Analyse geht von bis zu 1000 Toten aus Behörden simulieren Super-GAU in Niedersachsen

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 Osnabrück. Wie gut ist Deutschland 30 Jahre nach dem Atomunglück von Tschernobyl und fünf Jahre nach dem Gau in Fukushima auf einen nuklearen Unfall vorbereitet? Nicht gut genug, zeigt eine bislang kaum beachtete Risikoanalyse verschiedener Bundesbehörden. Am Beispiel des Atomkraftwerks Grohnde haben sie den Ernstfall durchgespielt.

  • Kommt es im Atomkraftwerk Grohnde zu einer vergleichbaren Kernschmelze wie in Fukushima, wären 40.000 Menschen dauerhaft obdachlos. Mit bis zu 1000 Toten ist zu rechnen.
  • Besonders betroffen wäre die deutsche Landwirtschaft von einem Gau. Die Produktion bricht quasi ein.
  • Die Analyse von 20 Bundesbehörden legt offen, dass nach wie vor Lücken im Katastrophenschutz klaffen.

Das Szenario: Am 24. Juli kommt es gegen sechs Uhr zu einem Zwischenfall in dem Atomkraftwerk im Landkreis Hameln-Pyrmont. Ein technischer Defekt. Sämtliche Sicherungssysteme versagen, eine Kernschmelze ist die Folge. Vom 25. bis zum 27. Juli tritt Radioaktivität ungehindert aus dem Reaktor aus. Eine radioaktive Wolke legt sich über weite Teile Deutschlands, innerhalb von zwei Wochen breiten sich die radioaktiven Stoffe über die gesamte Nordhalbkugel der Erde aus.

 

20 Behörden involviert

In der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse, kurz Ines, wäre das ein Zwischenfall der Stufe 7, ein „katastrophaler Unfall“. Erst zwei Mal hat es das in der Geschichte der Kernkraft gegeben: In Tschernobyl und in Fukushima. Was wären hierzulande die Folgen eines solchen Unfalls und wie gut ist die Bundesrepublik darauf vorbereitet? Die Antwort liefert die „Risikoanalyse Freisetzung radioaktiver Stoffe aus einem Kernkraftwerk“, an der 20 Bundesbehörden mitgewirkt haben und die das Bundesamt für Bevölkerungsschutz vor Kurzem veröffentlicht hat. (Weiterlesen: Atomkraftwerk Emsland: Behörden versagen bei Super-GAU-Test)

 “Technisch möglich“

 „Technisch möglich aber mit einer äußerst geringen Wahrscheinlichkeit“, so bewerten die Experten ihr gewähltes Szenario, das sich vor allem am Unglück von Fukushima orientiert. Der Gau im Jahr 2011 hat gezeigt: Mag etwas noch so unmöglich erscheinen, es kann passieren.

 Nun beginnen die Probleme der deutschen Behörden bei ihrer Simulation eines vergleichbaren Ereignisses bereits damit, dass die Notfallpläne hierzulande immer noch nicht auf dem neusten Stand sind. Nach Fukushima hatten Experten eine deutliche Ausweitung von Schutzzonen rund um Atomkraftwerke gefordert, aus denen Menschen innerhalb einer gewissen Zeit evakuiert oder aber zur Einnahme von Jod-Tabletten aufgefordert werden sollen.

Notfallpläne auf altem Stand

 

Auch nach fünf Jahren ist das noch nicht in die Tat umgesetzt. Und es wird noch einige Zeit dauern, bis es so weit ist, offenbart eine Nachfrage im niedersächsischen Innenministerium. Ein entsprechender Erlass auf Basis der neuen Richtlinien solle im Sommer ergehen, heißt es. Auf den warten wiederum die Landkreise als Unter Katastrophenschutzbehörden. Erst danach können sie sich daran machen, ihre Notfallpläne für einen Gau neuzuschreiben. Und auch das wird noch viel Zeit kosten. (Weiterlesen: Neuer Notfallplan für AKW Emsland erforderlich)

90.000 Menschen zu evakuieren

 

Die Simulation am Beispiel Grohnde erfolgte auf Basis der neuen Richtlinien. Ansonsten, heißt es in der Analyse, wären Schäden und Konsequenzen für die Bevölkerung gravierender ausgefallen. Auch so sind die Ergebnisse dramatisch: 90.000 Menschen müssten aufgrund der vorherrschenden Windrichtung und der ausströmenden Radioaktivität evakuiert werden. Die Behörden rechnen mit „unkontrollierbaren Fluchtströmen“, die auch außerhalb der gefährdeten Gebiete einsetzen – bis hin zu Menschen, die kurzfristig Flughäfen stürmen, um Deutschland zu verlassen. Immerhin: eine Massenpanik erwarten die Experten nicht. (Weiterlesen: Wie sieht es heute in Fukushima aus?)

Es fehlt an spezialisierten Ärzten

 

40.000 Menschen müssten ihr Zuhause wohl für immer verlassen, weil es in einer 270 Quadratkilometer großen Sperrzone liegt. Hier ist die Strahlung nach dem Unfall gesundheitsgefährdend hoch. Betreten verboten. In der Analyse wird bemängelt, dass es keinen Plan gibt, wie eine so große Zahl an Menschen innerhalb Deutschlands umgesiedelt werden kann. Ohnehin fehle es an Ärzten und Einrichtungen, um mögliche Strahlenkranke zu behandeln. „Experten sind in Deutschland kaum zu finden.“ Eventuell käme es unmittelbar nach der Katastrophe auch zu einem Engpass an Rettungskräften. „Viele potenzielle Einsatzkräfte werden möglicherweise aus Ungewissheit über das eigene Gesundheitsrisiko nicht ausrücken.“

 

Todesursache Nummer eins: Suizid

Die Zahl der Toten in Folge des Atomunfalls schätzen die Behörden auf bis zu 1000. Die wenigsten würden allerdings der Strahlung zum Opfer fallen. Als Haupttodesursache vermuten die Experten Suizide von Menschen, die durch die Nuklearkatastrophe alles verloren haben – auch ihren Lebensmut. Besonders auf die psychologischen Folgen des Unglücks sei das Gesundheitssystem nicht vorbereitet, so ein Zwischenfazit. Zudem sei ungeklärt, ob Menschen aus dem Katastrophengebiet eine Entschädigung zustünde.

 

Landwirtschaft bricht zusammen

Auch wer nicht unmittelbar von dem Gau betroffen ist, wird die Auswirkungen laut Analyse zu spüren bekommen: Die Behörden erwarten, dass Deutschland in eine Rezession schlittert. Der Hauptgrund: Der Agrar- und Lebensmittelsektor kollabiert. 60 Prozent der bis dato landwirtschaftlich genutzten Fläche in Deutschland wären mehr oder minder stark radioaktiv kontaminiert.  Die Lebensmittelproduktion in Deutschland käme zum Erliegen, weil Kunden heimische Produkte aus Angst vor Strahlung meiden würden – selbst dann, wenn Grenzwerte unterschritten würden.

25 Prozent der Milchproduktion würden wegbrechen, weil Kühe Radioaktivität über das Futter aufnehmen. Gleiches gelte für 40 Prozent der Rindfleischproduktion. Die Prognose der Behörden: Innerhalb kürzester Zeit wird sich Deutschland vom Netto-Agrarexporteur zum Importland wandeln.


Mit der Anpassung der Richtlinien für einen Atomunfall müssen die Behörden fast überall in Niedersachsen Vorkehrungen für die Verteilung von Jod-Tabletten an Menschen bis 45 Jahre treffen.

Hintergrund ist die deutliche Ausweitung der Sicherheitszonen um Kernkraftwerke nach dem Unfall im japanischen Fukushima. Die sogenannte Außenzone wird dabei auf 100 Kilometer erweitert, in der Jod-Tabletten für die Bevölkerung vorgehalten werden müssen.

Weit aufwendiger sind die Maßnahmen in der Mittelzone: Binnen 24 Stunden müssen die Behörden eine Evakuierung der Bevölkerung aus diesem Gebiet sicherstellen. Im Emsland sind davon laut Innenministerium etwa 200.000 Menschen betroffen, beim Standort Grohnde etwa 175.000.

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