Bedford-Strohm zur AfD EKD: Menschenfeindliches mit Kirchenamt unvereinbar

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EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm, Foto: dpaEKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm, Foto: dpa

Osnabrück. Heinrich Bedford-Strom, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), äußert sich im Interview mit unserer Redaktion zur Alternative für Deutschland (AfD), zur Flüchtlingskrise und zum Reformationsjubiläum im Jahr 2017.

Herr Bedford-Strohm, die AfD hat bei den Landtagswahlen zweistellige Ergebnisse erzielt. Ist die Partei für einen Christen wählbar?

Wahlentscheidungen muss jeder selbst treffen. Wir als Kirche geben in öffentlichen Stellungnahmen immer wieder Grundorientierungen: das Gebot der Nächstenliebe, den Schutz der Schwachen, auch den Schutz der Fremdlinge, der in der Bibel eine zentrale Rolle spielt.

Ist das Programm der AfD kompatibel mit der Lehre der evangelischen Kirche?

Ich sage nochmal: Das muss man von der Sache her beantworten und sehr genau Fragen stellen im Hinblick auf das Programm, aber auch auf Äußerungen einzelner Personen der AfD. Etwa im Blick auf die Situation von Flüchtlingen. Hier muss deutlich sein, dass Menschen, die auf der Flucht sind, die Schlimmes erlebt haben, Schutz brauchen. Unser Verantwortungshorizont endet nicht an den deutschen Grenzen. Über all dies muss man ins Gespräch kommen.

Sollte jemand aus einem Gremium der evangelischen Kirche ausgeschlossen werden, wenn er Funktionsträger der AfD ist?

Wenn in Parteiprogrammen oder von Personen offen menschenfeindliche Positionen vertreten werden, ist dies mit einem Amt in unserer Kirche nicht vereinbar. Daher ist uns der Dialog so wichtig: Man muss über Grundorientierungen sprechen. Verbote helfen da im ersten Schritt nicht weiter. Aber es gibt deutliche Spannungen zwischen dem, was in vielen Äußerungen aus der AfD zum Ausdruck kommt und dem, was in den biblischen Quellen zum Ausdruck kommt, die für uns Christen zentral sind.

Die AfD beruft sich in ihrem Programm auch auf das christliche Abendland. Wie beurteilen Sie das?

Man kann sich nicht auf das christliche Abendland berufen, wenn man für die Abschottung Europas gegenüber Menschen auf der Flucht plädiert. Die Frage des Christlichen ist ja untrennbar mit der Person Jesus Christus verbunden. Er hat sich gerade mit den Fremden identifiziert. Christus spricht: „Ich bin fremd gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“ Der Kulturbegriff christliches Abendland hat also nur dann einen Wert, wenn man das Wort christlich auch mit Leben füllt.

Müssen die Menschen in der Flüchtlingskrise noch mehr mitgenommen werden?

Ich würde nicht von „mitgenommen“ sprechen in einem Land, in dem sich Millionen Menschen ganz selbstverständlich für Flüchtlinge engagieren. Das würde auch unterstellen, dass da jemand oben sitzt, der Menschen mitnehmen will, die etwas nicht verstanden haben. Dort, wo Fragen und Ängste sind, muss man ins Gespräch kommen, aber immer die Grundorientierungen im Hinterkopf haben, die uns als Land leiten. Da müssen wir klar sein. Es gibt keine Kompromisse, wenn es um Menschenrechte geht oder um die Menschenwürde.

Was ist zu tun, damit niemand in Deutschland das Gefühl hat, ihm gehe es wegen der Flüchtlinge derzeit schlechter?

Die Kirchen thematisieren seit Jahren die soziale Gerechtigkeit und weisen auf die große Ungleichheit zwischen arm und reich hin. Diese Ungleichheit hat sich verstärkt. Deswegen ist das ein wichtiges Thema. Aber das gilt unabhängig von der Flüchtlingsfrage.

2017 steht das Reformationsjubiläum an. Können die Feiern nicht zur Belastung für die Ökumene werden?

Ganz im Gegenteil! In den vergangenen Jahrhunderten gab es kein Reformationsjubliläum, das wirklich im ökumenischen Geist begangen worden wäre. Glücklicherweise wird es dieses Mal anders sein, und das ist ein historisches Ereignis. Vielleicht ist es das Wichtigste an diesem Jahr 2017, dass hier zum ersten Mal die beiden großen Kirchen in vielen gemeinsamen Veranstaltungen, aber vor allem im gemeinsamen Geist auf die Reformation zugehen. Mit Kardinal Marx habe ich mich in einem Briefwechsel verständigt über das gemeinsame Feiern und Gedenken 500 Jahre nach der Reformation.

Und wie wollen sie das Jubiläum konkret feiern?

Der Kern ist, dass wir es gemeinsam als großes Christusfest feiern wollen. Martin Luther selber hat damals die Reformation angestoßen, weil er neu auf Christus hinweisen wollte. Deswegen müssen wir 500 Jahre danach das Jubiläum auch so feiern, dass auch wir neu auf Christus hinweisen und uns gegenseitig die Verletzungen sagen und einander vergeben. Das wird in einem großen Gottesdienst passieren, wo wir Heilung von Gott erbitten wollen für die Wunden, die wir uns gegenseitig zugefügt haben. Das alles und vieles mehr lässt mich mit großer ökumenischer Hoffnung auf dieses Jahr 2017 zugehen.

In einer Woche ist Karfreitag und Ostern. Muss die Kirche den Menschen noch mehr erklären, was es mit diesen kirchlichen Feiertagen auf sich hat?

Wir müssen immer Auskunft geben über das, was Karfreitag und Ostern bedeuten, weil es zentral für unseren Glauben ist. Der christliche Glaube bringt gerade diese beiden Aspekte des Lebens so überzeugend zusammen: auf der einen Seite das Leiden, die Hoffnungslosigkeit, die Gewalt, die Verzweiflung, die Abgründigkeit des menschlichen Daseins - und gleichzeitig aber auch die Hoffnung. Das ist der Spannungsbogen zwischen Karfreitag und Ostern. Christus ruft am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der Sohn Gottes erfährt die Gottverlassenheit selbst und den Tod. Was könnte mir mehr das Gefühl geben, dass Gott mich auch in meinem Leiden und meinen Abgründen versteht? Es ist genau dieser Gott, der Christus auferweckt von den Toten.

Was bedeutet das für die Gegenwart?

Die Osterbotschaft gibt mir die tiefe Überzeugung, dass die Gewalt am Ende nicht das letzte Wort hat. Das ist in einer Zeit, in der wir so viel Terror, Gewalt und Hoffnungslosigkeit in der Welt erleben, mehr denn je eine starke und kraftvolle Botschaft.


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