Brennelementefabrik ANF Atomfabrik in Lingen: Weniger Jobs, mehr Nukleartransporte?



Lingen. Der Atomausstieg in Deutschland ist beschlossene Sache und doch produziert die Brennelementefabrik in Lingen weiter das Ausgangsmaterial, ohne das kein Kernkraftwerk laufen würde: Brennstäbe. Auch die Pannenreaktoren Doel in Belgien und Fessenheim in Frankreich werden aus dem Emsland beliefert. Atomkraftgegner fordern die Schließung der Fabrik. Die hat auch so schon reichlich Probleme.

Seit 1979 produziert der Betrieb in Lingen. Mittlerweile unter dem Namen „Advanced Nuclear Fuels“, kurz ANF, ein Tochterunternehmen des kriselnden Areva-Konzerns. 30.000 Brennelemente mit mehr als fünf Millionen Brennstäben haben seitdem das Firmengelände nach Unternehmensangaben verlassen. Doch so viel Aufmerksamkeit wie in den vergangenen Monaten gab es selten. Mehrfach blockierten Atomkraftgegner die Zufahrt zum Gelände, in Hannover überreichten Vertreter von 185 Organisationen die sogenannte Lingen-Resolution, in der sie die sofortige Schließung der Fabrik und des angrenzenden Atomkraftwerks forderten. (Weiterlesen: Aktivisten blockieren Areva-Zufahrt in Lingen)

Produktion trotz Atomausstieg

Stand der Dinge ist, dass 2022 der Meiler in Lingen als einer der letzten in Deutschland vom Netz gehen muss. Die Fabrik im Schatten der Kühltürme aber darf weiter produzieren, genauso wie die Urananreicherungsanlage in Gronau. Sowohl Bundes- als auch Landesregierung haben mittlerweile erklärt, dass sich daran trotz Atomausstiegs nichts ändern lasse. „Wir haben eine unbefristete Betriebsgenehmigung“, betont ANF-Werksleiter Andreas Hoff. „Und solange wir uns an die Regeln halten, kann man uns die auch nicht entziehen“, ergänzt ANF-Direktor Peter Reimann. (Weiterlesen: Bundesregierung: Weiter Brennelemente aus Lingen)

Weiterer Stellenabbau in Lingen

Der Atomausstieg war für den emsländischen Betrieb ein harter Schlag, hatte er bis dato vor allem für den deutschen Markt produziert. Acht Atomkraftwerke fielen von heute auf morgen als Abnehmer aus, die restlichen Meiler laufen nach und nach aus. Bis heute knapsen die Lingener noch an den Folgen. Von 2011 bis heute hat sich die Mitarbeiterzahl von 350 auf rund 300 reduziert. „Das ist alles sozial verträglich geschehen. Es gab keine betriebsbedingten Kündigungen“, so Direktor Reimann. „Auf Dauer werden wir am Standort Lingen noch weitere Stellen abbauen müssen. Wie viele, ist derzeit aber noch unklar.“ Am Ende werde sich die Mitarbeiterzahl zwischen 200 und 300 einpendeln, sagt er. Auf Kündigungen soll dabei weiter verzichtet werden. Vorteil für ANF: Das Durchschnittsalter der Belegschaft in Lingen ist mit 49 Jahren recht hoch.

Bald 100 Prozent Export

Auch Kurzarbeit hatte es 2013 bereits gegeben, weil schlichtweg Arbeit fehlte. Die Brennelemente werden just-in-time auf Bestellung gebaut. Das Uran stellt dabei der Auftraggeber zur Verfügung. „Heute haben wir ein gleichmäßigeres Arbeitsaufkommen“, sagt Betriebsleiter Hoff. Die Fertigung der Brennelemente mache nicht mehr fast 100 Prozent, sondern nur noch 65 Prozent der Arbeit im Werk aus. So werden am Standort Lingen mittlerweile auch nicht benötigte Brennelemente aus abgeschalteten Atomkraftwerken für den Einsatz in anderen Meilern aufgearbeitet.

„Der Atomausstieg in Deutschland geht weiter“, sagt Reimann. Für die Produkte in Lingen müssen also Absatzmärkte außerhalb der Bundesrepublik erschlossen werden. 2015 gingen 70 Prozent der Brennelemente in den Export, dieses Jahr sollen es 85 Prozent sein. „Bis 2022 müssen wir dann bei 100 Prozent sein“, skizziert der ANF-Direktor den Zeitplan.

Mehr Atomtransporte?

Das bedeutet aber auch, dass die Zahl der Atomtransporter in der Region zunehmen wird. Bereits jetzt bilden die Fabrik in Lingen sowie die Anreicherungsanlagen in Gronau und dem niederländischen Almelo eine Art Atomdreieck. Hunderte Lkw mit Nuklearmaterial sind auf den Straßen unterwegs. In diesem Jahr waren es bereits 26 Transporte von Uran nach Lingen oder von Brennelementen aus Lingen zu den Atomkraftwerken. (Weiterlesen: Region ist Atomdreieck)

Brennelemente aus Lingen in Pannenreaktoren

Unter den Abnehmern befinden sich auch umstrittene Meiler, wie Doel und Tihange in Belgien oder Cattenom und Fessenheim in Frankreich. Alle sind für ihre Fehleranfälligkeit bekannt und bereiten den deutschen Nachbarn sorgen. Das niedersächsische Umweltministerium prüft derzeit, ob sich die Transporte aus Lingen an gewisse Abnehmer verbieten lassen. „Die Prüfung dauert an“, heißt es aus Hannover. In Branchenkreisen wird angezweifelt, dass ein entsprechendes Verbot vor Gericht Bestand hätte. (Weiterlesen: Brennelemente aus Lingen für Pannenreaktor Doel in Belgien)

Zu den Problemen in Deutschland kommt die Schieflage des ANF-Mutterkonzerns Areva. Der Konzern verzeichnete in der Vergangenheit hohe Verluste, 2014 waren es gut fünf Milliarden Euro. Um wieder auf die Spur zu kommen, muss konzernweit gespart werden. Auch Lingen dürfte davon nicht ausgenommen werden. „Ja, es herrscht Druck auf der Kostenseite. Aber der Standort Lingen als solcher steht derzeit nicht zur Disposition“, sagt ANF-Direktor Reimann und ergänzt: „Wir können keine Garantien geben. Aber ich sehe heute keinen Grund für Pessimismus.“

Der Betrieb geht also zum Ärger der Atomkraftgegner weiter. „Wir bereiten uns darauf vor, mehr im Fokus zu stehen“, sagt Reimann.


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