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Mit Youtube-Video Vermeintliches Mordopfer plante Abtauchen vor 31 Jahren genau

Von dpa

Eduard Zimmermann im September 1986 im Studio von "Aktenzeichen XY ... ungelöst": Ein vermeintliches Mordopfer ist nach 31 Jahren lebend wieder aufgetaucht. Foto: Istvan Bajzat/ArchivEduard Zimmermann im September 1986 im Studio von "Aktenzeichen XY ... ungelöst": Ein vermeintliches Mordopfer ist nach 31 Jahren lebend wieder aufgetaucht. Foto: Istvan Bajzat/Archiv

Braunschweig. Warum sie 1984 plötzlich untertauchte und drei Jahrzehnte unter falscher Identität lebte, will eine lange totgeglaubte Frau nicht preisgeben. Ihr Verschwinden aber hat sie damals wohl genau geplant. Ihre Familie will die heute 55-Jährige mit offenen Armen empfangen.

Eine vermeintlich ermordete Frau hat ihr Abtauchen vor 31 Jahren genau geplant. Wochen, bevor die damals 24 Jahre alte Studentin aus Braunschweig verschwand, habe sie bereits eine Wohnung in Gelsenkirchen angemietet und heimlich Geld zur Seite gelegt, teilte die Polizei mit.

Die junge Frau nahm damals keinen Koffer mit und ließ alles so aussehen, als sei ihr etwas zugestoßen. Ihren Nachbarn im Studentenwohnheim bat sie allerdings, ihre Blumen zu gießen und die Vögel in der Voliere zu versorgen.

Angehörige reagierten fassungslos

Die Mutter und der Bruder der heute 55-Jährigen hätten fassungslos auf die Entdeckung reagiert, dass ihre Tochter und Schwester noch lebt. Beide hätten den ganzen Tag lang geweint, nachdem sie die Nachricht erhalten hatten. Die 1984 spurlos Verschwundene hatte bei der Polizei ausgesagt, keinen Kontakt zu ihrer Familie mehr haben zu wollen. Wie die «Braunschweiger Zeitung» berichtete, schrieben Mutter und Bruder der Frau, dass sie stets mit offenen Armen empfangen werde, wenn sie es sich anders überlege.

Die Fahnder waren damals von einem Gewaltverbrechen ausgegangen , zumal der Mörder einer Schülerin erklärte, auch die Studentin getötet zu haben, sein Geständnis aber später widerrief. Die Eltern setzten damals eine Belohnung von 5000 Mark aus und zahlten sogar eine Hubschraubersuche aus eigener Tasche, so die Zeitung. Mit 150 Arbeitskollegen suchte der Vater damals die Wälder zwischen Braunschweig und Wolfsburg nach seiner Tochter ab. (Kuriosa und Skandale: Spektakuläre Geschichten aus 500 Folgen „Aktenzeichen XY“)

Frau lebte unter falschem Name

Wie die nun wieder aufgetauchte Frau der Polizei sagte, lebte sie unter einem falschen Namen in verschiedenen westdeutschen Städten, die letzten elf Jahre in Düsseldorf. Als dort jüngst in ihre Wohnung eingebrochen wurde, offenbarte sie den Beamten spontan ihre wahre Identität. «Wir klappen den Deckel jetzt zu. Wir hatten den Aktenordner hier noch stehen», sagte der Braunschweiger Polizeisprecher Joachim Grande am Freitag.

Da die Frau selber über die Gründe ihres Abtauchens nichts preisgeben will, kann über ihr Motiv weiter nur spekuliert werden. Mögliche Gewalt oder sexuelle Übergriffe in der Familie habe die 55-Jährige aber klar ausgeschlossen, als die Polizei sie befragte. Hinweise darauf, dass die Frau selber Straftaten begangen habe, gebe es ebenfalls keine, erklärte die Polizei.

«Dieser Fall mit einem so langen Untertauchen ist schon extrem ungewöhnlich», sagte der Sprecher des Landeskriminalamtes Niedersachsen, Frank Federau. «Dass eine für tot erklärte Person wieder identifiziert wird, ist wirklich einzigartig.» Vollkommen unerklärlich sei, wie es der Frau gelungen sei, so lange ohne Papiere zu leben. «Überall wo man etwas macht, muss man sich ausweisen.» Die Tochter des „Aktenzeichen XY“-Erfinders im Gespräch.)


Aus dem Leben gerissen – vermisste Menschen

Wenn jemand aus unerklärlichen Gründen aus seinem bisherigen Heim verschwindet und von Angehörigen als vermisst gemeldet wird, fahndet die Polizei nach ihm. Erwachsene dürfen frei wählen, wo sie leben wollen – auch ohne das der Familie mitzuteilen. Ist der Vermisste nicht in Gefahr – etwa aus Hilflosigkeit nach einem Unfall oder als Opfer eines Verbrechens - ermitteln die Beamten nur den Aufenthaltsort und fragen den Betreffenden, ob er den Angehörigen mitteilen möchte, wo er ist. Bei Minderjährigen, die ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen dürfen, geht die Polizei in jedem Fall von einer Gefahr für Leib oder Leben aus.

In Deutschland bearbeitet das Bundeskriminalamt (BKA) zentral die Vermisstenfälle. Im Januar 2014 wurden in der BKA-Datei rund 6800 vermisste Personen geführt, etwa die Hälfte davon Kinder und Jugendliche. Erfasst werden Fälle, die sich innerhalb weniger Tage aufklären sowie Vermisste, die bis zu 30 Jahre verschwunden sind. Täglich werden jeweils 250 bis 300 Fahndungen neu erfasst und auch gelöscht. Laut BKA erledigt sich etwa die Hälfte der Fälle innerhalb der ersten Woche, binnen Monatsfrist über 80 Prozent. Drei Prozent der Betroffenen werden länger als ein Jahr vermisst. Bis zu 30 Jahre lang wird nach einem Vermissten gefahndet.

Vermisste Menschen können auch für tot erklärt werden. Diese Erklärung ist in Deutschland nach dem Verschollenheitsgesetz für Angehörige etwa erforderlich, um eine Lebensversicherung ausbezahlt zu bekommen oder ein Erbe antreten zu können. Laut Gesetz kann ein Vermisster nach zehn Jahren für tot erklärt werden. Kürzer ist die Frist, wenn jemand nach Gefahrensituationen verschollen ist. So kann ein Vermisster nach einem Schiffsuntergang nach sechs Monaten und nach einem Flugzeugabsturz nach drei Monaten für tot erklärt werden. Für die Todeserklärungen ist in der Regel das Amtsgericht zuständig, in dessen Bezirk der Verschollene zuletzt gelebt hat. Die Zahl der Fälle wird bundesweit nicht statistisch erfasst. (dpa)

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