Können Flüchtlinge helfen? Fachkräftemangel bedroht regionale Wirtschaft



Osnabrück. Die Krisen der Welt können der regionalen Wirtschaft wenig anhaben – auch in bewegten Zeiten zeigt sie sich nach einer Auswertung der Handwerks- sowie der Industrie- und Handelskammer robust. Mehr noch: die Geschäftserwartungen hellen sich sogar auf. Zunehmend zur Bedrohung für die Unternehmen wird aber der Mangel an Arbeitskräften. Können Flüchtlinge helfen?

Zumindest nicht kurzfristig. Darin waren sich Marco Graf und Sven Ruschhaupt, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) beziehungsweise der Handwerkskammer (HWK) in der Region Osnabrück, dem Emsland und der Grafschaft Bentheim, einig. Sie warnten vor übertriebenen Erwartungen, machten aber zugleich deutlich, dass die Arbeitskraft der Flüchtlinge gebraucht werde.

Offene Stellen in jedem dritten Betrieb

Allein unter den mehr als 10.000 Handwerksbetrieben in diesem Gebiet verzeichne etwa jedes dritte Unternehmen offene Stellen, die nicht besetzt werden können. Neben der Sprachbarriere sei der ungeklärte Aufenthaltsstatus der Migranten häufig ein Hindernis. Ruschhaupt berichtete von einem Sprachkurs für zehn Flüchtlinge in Meppen, der auch mithilfe seiner Kammer organisiert worden sei. Sieben der zehn Asylbewerber seien mittlerweile wieder abgeschoben worden oder zumindest nicht mehr in der Region. (Weiterlesen: Mehr zur Flüchtlingskrise auf www.noz.de/fluechtlinge)

Fünf Jahre Aufenthalt

IHK-Hauptgeschäftsführer Graf unterstrich: Eine Ausbildung sei für den Unternehmer eine Investition, die sich auch rechnen müsse. Das sei nicht der Fall, wenn der Azubi entweder noch während der laufenden Lehre oder kurz nach dem Berufsabschluss in sein Heimatland zurückgeschickt werde. Die beiden Kammervertreter unterstützten die Forderung nach einem sicheren Aufenthaltsstatus für Azubis von mindestens fünf Jahren: drei während der Ausbildung und zwei danach.

Warten auf den Handwerker

Ruschhaupt erklärte, dass die Verfügbarkeit von Personal zunehmend limitierender Faktor bei der Auftragsannahme sei. Kunden müssten derzeit damit rechnen, dass sie mehrere Wochen warten müssten, bis der Handwerker Zeit für sie habe. „Die Auftragsbücher sind jedenfalls gut gefüllt.“

Das macht sich auch beim Konjunkturklima bemerkbar. Bei der Herbstumfrage der Kammern zeigt der Index für beide Bereiche nach oben. Die starke Binnennachfrage sei dafür verantwortlich, sind sich die Hauptgeschäftsführer einig. Die Geschäftslage bezeichneten die meisten der befragten Unternehmen als gut - im Handwerksbereich sogar ein Rekordwert von 37 Prozent - oder zumindest als befriedigend, die Geschäftserwartungen als gut oder zumindest gleich. Gerade die Erwartungen waren vor einem Jahr noch deutlich negativer. (Weiterlesen: 2014 ging die Stimmung noch bergab)

Zahl der Beschäftigten gestiegen

Graf kündigte an, dass sich die positiven Aussichten wohl auch bei der Zahl der Neuanstellungen niederschlagen werden. Im laufenden Jahr stieg die Zahl der Beschäftigten im IHK-Bereich um 5700. Mit einem ähnlich positiven Effekt sei für 2016 zu rechnen, kündigte der Hauptgeschäftsführer an – wenn denn die Azubis oder Fachkräfte gefunden werden können. „Mittlerweile ist es eben so, dass sich der Auszubildende den Betrieb aussuchen kann. Das war früher einmal anders“, so Graf.

Auswirkungen von VW-Krise ungewiss

Während also Russland- oder Euro-Krise der regionalen Wirtschaft bislang keinen nachhaltigen Schaden zufügen konnten, ist noch unklar, wie sich der Diesel-Skandal beim Autobauer Volkswagen auswirken wird. Die Befragung zu Geschäftserwartungen erfolgte vor dem Bekanntwerden der Motormanipulationen in zahlreichen VWs. Graf wollte zumindest nicht ausschließen, dass Zulieferbetriebe aus dem Bereich der IHK von Einsparungen betroffen sein könnten. Für die Handwerkskammer konnte Ruschhaupt der Krise hingegen sogar etwas Positives abgewinnen: Der Rückruf von 2,4 Millionen Volkswagen in Deutschland verschaffe den Werkstätten in der Region unerwartete Arbeit. (Mehr zum Diesel-Skandal auf www.noz.de/vw)


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