Verdacht gegen Betrieb aus dem Emsland Ermittlungen: Sauen vor Schlachtung nicht ausreichend betäubt?

Nach dem Bauernhof kommt der Schlachthof. Hier werden Tiere betäubt, bevor sie dann getötet werden. Dabei kann es zu Fehlern kommen. Das Foto zeigt eine Sau mit ihren Ferkeln. Foto: imago stock&people/bikyNach dem Bauernhof kommt der Schlachthof. Hier werden Tiere betäubt, bevor sie dann getötet werden. Dabei kann es zu Fehlern kommen. Das Foto zeigt eine Sau mit ihren Ferkeln. Foto: imago stock&people/biky

Osnabrück. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt wegen möglicher Tierschutzverstöße gegen einen der größten Sauenschlachthöfe Deutschlands. Es besteht der Verdacht, dass Tiere aus wirtschaftlichen Gründen in dem Betrieb im Emsland nicht ausreichend betäubt worden sind und deswegen möglicherweise erhebliche Schmerzen vor ihrem Tod erlitten haben.

Die Staatsanwaltschaft bestätigte entsprechende Informationen unserer Redaktion. Details wollte eine Sprecherin mit Verweis auf die noch laufenden Ermittlungen aber nicht nennen. Fest steht: Derzeit erhält der Anwalt des Unternehmens aus dem Emsland Akteneinsicht. Danach soll ein tierschutzrechtliches Gutachten eingeholt werden, ob die Sauen tatsächlich ausreichend betäubt worden sind.

Das Unternehmen aus dem südlichen Emsland bezeichnet sich auf seinem Internetauftritt selbst als zweitgrößter Betrieb im Bereich Sauenschlachtung – hinter Marktführer Tönnies. Im Sommer 2015 erklärte der Firmeninhaber noch, er wolle die Schlachtkapazitäten auf 2000 Tiere pro Tag erhöhen. Nach damaligen Angaben arbeiten 34 Festangestellte sowie 40 rumänische Leibarbeiter für das Unternehmen.

Umkämpfter Markt

Sauenfleisch wird vor allem in der Wurstproduktion verwendet. Der Markt ist umkämpft. Zum einen ist die Zahl der Sauenhaltungen in Deutschland seit Jahren rückläufig. Zum anderen konkurrieren nur wenige Betriebe um die weiblichen Tiere, die dann an Schlachthöfe abgegeben werden, wenn sie nicht mehr ausreichend Ferkel werfen. Zuletzt hatte ein Zusammenschluss der Konkurrenten Westfleisch und Danish Crown für Aufsehen gesorgt. Sie wollen künftig gemeinsam unter dem Namen Westcrown im alten Gausepohl-Rinderschlachthof in Dissen Sauen schlachten. Die Umbauarbeiten laufen. Pro Jahr sollen hier 355.000 Tiere getötet werden. (Weiterlesen: Nach Gausepohl-Pleite: Bald Sauen-Schlachtung in Dissen)

600.000 Schweine unzureichend betäubt?

Betäubungsmethoden in Schlachthöfen sorgen immer wieder für Kritik, immer wieder sehen sich Betriebe mit dem Vorwurf konfrontiert, Tiere würden bei Bewusstsein geschlachtet. Katrin Pichl vom Tierschutzbund sagt: „Studien haben gezeigt, dass etwa 600.000 Schweine im Jahr entweder von vornherein nicht ausreichend betäubt werden oder im Laufe des Schlachtprozesses das Bewusstsein wiedererlangen.“ Dies mache etwa ein Prozent der jährlich geschlachteten Tiere aus. Besonders anfällig sei der Einsatz von Strom: Hier gebe es bei etwa 3,8 Prozent der Schweine Probleme.

Laut Pichl müssten Kopf- und Herzregion für mehrere Sekunden Elektrobetäubt werden. Das Tier erleide eine Art epileptischen Schock und verliere dadurch das Bewusstsein. Weil die Schweine dabei aber häufig krampften, sei für Mitarbeiter nicht richtig zu erkennen, ob sie nun wirklich betäubt seien.

Nach dem Betäuben das Entbluten

Nach dem Strom folgt das Entbluten, bei dem Schlachthofmitarbeiter die Halsadern öffnen. Hat das Tier eine gewisse Menge an Blut verloren, setzt der Herzstillstand ein. Sowohl beim Betäuben als auch beim Entbluten kann es zu Fehlern kommen, sodass Tiere währenddessen oder im weiteren Verlauf des Schlachtprozesses Schmerzen erleiden, etwa in der Brühanlage, wo sich bei 60 Grad Celsius die oberste Hautschicht mit den darin befindlichen Borsten lösen soll.

Was für Schlachtschweine gilt, gilt laut Pichl im Besonderen für die etwa drei Mal so schweren Sauen. „In diesem Bereich gibt es sehr viele Missstände“, so die Mitarbeiterin des Tierschutzbundes. „Sauen brauchen viel mehr Strom als Schlachtschweine, bevor sie tatsächlich betäubt sind.“ Auch in dem emsländischen Schlachthof kommen nach Informationen unserer Redaktion Stromzangen zum Einsatz.

Gas statt Strom?

Als weniger fehleranfällig gilt die Betäubung mit CO2. Dabei fahren die Tiere häufig in einer Art Gondel in einen Keller, wo sie solange einer Gasatmosphäre ausgesetzt werden, bis sie bewusstlos umfallen. „Aber auch das ist kritisch. Etwa zehn bis zwanzig Sekunden vor dem Bewusstseinsverlust leiden die Tiere unter Atemnot“, sagt Pichl. Sie fordert: Jedes Tier müsse vor der Schlachtung darauf untersucht werden, ob es auch wirklich bewusstlos ist.

Professor Thomas Blaha, Vorsitzender der tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz, attestiert der Schlachtbranche Fortschritte im Bereich Betäubung und Schlachtung. Es würden Techniken entwickelt und eingesetzt, die immer mehr Fehlerquellen ausmerzten. So gebe es etwa Waagen, die das Blut beim Entbluten auffangen und wiegen. Ist die Menge zu gering und besteht die Gefahr, dass das Tier noch lebt, schlägt die Gerätschaft Alarm. „Wissen, was richtig ist, heißt aber nicht gleich, dass auch das Richtige gemacht wird“, schränkt Blaha ein. Er formuliert die Anforderung an Schlachthöfe und Mitarbeiter so: „Der Mensch hat bis zum Tod des Tieres die Verantwortung dafür zu übernehmen, dass Leben und Sterben der Tiere angstfrei, schmerzfrei und würdevoll verläuft.“

Weitere Nachrichten aus dem Agrarbereich auf www.noz.de/landwirtschaft


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN