Amtsärzte beklagen Überlastung Kranke Flüchtlinge: Land lehnt Schulungsangebot für Ärzte ab

Von Dirk Fisser

Arzt bei der Arbeit: Viele Amtsärzte sind derzeit im Zuge der Flüchtlingskrise im Einsatz. Das führe zu einer Überlastung und langen Wartezeiten bei Gesundheitsämtern, beklagt der Berufsverband. Foto: dpaArzt bei der Arbeit: Viele Amtsärzte sind derzeit im Zuge der Flüchtlingskrise im Einsatz. Das führe zu einer Überlastung und langen Wartezeiten bei Gesundheitsämtern, beklagt der Berufsverband. Foto: dpa

Osnabrück. Die Flüchtlingskrise stellt auch Mediziner vor besondere Herausforderungen. Der Bundesverband der Amtsärzte beklagt eine Überlastung, Wartezeiten nehmen zu. In Niedersachsen ärgert sich derweil ein Unternehmer, der Amtsärzte weitgehend kostenlos weiterbilden wollte. Doch das Land lehnte ab.

Thomas Ly aus Hannover hatte sich schriftlich an das Gesundheitsministerium gewandt. Er ist Geschäftsführer eines medizinischen Unternehmens, das sich unter anderem auf Fragen der Infektiologie spezialisiert hat. Angesichts der Flüchtlingskrise unterbreitete er dem Ministerium das Angebot, kostenlos Fortbildung auch für Amtsärzte anzubieten. Lediglich die Kosten für das Material und einen Raum hätten übernommen werden müssen.

Ly – selbst Mediziner - treibt dabei nach eigenen Angaben die Sorge um, dass in Deutschland fast vergessene Infektionskrankheiten durch Flüchtlinge wieder relevant werden. „Das Wissen ist bei den Ärzten nicht da“ sagt er. (Mehr zur Flüchtlingskrise auf www.noz.de/fluechtlinge )

Abfuhr aus dem Ministerium

Das Ministerium sieht das anders und lehnte das Angebot zur Fortbildung der Amtsärzte, die die Erstuntersuchung übernehmen, ab. Die CDU im Landtag fragte noch einmal nach, warum genau. Die Antwort: Zum einen gebe es ausreichend Informationsmaterial für Mediziner. Zum anderen hätten sich 90 Prozent der erkrankten Flüchtlinge erst in Deutschland angesteckt. „Das heißt die Asylsuchenden sind eher eine gefährdete Gruppe als eine Gruppe, die andere gefährdet“, so das Ministerium im Oktober.

Die Gefahr der Einschleppung seltener Infektionskrankheiten durch Flüchtlinge sei gering. „Nach Auffassung der Landesregierung besteht daher allein durch die Aufnahme von Flüchtlingen in Niedersachsen kein besonderer Fortbildungsbedarf bezüglich Infektionskrankheiten, der nicht durch die Bereitstellung von Informationsmaterial [...] bereits erfüllt wäre.“

Ehrenamtliches Angebot

Ly ärgert die Haltung des Ministeriums. Kurzerhand hat er für die kommende Woche auf eigene Kosten ein Fortbildungsseminar gestartet. Die Kosten beziffert er mit mehreren Tausend Euro, die er aus eigener Tasche zahlen will. Beim Blick auf die Anmeldungen sieht er sich bestätigt: Amtsärzte aus mehreren Bundesländern – auch aus Niedersachsen - wollen an dem Seminar teilnehmen, das einen Überblick über sogenannte Migrationskrankheiten geben soll. Ly sieht sich bestätigt und fragt: „Weiß das Ministerium vielleicht gar nicht, was an der Basis los ist?“ (Mehr zur Flüchtlingskrise auf www.noz.de/fluechtlinge )

Verband: Amtsärzte überlastet

Zuvor hatte bereits der Verband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) darauf hingewiesen, dass Fortbildungsbedarf bestünde. Bei Krankheiten wie Polio oder Ruhr fehle es den Ärzten in Deutschland an Erfahrung, hieß es. Schließlich kämen sie hier nur selten vor.

Der Dachverband der Amtsärzte will die Befürchtungen so nicht bestätigen, hat aber ganz andere Sorgen im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise. Im Gespräch mit unserer Redaktion beklagte Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, eine Überlastung der Gesundheitsämter in Deutschland. Die Amtsärzte werden in der Untersuchung von Flüchtlingen eingesetzt. Teichert: „Seit Jahren wird der öffentliche Gesundheitsdienst kaputt gespart. Das rächt sich jetzt.“

Wartezeiten von mehreren Wochen

Laut Teichert kommen die Amtsärzte aufgrund der Verpflichtungen im Zuge der Flüchtlingskrise kaum noch dazu, sonstige Aufgaben zu erfüllen. „Die Wartezeiten in den Gesundheitsämtern werden immer länger“, sagte Teichert. Sie spricht mittlerweile von mehreren Wochen. Gesundheitsämter sind beispielsweise zuständig für Impfungen bei Auslandsreisen oder Einstellungsuntersuchungen. (Weiterlesen: Mobile Praxis für Flüchtlinge in Hesepe)

Derzeit sind zahlreiche Amtsärzte in die Untersuchung von Asylbewerbern eingebunden. Nach Angaben des Bundesverbandes sind 2500 Amtsärzte in Gesundheitsämtern beschäftigt. „Die Zahl muss auf mindestens 3000 aufgestockt werden, damit die Daseinsfürsorge weiter sichergestellt werden kann“, sagte Teichert.

Mehr zur Flüchtlingskrise auf www.noz.de/fluechtlinge


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