des Bundesamtes für Landwirtschaft und Ernährung erhielten die Bauern in Niedersachsen im Schnitt 24,29 Cent pro Liter abgelieferter Milch. Weniger gab es nur in Schleswig-Holstein mit 23,49 Cent. Im Süden waren es vier Cent mehr. Nicht viel auf den ersten Blick. Aber in der Krise zählt jeder Cent.

Milchpreise weiter gefallen

Nun sind die Milchpreise bekanntermaßen weiter gefallen. Von unter 20 Cent war zuletzt die Rede. Und weiterhin erhalten die Bauern im Norden am wenigsten. Woran liegt das? Ottmar Ilchmann ist selbst Milchviehhalter und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Für ihn sind die Molkereien im Norden schuld an der Preismisere und dem Preisgefälle. „Die haben auf günstig herzustellende Massenware wie Milchpulver und Standardkäse für den Weltmarkt gesetzt und sind damit jetzt richtig abgeschmiert“, sagt Ilchmann. „Höherpreisige Qualitätsmarken kommen dagegen eher aus Süddeutschland.“ (Weiterlesen: Was der niedrige Milchpreis mit den Bauern macht)

Außerdem sei die Molkereistruktur beispielsweise in Bayern feingliedriger als im Norden, wo Marktführer DMK dominiert. Im Süden müssten sich die Unternehmen um Milchviehhalter bemühen, im Norden gebe es keine Alternativen. „Qualität und Vielfalt zahlt sich aus, für die Verbraucher und für uns Bauern“, sagt Ilchmann.

Gut verdient durch Export

Das so kritisierte Genossenschaftsunternehmen DMK, dem nach eigenen Angaben 8900 Milcherzeuger angeschlossen sind, verweist auf Anfrage weiter an den Milchindustrieverband. Ein Sprecher bestätigt: Im Süden gebe es mehr Privatmolkereien, die viel Geld in starke Marken stecken. Der Norden arbeite eher exportorientiert und setze sich damit der „Volatilität der Märkte“ aus, sprich: schwankende Weltmarktpreise oder schwankende Wechselkurse. „So gab es auch Zeiten, wo der Norden besser auszahlte als der Süden“, betont der Verbandssprecher und führt ein weiteres Argument an: „Dazu kommt in Bayern die Nähe zum hochpreisigen Italien. Der Transport der Milch über den Brenner war eben viele Jahre sehr attraktiv.“ (Weiterlesen: Nach Preisverfall: Kartellamt durchleuchtet Milchmarkt)

Landvolk verteidigt Exportorientierung

Das Niedersächsische Landvolk verteidigt die Exportorientierung. Vizepräsident Albert Schulte to Brinke sagt: „Der Weltmarkt ist nicht böse.“ Jahrelang hätten die Landwirte im Norden ein gutes Auskommen erzielt, nun sorgten eine schwache Nachfrage in China, das Russland-Embargo und Überkapazitäten auf dem Weltmarkt dafür, dass der Preis gefallen sei. „Dieses Marktrisiko müssen wir Landwirte tragen“, so Schulte to Brinke. „Es ist eben nicht mehr egal, wenn heutzutage der viel beschworene Sack Reis in China umfällt.“ (Weiterlesen: Tiefe Sorgenfalten bei Milchbauern im südlichen Emsland)

Agrarökonom skeptisch vor Milchgipfel

Darauf weist vor dem Milchgipfel am Montag auch Agrarökonom Ludwig Theuvsen hin. Der Professor an der Universität Göttingen hat keine besonders großen Erwartungen an das Treffen von Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) mit Vertretern von Bauern, Handel und Molkereien. Theuvsen sagt: „Ein Gipfel hier, ein Gipfel dort – das weckt nur falsche Erwartungen. Die Politik in Deutschland hat weit weniger Handlungsspielraum als sie suggeriert. Wir reden schließlich über einen weltweiten Markt.“

Er warnt vor einseitigen Schuldzuweisungen. „Es gibt nicht den Schuldigen. Die Krise ist das Ergebnis einer Fülle von Einzelentscheidungen“, so der Experte. Kurzfristig sei jedenfalls keine Besserung in Sicht: „Es fehlt an starken Marktsignalen. Vor Herbst wird sich die Situation sicherlich nicht verbessern. Wohl nicht einmal mehr in diesem Jahr.“

„Branche muss Lehren ziehen“

Einen Ratschlag für die Milchwirtschaft hat er dann aber doch: „Die Branche muss Lehren aus der Krise ziehen: Man darf sich nicht von kurzfristigen Preishochs treiben lassen, sondern muss langfristig denken.“ Als der Milchpreis nämlich noch hoch war, weil der Export brummte, da haben viele Landwirte ihre Ställe erweitert. Angesichts des eingebrochenen Milchpreises geht die Rechnung aber nicht auf. Stattdessen fließt immer mehr Milch in den überfüllten Markt. Und an der verdienen die Bauern im Norden eben besonders wenig. (Weiterlesen: Milchproduktion steigt an: Mit Vollgas durch die Krise)

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Den deutschen Milchbauern machen seit Monaten massiv sinkende Preise zu schaffen. Eine Übersicht über wichtige Gründe:

HÖHERES ANGEBOT: Nach dem Ende der EU-Milchquote als Mengenschranke können die Bauern beliebig viel produzieren. In manchen EU-Ländern wie Irland und Polen schwollen die Mengen laut Bauernverband deutlich an. Und auch in den USA oder Neuseeland stieg die Produktion.

SCHWÄCHERE NACHFRAGE: Die Konjunktur in vielversprechenden Märkten schwächelt - etwa in China und in Ländern, die stark von Ölexporten abhängig sind. Das bremst auch die Geschäfte mit Milchprodukten.

POLITISCHE BARRIEREN: Russland hat als Reaktion auf EU-Sanktionen wegen der Ukraine-Krise einen Importstopp für Agrarprodukte verhängt. Dadurch bleibt mehr Milch auf dem EU-Markt, was die Preise schwächt.

PREISDRUCK DES HANDELS: Sinkende Weltmarktpreise registrieren auch die Supermarktketten, die mit den Molkereien Verträge schließen. Daraus folgten mehrere Preissenkungsrunden im Kühlregal. Kritiker monieren seit langem die Marktmacht der wenigen großen Handelsriesen. (von dpa)

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