Migration in die alte BRD Historiker: „Flüchtlinge wurden argwöhnisch beäugt“

Von Joachim Göres

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Die Bilder gleichen sich: DDR-Flüchtlinge 1989 auf dem Weg nach Österreich. Foto: dpaDie Bilder gleichen sich: DDR-Flüchtlinge 1989 auf dem Weg nach Österreich. Foto: dpa

Hannover. Aus der Geschichte lernen? Eine Frage, die vor allem Historiker beschäftigt – so auch am Samstag in Hannover auf einer Arbeitskreistagung der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen über „Migration und Flucht nach Niedersachsen“. Parallelen zu heute sind unübersehbar.

„Anfang der 50er-Jahre galten die meisten Zuwanderer aus der DDR als Wirtschaftsflüchtlinge, die argwöhnisch beäugt wurden“, sagt Jochen Oltmer, Historiker an der Uni Osnabrück.

Bis 1961 kamen knapp drei Millionen Menschen aus der DDR in die Bundesrepublik. Ein Viertel waren unbegleitet in den Westeneingereiste Minderjährige. 250000 Jungen wurden in Sandbostel bei Bremervörde für etwa einen Monat aufgenommen, 80000 Mädchen im nahe gelegenen Westertimke. „In den Notaufnahmelagern erfasste man ihre Ausbildung und stellte die Weichen für den Berufsweg, bevor sie auf Heime in die Bundesländer verteilt wurden“, sagt Andrea Genest, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Erinnerungsstätte Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde.

Rund 700000 Schlesier kamen nach dem Krieg nach Niedersachsen. „Es gab Hilfe, aber der Großteil der Flüchtlinge machte ganz andere Erfahrungen. Das darf uns heute nicht wieder passieren“, sagt der Historiker Carl-Hans Hauptmeyer von der Uni Hannover. Er ist optimistisch: „Nach dem Krieg war die einheimische Bevölkerung durch die NS-Erfahrung demoralisiert. Das ist heute anders, die Hilfsbereitschaft ist viel größer.“

„Fehler nicht wiederholen“

Mercedes Martinez schreibt gerade ihre Doktorarbeit über spanische Arbeitsmigranten, die bis 1973 in die Bundesrepublik kamen. 80 Prozent von ihnen waren Analphabeten. Von ihren Nachkommen hatten im Jahr 2010 über 25 Prozent das Abitur, deutlich mehr als bei jungen Leuten aus der Türkei, Griechenland und Italien. „Wichtig waren die vielen spanischen Elternvereine, die Nachhilfe organisierten und für Spanischunterricht sorgten. Dieses Engagement gab es bei den anderen Gastarbeiternationen nicht so stark“, sagt Martinez. Sie warnt davor, Fehler von gestern zu wiederholen: „Ausländische Kinder gingen damals bis zu zwei Jahre in Nationalklassen, wo sie kaum Deutsch lernten und danach oft auf der Sonderschule landeten. Die heutigen Eingangsklassen mit rein ausländischen Kindern sind der falsche Weg – sie müssen gleich mit deutschen Schülern zusammenkommen.“

„Ökonomie wichtiger als Politik“

Der Historiker Detlef Schmiechen-Ackermann hat sich mit polnischen Migranten beschäftigt, die zwischen 1870 und 1930 nach Misburg bei Hannover als Industriearbeiter kamen. 1918 mit der Gründung des Staates Polen mussten sich die Polen in Deutschland für eine Staatsbürgerschaft entscheiden. Ein Drittel ging zurück nach Polen, ein Drittel blieb in Deutschland, ein Drittel zog in die Industrie- und Bergbaugebiete Frankreichs. Sein Fazit: „Die Ökonomie spielt eine größere Rolle als die Politik. Die Mehrheit geht dorthin, wo sie die größten Lebenschancen sieht.“

Dies trifft wohl auch auf die 350.000 bosnischen Bürgerkriegsflüchtlinge zu, die 1996 nach Deutschland kamen. Fünf Jahre später lebten hier nur noch 20.000 von ihnen.

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