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Zu schwere Aufgaben? Schüler protestieren gegen Mathe-Abi 2016

Von Julia Mausch

In Niedersachsen protestieren Schüler gegen die Aufgaben im Mathematik-Abitur 2016. Können jetzt Abiturienten auf eine bessere Bewertung hoffen? Foto: dpaIn Niedersachsen protestieren Schüler gegen die Aufgaben im Mathematik-Abitur 2016. Können jetzt Abiturienten auf eine bessere Bewertung hoffen? Foto: dpa

jma/fred/konk/dah Osnabrück. Zu umständlich formuliert, zu schwierig und viel zu umfangreich – scharfe Worte vom Verband der Elternräte der Gymnasien in Niedersachsen zum Mathematik-Abitur 2016. Landesweit protestieren Schüler gegen die Aufgaben. Können jetzt Abiturienten auf eine bessere Bewertung hoffen?

Das Postfach vom Verband der Elternräte ist voll, sehr voll. Täglich erhält Geschäftsführerin Petra Wiedenroth weitere Mails, genauer gesagt Beschwerden. „So eine Beschwerdewelle haben wir noch nie erlebt“, sagt sie. Eltern, Schüler und sogar Lehrer bringen ihren Unmut gegen die Abiturprüfung im Fach Mathematik zum Ausdruck. Laut Wiedenroth kamen die ersten Beschwerden bereits einen Tag nach der Prüfung, am 30. April 2016, über Christi Himmelfahrt stieg die Zahl.

„Aufgaben waren nicht vollständig lösbar“

Zwei Mal habe bereits der Verband den Kontakt zum Ministerium gesucht, am Anfang sei die Kritik nicht ernst genommen worden, nachdem sich der Verband nun aber an die Öffentlichkeit gewandt hat, erhält nun auch das Kultusministerium immer mehr Beschwerden. Teilweise in seitenlangen Stellungnahmen bekräftigen Lehrer und Schüler die Unverhältnismäßigkeit dieser Prüfung im Vergleich zu vorherigen Jahrgängen. Der Schwierigkeitsgrad der Klausur und der vorgegebene Zeitrahmen werden laut dem Verband als nicht angemessen eingestuft. „Sie erscheinen zu komplex, sind durchgängig mit zu viel Text überfrachtet und kaum in angemessener Zeit erfassbar und nicht vollständig lösbar“, sagt Geschäftsführerin Petra Wiedenroth.

Wurde Stoff abgefragt, der nicht abgefragt werden durfte?

Besonders problematisch: In den Mails, denen dem Verband und dieser Zeitung vorliegen, wird auch von einzelnen Aufgaben berichtet, die thematisch in den Kerncurricula (KC) nicht behandelt wurden. Trifft das zu, wurde im Abitur Stoff abgefragt, der gar abgefragt werden durfte. Ein Lehrer schreibt: „Im grundlegenden Niveau teilen wir die Einschätzung, dass die Pflichtaufgabe P2 nicht mit dem gültigen Kerncurricula kompatibel ist, da die Grundlage der Aufgabe eine Funktionenschar mit e-Funktion ist – diese Funktionenscharen sind im Kerncurricula eindeutig nur dem erhöhten Niveau zugeordnet.“

Verband rechnet mit schlechten Noten

Nicht nur leistungsschwächere Schüler sind entsetzt über die Aufgabenstellungen. „Interessant ist auch, dass die Kritik gerade von den Schülern unterstützt wird, die über die vergangenen zwölf Schuljahre durchweg sehr gute Leistungen im Fach Mathematik gebracht haben“, heißt es in einem Schreiben an den Verband der Elternräte. Zwei dieser Schüler sollen laut den Beschwerdebriefen an Bundeswettbewerben in Mathematik teilgenommen haben und sind entsetzt über die Abiprüfung. Ihr Lehrer schreibt: „Ich würde sagen, mit durchweg 13 bis 15 Punkten in Mathe kann man behaupten, dass diese beiden das Fach verstanden haben und es als Kursbeste beherrschen.“ Laut Petra Wiedenroth geht der Verband davon aus, dass die Prüfung Ergebnisse hervorbringt, die erheblich unter dem Durchschnitt liegen. „Wir gehen davon aus, dass das Ergebnis der Abiturnote im Durchschnitt mindestens drei Punkte unter der bisherigen Leistung liegt.“ Ähnliche Denke in Delmenhorst. „Die Vornoten der Schüler werden in keiner Weise bestätigt werden“, sagt der Oberstufenleiter der Integrierten Gesamtschule in Delmenhorst, Jörg Heintzel, voraus. „Die Aufgabenformate waren von Beginn an so komplex, dass die Schüler keine Zeit hatten, sich einzuarbeiten“, spricht er das hohe Niveau der Aufgaben an. Ferner nennt Heintzel zeitliche Not der Schüler. Ein Zeitfenster, Fehler zu entdecken und zu korrigieren, habe es praktisch nicht gegeben, die Kritik einiger Eltern an die Mathe-Prüfungen sei darum berechtigt. Schulleiter Ingo Fricke sagte, die Problematik ums Mathe-Abi werde sich nicht ändern, solange es das Zentralabi gebe.

Osnabrücker Schulen: Folgen durch schlechte Reputation

„Mathe ist mir zu schwer, das wähle ich nicht“, ein Satz den Lothar Wehleit, Schulleiter des Osnabrücker Ratsgymnasiums gerne vermeiden würde, sagt er. Doch gerade jetzt werde der Ruf der Mathematik als „schweres Fach“ wieder angefeuert. „Was ich nicht verstehe: Dass das vermeintlich leichte Mathe-Abitur im letzten Jahr jetzt so viel schwerer gestaltet wurde“, sagt der Lehrer. Am Ratsgymnasium werde jetzt „sorgfältig darauf geachtet“, Schüler fair zu beurteilen.

Gerade im erweiterten Bereich haben die Lehrer der Osnabrücker Ursulaschule einen zu umfangreichen ersten Pflichtteil festgestellt, berichtet Schulleiter Rolf Unnerstall. „Dabei sollte eigentlich klar sein: Die Fähigkeiten eines Schülers ist nicht am Umfang messbar“, so Unnerstall. Auch er sieht die Reputation des Faches Mathematik in Gefahr. „Wir möchten, dass Schüler auch weiterhin das Fach Mathematik wählen“.

Lehrer sind enttäuscht

Nicht nur Schüler sind verärgert: „Unsere Lehrer sind sehr enttäuscht“, sagt Schulleiter Ulrich Schimke vom Gymnasium Oesede. Über zwei Jahre hätten sie ihre Schützlinge intensiv auf das Abitur vorbereitet. Dass Schüler das bisherige Noten-Niveau auch in der Prüfung halten können, sei in diesem Jahr „sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich“, so Schimke.

Der Verband der Elternräte der Gymnasien Niedersachsens habe eine Umfrage unter seinen Mitgliedern durchgeführt, berichtet Wolfgang Schaefer, Vorsitzender des Stadtelternrates Osnabrück. Die Osnabrücker stünden mit dem Landeselternrat in Verbindung. Schnelles Handeln im Ministerium sei erforderlich, damit etwaige Nachsteuerungen noch in die Ergebnisse einfließen.

Strategie des Kultusministeriums?

Dass die Prüfung so anspruchsvoll war, hält Petra Wiedenroth für eine Strategie. „Mint-Fächer sind nicht so beliebt bei Schülern“,sagt sie. Schüler wählen immer noch überwiegend Leistungskurse wie Deutsch, Englisch, Französisch, Kunst und Musik – Mathematik, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften und Technik dagegen selten. Zusätzlich gibt es deutschlandweit im MINT-Bereich einen Lehrermangel, der auch in Niedersachsen zu spüren ist. „Sollte das Anwahlverhalten im Fach wegen des Abiturs nun in Mathematik deshalb zurückgehen, werden auch weniger Lehrer künftig benötigt, dann hat das Ministerium keine Personalprobleme mehr“, so die Geschäftsführerin. Vorwürfe, zu denen sich das Kultusministerium auf Nachfrage dieser Zeitung bisher noch nicht geäußert hat.