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Osmanen Germania Boxclub Landeskriminalamt hat Osnabrücker Rocker im Visier

Von Jörg Sanders und Janine Richter

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yjs/jar Osnabrück. Mit Sorge blicken die Ermittlungsbehörden auf die neue Rockergruppe Osmanen Germania Boxclub in Osnabrück. Droht ein Rockerkrieg? Sind Jugendliche in Gefahr?

Der Osmanen Germania Boxclub (BC) ist die wohl derzeit am schnellsten wachsende rockerähnliche Gruppierung Deutschlands, insbesondere in Nordrhein-Westfalen. So rasant, dass sich der Innenausschuss des Landes Niedersachsen am Donnerstag mit dem Club beschäftigte.

Auch in Niedersachsen vertreten

In Niedersachsen ist die rockerähnliche Gruppierung dem Landeskriminalamt (LKA) zufolge ein Mal vertreten: in Stadt und Landkreis Osnabrück, bestätigte Pressesprecherin Stephanie Weiß auf Anfrage unserer Redaktion. Die Ortsgruppe habe sich im Oktober 2015 gegründet. Die Zahl der Mitglieder lasse sich schwer eruieren, da die Rocker nicht alle als solche erkennbar seien. Eine vage Schätzung des LKA geht von zehn bis 30 Mitgliedern aus. Die Polizeiinspektion Osnabrück geht von derzeit 17 Mitgliedern aus, bestätigte Pressesprecher Georg Linke unsere Redaktion.

Ein festes Clubhaus hätten die Rocker nicht. Sie hielten sich laut LKA stattdessen in einem Gastronomiebetrieb in der Osnabrücker Innenstadt auf. Weiß verriet nicht, welcher das ist.

Die meisten Mitglieder hätten einen Migrationshintergrund. Mehrere Mitglieder seien der Polizei bekannt. Das Spektrum ist breit, darunter Rohheits-, Eigentums- und Betäubungsmitteldelikte. Bislang seien einige Mitglieder aber nur als Einzelpersonen strafrechtlich in Erscheinung getreten – nicht als Clubmitglieder, betonte Weiß.

Laut LKA nimmt die Ortsgruppe Osnabrück aktiv an den bundesweiten Clubtreffen teil und richtete ihrerseits im Dezember 2015 ein als „Nikolausparty“ deklariertes überregionales Treffen mit rund 300 Teilnehmern in einem Veranstaltungssaal in Osnabrück aus.

Weitere Erkenntnisse des Landeskriminalamtes Niedersachsen

Der Osmanen Germania BC beschäftigte auch den Landtag in dieser Woche. Mehrere Landtagsmitglieder der SPD und Grünen hatten sich mit einer Anfrage an die Landesregierung gewandt und wollten mehr über die Gruppierung in Osnabrück wissen. Am Freitag hat die Landesregierung im Landtag geantwortet.

Diese Antwort bestätigt, dass sich der Osmanen Boxclub Ende 2014 in Frankfurt am Main gegründet habe. Im Mai 2015 sei dann die Aufspaltung dieses Boxerclubes in den Osmanen BC Frankfurt sowie den Osmanen Germania BC Rodgau erfolgt.

Der Osmanen BC Frankfurt hat am 24. Januar 2016 eine weitere Ortsgruppe in Kassel gegründet. Der Osmanen Germania Boxclub hat sich hingegen deutschlandweit ausgebreitet. Neun der bundesweit 22 Charter (Ortsgruppen) sind in NRW: in Aachen, Bielefeld, Bochum, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Köln und Münster.

Bundesweit sollen der Gruppierung nach eigenen Angaben 2500 Mitglieder angehören - weltweit sogar 3500. Sie haben Strukturen in Deutschland, der Türkei, Österreich, der Schweiz und Schweden aufgebaut - bisher 11 Ortsgruppen. Laut Innenministerium ist eine weitere Expansion in Deutschland geplant.

Gründungsmoment: Hells Angels lehnten Migranten ab?

Die Osmanen Germania BC bezeichnen sich laut LKA als „eine große Familie für alle verschiedenen ethnischen Gruppen“ und wollen nach eigenen Angaben Jugendliche von der Straße holen und ihnen sportliche Aktivitäten näherbringen. Dementsprechende Aktivitäten ließen sich seit der Gründung bei der Ortsgruppe Osnabrück jedoch nicht nachweisen.

Der Gründung des Clubs soll ein Streit über die Aufnahme von Migranten bei den Hells Angels vorausgegangen sein. Der ehemalige Hells-Angels-Funktionär und Kriminelle Necati A. werde mit der Gruppe in Verbindung gebracht. Über Medien wie dem Kölner Express hätten sich beiden Gruppen einen Schlagabtausch geliefert und die Osmanen hätten in Neuss und Duisburg bereits ihre Macht demonstriert.

Das Verhältnis des OGBC Osnabrück zu anderen lokalen Ortsgruppen insbesondere dem Hells Angels MC oder dem Bandidos MC und Gremium MC bewerte das LKA Niedersachsen augenblicklich als „neutral“. „Situativ sind jedoch potenzielle Auseinandersetzungen zwischen dem OGBC und anderen Rockergruppierungen respektive rockerähnlichen Gruppierungen im Bereich Osnabrück nicht auszuschließen.“

Sind die Osmanen Germania ein Boxclub?

Für die Osmanen Germania gilt das Kuttenverbot nicht, das das niedersächsische Innenministerium 2014 für 26 Rockerclubs im Land erlassen hatte. Laut LKA Niedersachsen und Landesregierung adaptieren aber sowohl der OGBC als auch die Ortsgruppe in Osnabrück das äußerliche Erscheinungsbild der traditionellen Rockergruppen.

Die Mitglieder tragen sogenannten Kutten mit Abzeichen („Patches“) und strukturieren sich ebenfalls hierarchisch durch Funktionsbezeichnungen wie „Anführer, Vertreter, Sekretär, Anwärter“ usw. Dennoch haben sie laut eigenen Aussagen kein Interesse am Motorradfahren und grenzen sich insoweit von den traditionellen Rockergruppierungen und Motorradclubs ab. Laut LKA Niedersachsen sei eine besondere Affinität zum Boxsport beim OGBC bisher nicht beobachtet worden.

Aufgrund dieser Erkenntnisse über den Osmanen Germania BC stufen die Landesregierung, das Bundeskriminalamt und auch die Landeskriminalämter in Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen den OGBC als rockerähnliche Gruppierung ein.

Weiterlesen: Übersicht: Das sind die Rockerclubs in Niedersachsen

NRW fürchtet Rockerkrieg

In Neuss (25. Januar) und der Rockerhochburg Duisburg (27. Januar) stand sich die Polizei erst kürzlich je einer großen Gruppe der Osmanen Germania gegenüber. Dabei habe die Polizei der Landesregierung zufolge 97 Mitglieder und Unterstützer (Supporter) mit Wohnsitz in NRW identifiziert. Zu den meisten der kontrollierten Personen gebe es „kriminalpolizeiliche Erkenntnisse“, heißt es in dem Bericht der NRW-Landesregierung, der unserer Redaktion vorliegt – primär wegen Gewalt- und Drogendelikten. Das Landeskriminalamt befürchtet, die Osmanen Germania könnten im Kampf um Einflussgebiete einen Rockerkrieg mit den Hells Angels anzetteln.

„Die Osmanen kommen“

In einem martialisch wirkenden Youtube-Video machen die Rocker keinen Hehl aus ihren Absichten. Von Waffen und Zuhälterei ist dort unter anderem die Rede, man sei kampfbereit. In einem weiteren Video auf der Facebookseite der Rocker heißt es sogleich im ersten Satz: „Wir übernehmen das ganze Land.“ Ihre Männer stünden bis zum letzten Tropfen Blut auf dem Schlachtfeld. Sie hätten „Krieger, die keine Angst haben, für ihre Männer eine Kugel zu fangen“. Mitglieder halten großkalibrige Waffen in die Kamera.

Gewalt in Bielefeld

Osmanen Germania sind aber nicht die einzigen Rocker, die womöglich Ansprüche auf Gebiete und Milieus erheben. Erst am Sonntagabend war es zu einer Auseinandersetzung zwischen den Hells Angels respektive Turkey Nomads und Mitgliedern der rockerähnlichen Gruppe United Tribuns aus Osnabrück gekommen. Dabei kam es zum Einsatz von Baseballschlägern und Messern. Da die Rocker gegenüber der Polizei in der Regel keine Aussage machen, wie auch in diesem Fall, ist der Hintergrund der gewalttätigen Auseinandersetzung unbekannt.

Die Landesregierung in NRW versichert, mit einer Null-Toleranz-Strategie gegen Rocker vorzugehen. Die Opposition hingegen beklagt, die Rocker könnten sich problemlos ausbreiten.

Brothers MC

Relativ neu ist auch die Gruppe Brothers MC. Sie wurde Ende 2014 aus ehemaligen Mitgliedern des Bandidos MC gegründet. In NRW gibt es der Landesregierung zufolge fünf Charter: Aachen, Köln, Velbert, Witten und Salt City (ehemals Ostwestfalen) in Ostwestfalen-Lippe. Ihnen sollen 74 Mitglieder angehören. Sich selbst beschreiben die Rocker als Onepercenter (Einprozenter), also als gesetzlose Außenseiter – im Gegensatz zu den 99 Prozent gesetzestreuen Bürgern –, die sich nicht an gesellschaftliche und rechtliche Konventionen halten wollen.

Ferner bezeichnet sich der Brothers MC als Auffangbecken für ehemalige Angehörige anderer Rockergruppen, zumeist der Bandidos und deren Supporter (Unterstützer). Bislang seien sie Ende 2014/Anfang 2015 bei gewalttätigen Auseinandersetzungen im Bereich Düsseldorf und Köln polizeilich in Erscheinung getreten, insbesondere mit Mitgliedern der Hells Angels, heißt es in dem Bericht der NRW-Landesregierung.

Zum Kölner Karneval hatte die Gruppierung ihre Mitglieder aufgefordert, „Präsenz zu zeigen“. Die Polizei traf am 8. Februar ein Mitglied des Brothers MC an und erteilte diesem einen Platzverweis für die Stadt.

Weiterlesen: Mehr als 800 Rocker in mehr als 70 Clubs in Niedersachsen


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