Callcenter-Betrug vor Gericht Falsche Gewinnversprechen treiben Opfer in Selbstmord

Meine Nachrichten

Um das Thema Niedersachsen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Die mutmaßlichen Betrüger lebten im Luxus, prahlten mit teuren Uhren und Luxusautos. Ihre Opfer aber hatten sie mit ihren falschen Gewinnversprechen an den Rand des Ruins getrieben – und manchmal auch darüber hinaus: Einige begingen Selbstmord. Jetzt muss sich ein Teil der Hintermänner eines weitgespannten Betrugsnetzes vor dem Landgericht Osnabrück verantworten. Am Montag beginnt der Prozess.

Zwischen 24 und 33 Jahre sind die Beschuldigten aus Hamburg und Bremen alt, die auf der Anklagebank Platz nehmen werden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen 109 Straftaten vor, in der Hauptsache gewerbs- und bandenmäßiger Betrug. Von Juni 2012 bis Oktober 2014 sollen sie mit falschen Gewinnversprechen Geschädigte - vor allem Senioren - in ganz Deutschland um insgesamt rund 900.000 Euro gebracht haben.

13,5 Millionen Euro ergaunert

Die Angeklagten gehören dabei zu einem weit größeren Netzwerk, dass 3500 Menschen aus dem deutschsprachigen Raum um zusammengenommen bis zu 13,5 Millionen Euro gebracht haben soll. Anzeigen aus der Region Osnabrück und dem Emsland brachten die Ermittlungen ins Rollen – und offenbarten das ausgeklügelte Betrugssystem:

Das Telefon klingelt, im Display eine Nummer aus einer deutschen Großstadt. Am anderen Ende der Leitung ein vermeintlicher Notar, Rechtsanwalt, Bankvertreter oder sonst irgendjemand, der zum Gewinn eines fünfstelligen Geldbetrages gratuliert. Die Summe könne ausgezahlt werden, sobald ein vierstelliger Betrag überwiesen oder per Post verschickt worden ist. Damit sollten Notarskosten oder Zollgebühren beglichen werden.

Nichts an diesem Anruf stimmt. Nicht einmal die Telefonnummer, die mit technischen Hilfsmitteln manipuliert worden ist. Und doch fielen Tausende Menschen im deutschsprachigen Raum in den vergangenen Jahren auf die Betrüger herein. „Wenn der Anruf länger als fünf Minuten dauert, dann endet es übel“, berichtete ein Ermittler auf einer Pressekonferenz im Frühjahr in Oldenburg.

Als falsche Polizisten ausgegeben

Das Perfide: Es blieb wohl oftmals nicht bei diesem einen Anruf. Hatte das ältere Opfer erst einmal mehrere tausend Euro überwiesen, klingelte wieder das Telefon. Am anderen Ende dieses Mal ein falscher Kriminalbeamter.

Auf der Pressekonferenz in Oldenbur g spielten die echten Ermittler ein solches abgefangenes Telefonat ab: Eine ältere Dame meldet sich mit brüchiger Stimme. Sofort poltert es am anderen Ende los, was denn in die Frau gefahren sei. Sie habe mit ihrer Überweisung in Höhe von mehr als 6000 Euro Verbrechern geholfen und nicht der Polizei. Sie müsse 3670 Euro überweisen, um der Polizei zu helfen. „Ich habe nichts mehr“, entgegnet die Frau. „Dann holen sie es doch von der Bank“, blafft sie der falsche Polizist an.

Opfer brachten sich um

Mehrere Zehntausend Euro ergaunerten die Betrüger so oder so ähnlich von Einzelpersonen. Einige Opfer sollen sich das Leben genommen haben, als sie erkannt haben, in welche Situation sie sich manövriert hatten. Andere wollten auch der echten Polizei nicht glauben, dass sie ihren Gewinn nie erhalten werden, berichteten die Kriminalbeamten aus Oldenburg. Die jagen seit Jahren gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft Osnabrück die Verbrecher. In letzter Zeit gab es verschiedene Erfolge. Bei Razzien in der Türkei konnten mithilfe der Erkenntnisse aus Deutschland mehrere Betreiber illegaler Callcenter festgenommen werden. Von der Türkei aus wurde im deutschsprachigen Ausland angerufen. Hierhin wurde das Geld geschickt. Die Agenten am Telefon erhielten nach Erkenntnissen der Ermittler 2000 Euro im Monat plus Prämien. Die Ermittlungen in der Türkei dauern an.

Geld in Babymatratze eingenäht

Auch in Deutschland kam es unter Federführung der Staatsanwaltschaft Osnabrück zu Razzien. Mitte 2014 schlug die Polizei in Hamburg und anderen Städten zu. Luxusgüter wie Limousinen oder Rolexuhren wurden beschlagnahmt. Ein Geldspürhund entdeckte in der Wohnung eines Beschuldigten große Bargeldmengen – eingenäht in die Matratze, auf der sein Baby schlief.

Hohe Dunkelziffer

Der Prozess in Osnabrück basiert auf dieser Razzia. Hunderte Menschen sollen zu Opfern der Männer geworden sein, die jetzt angeklagt sind. Die Ermittler gehen von einer riesigen Dunkelziffer aus. Bei Durchsuchungen konnten Verbindungsdaten sichergestellt werden. Demnach wurden innerhalb von fünf Wochen allein über eine einzige Nummer 31.000 potenzielle Opfer angerufen. Nur fünf bis zehn Prozent der Betroffenen würden den Betrug auch wirklich anzeigen, schätzte Staatsanwalt Christian Bagung.

Der Prozess beginnt am Montag um 9.30 Uhr vor der 15. Großen Strafkammer am Landgericht Osnabrück. Bereits jetzt sind 38 Folgetermine angesetzt.

Mehr zu der Betrugsmasche auf der Internetseite des Bundeskriminalamtes. (Hier klicken)


Folgende Termine sind bislang vor dem Landgericht Osnabrück anberaumt: Montag, 12. Oktober 2015, 15. große Strafkammer, Saal 3 ab 9.30 Uhr, mit Fortsetzungen am 14. Okt. 2015, 14:15 Uhr, 16. Okt., 04. Nov., 12. Nov., 26. Nov., 27. Nov., 03. Dez., 07. Dez., 10. Dez. 2015, 05. Jan., 06. Jan., 12. Jan., 15. Jan., 19. Jan., 20. Jan., 25. Jan., 26. Jan., 02. Febr., 04. Febr., 09. Febr., 11. Febr., 16. Febr., 18. Febr., 23. Febr., 25. Febr., 01. März, 21. März, 04. Apr., 07. Apr., 12. Apr., 14. Apr., 19. Apr., 21. Apr., 26. Apr., 28. Apr., 03. Mai, 10. Mai und 12. Mai 2016, jeweils um 09:30 Uhr in Saal 3. Aktenzeichen: 15 KLs 21/15

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN