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Gemeinde plant Zertifikat Werkvertrags-Schlachter: Sögel will Schluss machen mit fragwürdigen Unterkünften für „Eimermenschen“


Sögel. Was ist aus den sogenannten Eimermenschen geworden? Im Herbst berichtete unsere Zeitung über die Lebensumstände einiger ausländischer Schlachter in der Samtgemeinde Sögel. Sogar der Landtag in Hannover beschäftigte sich daraufhin mit dem Thema. Was sich getan hat, zeigt ein erneuter Besuch im nördlichen Emsland.

Günter Wigbers wurmen die Negativschlagzeilen noch heute. Einzelfälle hätten die insgesamt positive Situation in seiner Samtgemeinde überschattet, findet der Bürgermeister. Das alte Hotel Lucull sei so ein Einzelfall gewesen. Unsere Zeitung hatte über das Gebäude berichtet , in dem Schlachter untergebracht sind. Im Herbst glichen die Räumlichkeiten mehr einer Baustelle als einer Unterkunft für Menschen: Kabel von der Decke, kahle Wände, Bauschutt.

Der Landkreis hatte Nachbesserungen beim Brandschutz angeordnet und eine Nutzung des Kellers als Wohnraum untersagt. Ein Jahr zogen sich die Renovierungsarbeiten in die Länge. Die Schlachter aber blieben in dem Haus wohnen – mit dem Segen des Landkreises, der eine komplette Räumung nicht für notwendig hielt.

Lucull steht für das, was in der Samtgemeinde passiert: Seitdem die ausländischen Arbeiter in Sögel schlachten, wittern Immobilienmakler und Gebäudebesitzer das große Geschäft – nicht alle, aber einige. Wohnraum ist in der ländlich geprägten Samtgemeinde knapp, doch irgendwo müssen die rund 900 Schlachter unterkommen. Leer stehende Gebäude wie das alte Hotel Lucull wurden und werden aufgekauft und hergerichtet. Manchmal nur notdürftig.

2800 Euro Miete

Und manchmal sind die Mieten auch deutlich zu hoch. Samtgemeindebürgermeister Wigbers berichtet von einem Wohnhaus in seiner Samtgemeinde, dass für 2800 Euro vermietet worden sei. Wucher, findet der CDU-Politiker.

Doch er hat einen Plan, wie die Missstände künftig eingedämmt werden können. „Und der wird noch für einigen Ärger sorgen“, sagt der CDU-Politiker jetzt schon im Voraus. Er stellt sich auf unruhige Zeiten in seiner Samtgemeinde ein, denn seine Verwaltung soll denen auf die Füße treten, die in der breit geführten Diskussion um Werkverträge bislang kaum Beachtung gefunden haben: „Zu diesem unschönen Spiel gehören auch die Vermieter.“

Sie sollen jetzt in die Pflicht genommen werden. In Absprache mit dem Schlachthof will Wigbers Folgendes erreichen: Wer an Werkvertragsarbeitnehmer oder an deren Unternehmen vermieten will, muss seine Unterkunft durch die Samtgemeinde zertifizieren lassen. Und so ein Zertifikat gibt es nur dann, wenn der ortsübliche Mietpreis von fünf Euro pro Quadratmeter eingehalten wird. Zudem müssen jedem Bewohner zehn Quadratmeter zur Verfügung stehen – davon sechs Quadratmeter für den Schlafbereich.

Die Anforderungen gehen laut Wigbers über die Richtlinien des Landkreises Emsland hinaus. Der fordert sechs Quadratmeter pro Person und mindestens ein WC und eine Dusche pro acht Personen. Die Vorgaben hatte der Kreistag nach den Berichten über das Hotel Lucull noch einmal bestätigt – allerdings sind es im Vergleich mit den umliegenden Landkreisen die schwächsten.

Wigbers will seine Mitarbeiter mit Maßband und Zollstock aussenden. Jede Unterkunft soll auf Einhaltung der Vorgaben vermessen werden. Wer sich nicht daran hält, wird vom Schlachthof nicht als Werkvertragsunternehmen akzeptiert. So der Plan.

Das Vorhaben ist in der Region bislang ziemlich einmalig. Es stellt sich die Frage, ob Vermieter aus Kostengründen nicht auf die Umlandgemeinden von Sögel ausweichen. Mangels Mietraums ist das manchmal jetzt schon der Fall.

Ein Besuch im alten Hotel „Pingel Anton“ in der Nähe des Bahnhofs der Gemeinde Lathen: Wie im Fall Lucull wurde der Hotelbetrieb aufgegeben. Jetzt wohnen hier Schlachter. Nach Recherchen unserer Zeitung rund 50 Menschen. Jeden Tag werden sie im Kleinbus 16 Kilometer zum Schlachthof hin und 16 Kilometer wieder zurückgefahren.

Die Zimmer sind abgewohnt, in der Regel mit zwei Doppelstock-Betten und einem kleinen Bad-Bereich ausgestattet. 75 Euro soll ein Bewohner pro Monat zahlen. In einem Raum leben drei Männer. Nach Vorgaben des Landkreises müsste das Zimmer demnach mindestens 18 Quadratmeter groß sein. Ob die Maßgaben eingehalten werden, scheint zumindest auf den ersten Blick fraglich. In anderen Landkreisen wäre die Dreifach-Belegung wohl nicht gestattet.

Sögels Bürgermeister Wigbers ist sich darüber im Klaren, dass die Umlandgemeinden in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, wenn das Zertifikat in seiner Samtgemeinde kommt. Aber auch hier werde ja nur eine akzeptable Unterbringung geduldet, so der Verwaltungschef, der darüber nachdenkt, das Zertifikat auch über die Gemeindegrenzen hinaus zu bewerben. Er habe bereits einen Anruf aus Werlte von einem Vermieter erhalten, der eine Zertifizierung gewünscht habe.

Das Vorgehen in Sögel ist eigentlich eine Krücke, denn die Behörden haben kaum gesetzliche Eingriffsmöglichkeiten. Es gibt nach wie vor keine verbindlichen Richtlinien, die auf Bundes- oder Landesebene vorschreiben, wie viel Platz ein Mensch in Deutschland zum Leben braucht. Dem zuständigen Landkreis Emsland bleibt nur zu gucken, ob bauplanungsrechtlich alles seine Richtigkeit hat.

24 Nachkontrollen

In diesem Jahr waren die Prüfer nach Kreisangaben in 24 Gebäuden. In der Regel sei alles in Ordnung gewesen. Nur in Einzelfällen habe eine Nutzungsuntersagung ausgesprochen werden müssen. Zwei dieser Einzelfälle lagen demnach in der Samtgemeinde Sögel. Hier stehen zudem noch 24 Nachkontrollen von Häusern aus, in denen die Kontrolleure im vergangenen Jahr Beanstandungen hatten.

Im alten Hotel Lucull ist mittlerweile aus Kreissicht alles in Ordnung. Der Besitzer, ein Unternehmen aus Hannover, hat eine PR-Agentur engagiert, um die frisch gestrichenen Wände, den neu verlegten Teppich und die edelstahlglänzende Einbauküche zu präsentieren. 65000 Euro seien in die Renovierung geflossen, heißt es. Dem neuen Verhaltenskodex der Gemeinde könne man gelassen entgegensehen.

Am Hauseingang hängt noch der alte Briefkasten. 54 Namen waren hier im Herbst angeschlagen. Mittlerweile sind es nur noch 37. Mehr hätten hier auch nie gewohnt, wird behauptet.

Es bleiben Fragen. Auch danach, wann die weißen Eimer der Schlachter durch Kühltaschen ersetzt werden. Die Behälter hatten den Mitarbeitern im Ort den Namen „Eimermenschen“ eingebracht.

Um eine weitere Stigmatisierung zu vermeiden, sollten sie durch Kühltaschen ersetzt werden. Das soll jetzt in Kürze geschehen, sagt ein Sprecher des Schlachthofs. Die Taschen seien bereits bestellt.


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